Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Spurensuche in Island, dem Land der Wunder

Island begeistert Europa Spurensuche in Island, dem Land der Wunder

330 000 Einwohner, Vulkane – und ein unbändiger Wille: Island begeistert Europas Fußballfans. Woher kommt die Stärke der Nordmänner? Eine Spurensuche unter der Mitternachtssonne vor dem Spiel gegen Gastgeber Frankreich.

Voriger Artikel
Experte fordert Verbot krimineller Rockergruppen
Nächster Artikel
Vermisstes russisches Löschflugzeug gefunden


Quelle: Jan Sternberg

Reykjavík. Bjarki hat ein Problem. An diesem Wochenende steht für seine Altherren-Fußballmannschaft im Norden Islands ein wichtiges Spiel an. Doch außer dem 38-Jährigen sind alle Teamkameraden in Frankreich geblieben, um am Sonntag das isländische Nationalteam in Paris gegen den Gastgeber anzufeuern. Gerade ist er mit seinem zehnjährigen Sohn Björn am internationalen Flughafen in Keflavík gelandet. Beide tragen stolz Trikots des Überraschungsteams der Fußball-Europameisterschaft, über die sich ganz Europa in diesen Tagen so freut und wundert. Die Mannschaft ihrer kleinen Insel, in der ein Filmemacher im Tor steht und die von einem Zahnarzt trainiert wird und die es damit gegen die Millionäre aus England und ins Viertelfinale geschafft hat. „Ich weiß nicht, ob wir elf Mann zusammenbekommen“, sagt Bjarki.

Island-Fans begeistern Europa

Island-Fans begeistern Europa.

Quelle: imago sportfotodienst

Nun steht noch eine vierstündige Autofahrt an. Bjarki wird gerade rechtzeitig ankommen, um zur Arbeit zu gehen: Er ist Nachwuchs-Fußballtrainer. 180 Einwohner hat sein Heimatort, 30 Kinder gehen in die Dorfschule, 25 von ihnen zum Fußballtraining. Im Winter ist die Fußballhalle der einzige Platz im Ort, um sich auszutoben.

Europas Versuch das Island-Wunder zu beschreiben

Vielleicht erklären solche Zahlen schon einen Teil des isländischen Fußballwunders. So wie Europa gerade mit immer neuen Zahlenvergleichen versucht, das putzige Island-Wunder überhaupt zu beschreiben. Island hat mit 330000 Einwohnern weniger potenzielle Fußballer als Berlin-Mitte. Ein Zehntel der isländischen Bevölkerung befindet sich gerade jubelnd in Frankreich. Von den Daheimgebliebene schauten 98,9 Prozent im TV das Vorrundenspiel gegen Ungarn.

In Island selbst sind andere Zahlen für den Fußballerfolg wichtiger. Zum Beispiel die Acht. „Auf jeden Trainer kommen nicht mehr als acht Kinder. Das ist eine Regel bei uns.“ Fußball auf Island hat zuallererst mit Willen zu tun. Dem Willen, es einfach einmal zu versuchen. Und dabeizubleiben. Der zehnjährige Björn sieht nicht wie das sportlichste Kind unter der Mitternachtssonne aus. Aber natürlich spielt auch er. Und sei es, weil es nichts anderes gibt.

„Unsere Jungs sind füreinander da“

Auf einem frisch gemähten Bolzplatz in Gardur im Süden der Insel zieht sich Eva Rut ihre Regenjacke aus und beginnt das Training mit einem guten Dutzend Grundschülerinnen, sechs bis acht Jahre alt. Später kommt ihr Co-Trainer hinzu. Die Luft riecht nach Tang und Regen, niedrige Häuser ducken sich vor dem Wind, Wolken streifen über die Gipfel auf der anderen Seite der Bucht. „Unsere Jungs sind so toll, sie kämpfen, sie sind füreinander da“, sagt Eva Rut. „Sie werden auch Frankreich besiegen.“

Tausende Island-Fans jubeln

Tausende Island-Fans jubeln. Dabei hat das Land selbst nur 330000 Einwohner.

Quelle: AFP

Spielen auch in Gardur alle Kinder Fußball? „Alle Jungs. Bei den Mädchen sind es nur knapp die Hälfte“, sagt Rut.Eva Rut schickt ihre Mädchen los, jedes führt einen Ball eng am Fuß, sie laufen hin und zurück über das Feld. Der Fußballboom auf Island, das hört man allerorten, stehe erst am Anfang. Aber was soll da eigentlich noch mehr werden?

Wie ist es, auf Island ein Star zu sein?

In Reykjavík wird wenig später ein Match der Frauenliga angepfiffen. Die Kapitänin von Valur Reykjavík ist Margret Lara Vidarsdottir, sie hat unter anderem bei Turbine Potsdam gespielt, die 30-Jährige ist Rekordtorschützin der Frauen-Nationalmannschaft. Sie rennt über den Platz. Es läuft die 80. Minute des Spiels gegen ein Team namens Thor. Thor ist nicht so der Hammer, Margrets Schuss schon. Der Ball fliegt ins lange Eck, das Spiel endet 6:1. Glücklich kommt die Kapitänin vom Feld gelaufen, rotblonde Haare, grüne Augen, offenes Lachen. Wie ist es, ein Star zu sein auf Island, Margret?

„Kein Problem“, sagt sie knapp. „Die Leute erkennen dich auf der Straße, aber sie sprechen dich nicht an.“ Nicht einmal, wenn Islands Popstar Björk nach Hause kommt, regt sich jemand auf. „Man winkt, sagt ,Hallo, Björk‘, und das war es dann auch.“ Trotzdem strenge sich jeder an, der Beste zu sein. „Wir sind Malocher“, sagt Margret. „Wir arbeiten wirklich hart. Und wenn wir gut in etwas sind, wollen wir das auch zeigen. Wir schämen uns nicht, viel Geld zu verdienen.“ Die vergangenen Jahre hat Margret in Schweden gespielt. „Da will jeder gleich sein. Den gleichen Volvo fahren und ja nicht auffallen. Wir Isländer sind anders.“ Island liegt nicht nur geografisch zwischen Skandinavien und Amerika.

„Es geht alles, wenn du nur willst“

In Schweden hat sich Margret nach einer Babypause zurück in die erste Mannschaft gekämpft. Kaum eine Spielerin in Europa hat das bisher geschafft. „Es geht alles, wenn du nur willst“, sagt sie. Ihr Sohn ist jetzt zwei Jahre alt und wird auf Island aufwachsen. Margrets Weg ins Ausland und zurück ist typisch für viele Isländer. Mit 20 gehen sie, mit 30 kommen sie wieder zurück, sagt man hier. „Ich wollte bei meiner Familie sein“, erklärt die Rekordtorschützin.

Drei Autominuten vom Stadion entfernt liegt der Stadtstrand von Nauthólsvík. Dort lässt der rothaarige Ardar seinen massigen Wikingerkörper ins heiße Becken gleiten und streift die Schuhe und Handschuhe aus Neopren ab. 38 Grad hat das Wasser im „heitur pottur“. Gerade ist Ardar noch draußen in der Bucht schwimmen gegangen, bei zwölf Grad Nordatlantik-Temperatur. Die Runde durch die Bucht absolviert der Dozent für Computerwissenschaften an der Uni Reykjavík mit einer Handvoll Kollegen mindestens einmal die Woche – das ganze Jahr, auch im Winter, wenn die Wassertemperatur unter null Grad sinkt. Aber jetzt ist ja Hochsommer, die Sonne scheint rund um die Uhr, und in Nauthólsvík toben bei milden 14 Grad Kinder in Badehose am Strand. Ardnar und seine Kollegen dümpeln im heißen Wasser herum. Das ist ihre Mittagspause, die Uni liegt gleich hinter dem Strand. Im „heitur pottur“ reden Isländer über alles, auch über Fußball und Politik. „Sie können auch Frankreich schlagen“, glaubt Ardar. „Weil sie ein Team sind. Weil jeder für jeden kämpft. Weil sie nie aufgeben.“

Hoffen auf einen gesunden Boom

Auch am Strand stehen Fußballtore, Kinder kicken im Sand, auf dem Rücken eines Jungen steht „Özil“, er trägt das Klubtrikot von Arsenal London. Noch ist die Premier League das Maß aller Dinge für isländische Fußballfans. Aber die Bundesliga holt auf. Es wird auch darauf ankommen, bei welchen Vereinen die Fußball-Wikinger nach ihrem Frankreich-Raubzug unterkommen.

Ardar macht sich Sorgen, dass gerade alles zu gut läuft. Es sehe schon wieder so aus wie in den irren Jahren vor dem Platzen der Finanzblase 2008. „Ich hoffe, dass der neue Boom gesünder ist“, sagt Ardar.

Es ist noch keine zehn Jahre her, da stand die Insel vor dem Bankrott. Ein entfesselter Finanzsektor war als Folge der Finanzkrise zusammengebrochen. Auch hier ging die Insel ihren Weg. Island rettete seine Banken nicht, ließ die Währung abstürzen, verweigerte die Schuldenbedienung und schickte Banker ins Gefängnis. Es hat funktioniert. Nicht erst seit dem Fußballwunder von Frankreich sprechen Ökonomen vom Wirtschaftswunder in Island. „Die Leute geben wieder wie wild Geld aus“, sagt Ardar. „Ich hoffe, dass es gut geht.“

Auch auf Island geschehen nicht immer Wunder

Auf dem Kunstrasenplatz von Valur Reykjavík spielen spät abends die Männer in der Qualifikation zur Europa ­League gegen Bröndby Kopenhagen unter dem deutschen Trainer Alexander Zorniger. Auch auf Island geschehen nicht immer Wunder. Die Dänen führen nach 90  Minuten mit 4:0. Aber sie kämpfen bis zuletzt. In der Nachspielzeit schießen die Isländer noch den Ehrentreffer. Bröndby-Trainer Zorniger zeigt sich beeindruckt. „Wenn man hier aufwächst, braucht man schon ein hohes Maß an Widerstandsfähigkeit.“ Er stapft in die Kabine. Das Flutlicht wird ausgeknipst. Die Sonne scheint weiter über Island.

Es geht alles, wenn du nur willst.“

Von Jan Sternberg

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Buntes

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-161203-99-408078_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Real macht Barças Siegträume in 90. Minute zunichte