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So können Kinder Stress verarbeiten

Psychologie So können Kinder Stress verarbeiten

Es gibt viele versteckte Stressfaktoren, denen Kinder heutzutage ausgesetzt sind und die sich deutlich auf ihre Energiereserven auswirken – sogar während sie schlafen. Das sagt der Psychologe und Experte für frühkindliche Entwicklung Stuart Shanker im Interview. Er erklärt, was Eltern und Kinder gegen den seelischen Druck tun können.

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Heutzutage sind Kinder vielen versteckten Stressfaktoren ausgesetzt, sagt der Psychologe Stuart Shanker im Interview.

Quelle: dpa

Potsdam. Stuart Shanker ist Professor für Psychologie und Philosophie an der York University in Toronto. Der 63-Jährige ist ein Experte auf dem Gebiet der frühkindlichen Entwicklung sowie Vertreter der Methode der Selbstregulierung, hat dazu aktuell ein Buch geschrieben. Im Interview erklärt er, wie Kinder lernen können, Stress auszuhalten und zu verarbeiten.


MAZ:
Herr Shanker, wir leben in unruhigen Zeiten. Manche Eltern haben Angst – zum Beispiel vor einem möglichen sozialen Abstieg oder auch vor einem terroristischen Anschlag. Sind viele Kinder deswegen heutzutage so gestresst?

Stuart Shanker: Das sind definitiv Stressfaktoren, aber Eltern, die sich mit dieser Frage befassen, müssen ihr Verständnis von Stress weiter fassen. Und sie müssen sich immer klarmachen, dass jedes Kind anders ist und sich stetig verändert. Was ein Kind stresst, ist dem anderen egal und was gestern gut tat, kann morgen anstrengend sein. Besonders wichtig sind die vielen versteckten Stressfaktoren, denen Kinder heutzutage ausgesetzt sind und die sich deutlich auf ihre Energiereserven auswirken – sogar während sie schlafen. Die Methode der Selbstregulierung wurde entwickelt, um Eltern zu helfen, damit sie erkennen, wenn und warum ihr Kind zu sehr gestresst ist, wie sie diese Unruhe reduzieren können – und was das Kind selbst tun kann, um sich zu beruhigen.

Psychologe Stuart Shanker ist Autor des Buches „Das überreizte Kind“

Psychologe Stuart Shanker ist Autor des Buches „Das überreizte Kind“.

Quelle: gpt

Viele Väter und Mütter sind voll berufstätig und haben darum manchmal wenig Zeit für ihre Kinder. Wie können sie mit einem schwierigen Kind umgehen?

Shanker: Zuerst sollten sie verstehen, dass es sich das Kind nicht ausgesucht hat, schwierig zu sein. Es für sein Verhalten zu bestrafen kann es für das Kind nur schlimmer machen. Zudem verstärkt es den Stress, unter dem die Eltern selbst stehen. Wir betrachten häufig die offensichtlichen Spannungen im Leben unserer Kinder – zum Beispiel im schulischen, emotionalen oder sozialen Bereich. Dabei ist der eigentliche Punkt, an dem die Selbstregulierung ansetzen sollte, häufig hinter körperlichen Reaktionen verborgen. Man kann Stress bereits mit ein paar einfachen Maßnahmen reduzieren. Lärm, zum Beispiel, ist für die meisten Kinder ein großer Stressfaktor. Was ihnen hilft, ist ein ruhiger Ort, an den sie sich zurückziehen und an dem sie Energie tanken können. Im Schlafzimmer können dicke Vorhänge und ein tiefer Teppich hilfreich sein.

Sind Lehrer so ausgebildet, dass sie richtig mit unruhigen Kindern umgehen können?

Shanker: Nur wenige Lehrer wissen, wie sie zappeligen oder verstockten Kindern begegnen sollten. Allzu oft maßregeln sie das Kind für ein Verhalten, das sie als schlechte Selbstkontrolle missdeuten, dabei ist das Kind nur überreizt. Den Schüler zu bestrafen, schadet aber nicht nur dem Kind, sondern macht auch den Klassenkameraden und dem Lehrer selbst zu schaffen. Wir haben jedoch bei den Selbstregulierungs-Initiativen, die wir gerade in Kanada starten, festgestellt, dass Lehrer schnell entsprechende Fähigkeiten erwerben können. Es ist bemerkenswert, welche Veränderungen man danach nicht nur beim Kind, sondern an der ganzen Schule beobachten kann.

Wie haben frühere Generationen auf solche Probleme reagiert?

Shanker: Das ist eine faszinierende Frage, die allerdings schwierig zu beantworten ist, weil uns die entsprechenden historischen Aufzeichnungen fehlen. Aber es gibt immer mehr Verhaltensauffälligkeiten, emotionale, soziale und kognitive Probleme. Vermutlich also ist etwas anders in der Welt, in der unsere Kinder heute aufwachsen. Entweder es ist der Druck, mit dem sie fertig werden müssen. Oder die Lebensweisen haben sich so verändert, dass es einige Möglichkeiten zur Selbstregulierung nicht mehr gibt, die früher angewandt wurden. Oder wir haben es mit einer Generation zu tun, deren Motor immer läuft und die nicht mehr weiß, wie sich Ruhe anfühlt. Für mich ist es von allem etwas.

Was ist der Unterschied zwischen schlechtem Benehmen und gestresst sein? Wie können Eltern ihn erkennen?

Shanker: Schlechtes Benehmen setzt voraus, dass das Kind weiß, was es tut oder sagt, und in der Lage ist, sich anders zu verhalten. Ein gestresstes Kind dagegen wird von starken Impulsen gesteuert, die vom limbischen System im Gehirn ausgehen und hat nur begrenzte Fähigkeiten, um zu verstehen, was es tut, geschweige denn warum.

Die typischsten Anzeichen für gestresstes Verhalten

Änderungen in Tempo und Lautstärke, wenn das Kind spricht

Das Kind hat Schwierigkeiten zuzuhören oder überhaupt zu hören.

Es schaut dem Ansprechpartner nicht in die Augen.

Das Gesicht sieht blass und angespannt aus.

Das Kind zappelt herum.

Es steht in gekrümmter Haltung da.

Chronische Kratzbürstigkeit, vor allem morgens

Das Kind erschrickt leicht.

Sehr impulsives Verhalten

Das Kind verhält sich unsozial und zeigt kein Mitgefühl für andere.

Manche Kinder gelten als hyperaktiv. Wenn ADHS diagnostiziert worden ist, verschreiben Ärzte häufig Ritalin. Sind Sie gegen Medikamente in solchen Fällen?

Shanker: Nein, ich bin nicht gegen Medikamente. In vielen Fällen können sie dem Kind helfen, sich besser zu konzentrieren. Doch Tabletten können nie „die Antwort“ sein. Sie sind nur ein Teil der Arbeit, die getan werden muss: an der Selbstregulierung des Kindes zu arbeiten. Gibt es Licht- oder Lärmquellen, die störend wirken? Stimmt etwas am Tagesablauf nicht? Wir sind gerade erst dabei zu verstehen, was die komplexen Gründe für das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) sind – in Bezug auf die sensorisch-motorischen und neurobiologischen Defizite. Und wir lernen jeden Tag mehr über die unterschiedlichen Ausprägungen der Erkrankung. Aber was alle unterschiedlichen Fälle gemeinsam haben, ist die extrem hohe Anspannung, die die Kinder bewältigen müssen.

Ihr Buch richtet sich an eine akademisch gebildete Leserschaft. Wie können Psychologen und Lehrer bildungsferne Familien erreichen?

Shanker: Für diese Klientel haben wir zahlreiche Projekte initiiert, nicht nur in Kanada. Denn häufig gibt es gerade in diesen Familien zu viel Stress. Wir beginnen dort zunächst, mit den Erwachsenen an ihrer Selbstregulierung zu arbeiten. In vielen Fällen sind Druck und Anspannung nicht einfach nur die Folge von schlechten Lebens- oder Arbeitsbedingungen, sondern werden von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Trauma, das vor einigen Generationen erlebt wurde, beeinflusst noch die Kinder.

Sie haben selbst zwei Kinder. Wie prägt Ihre Forschung und Lehre Sie in Ihrem Verhalten als Vater?

Shanker: Selbstregulierung beeinflusst mich als Elternteil jeden Tag, auf jede Weise. Ich bin wie jeder andere Vater auch: Je gestresster ich bin, umso leichter explodiere ich. Aber mithilfe der Selbstregulierung habe ich gelernt, immer „Warum?“ und „Warum nicht?“ zu fragen, und sei es nach der Auseinandersetzung. Und ich habe gelernt, nachsichtig mit mir selbst zu sein. Elternsein ist schwer, und heutzutage ist es besonders schwer – für uns alle.

  • Stuart Shanker: „Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen.“ Mosaik Verlag, 384 Seiten, 21,99 Euro

Von Christiane Eickmann

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