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Trabant, der Sound des Ostens

25 Jahre Aus für Trabi-Produktion Trabant, der Sound des Ostens

Am 30. April vor 25 Jahren lief bei einer grotesken Feierstunde in Zwickau der letzte Trabi vom Band. In Miss-Piggy-Rosa. Die MAZ ist ein Vierteljahrhundert später nach Zwickau gefahren und hat sich mit früheren Mitarbeitern getroffen. Für den letzten Trabi mussten die Ingenieure eine wahre Meisterleistung vollbringen.

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Der letzte Trabi lief vor 25 Jahren vom Band.

Quelle: dpa-Zentralbild

Zwickau. Der Beweis trägt strahlend blauen Lack, sieht eher französisch als sächsisch aus und ist ein Dreitürer mit Schrägheck und Viertaktmotor. Der Trabant P 610 steht in der Halle des Zwickauer Trabant-Museums und erinnert daran, dass die DDR-Werktätigen in der Lage gewesen wären, Autos zu bauen, nicht nur stinkende Witze aus Duroplast. Er sollte ab 1984 in Serie gehen und hätte zumindest den Sound des Ostens verändert. Kein Täng-täng-deräng des Zweitakters mehr, keine bläulichen Abgasfahnen. Mit dem 1,1-Liter-Motor hätte der neue Trabi bis auf 125 Stundenkilometer beschleunigt und ein Volk auf die Überholspur gebracht.

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Für so manchen werden da Erinnerungen wach: Vor 25 Jahren wurde die Produktion von Trabant und Wartburg eingestellt. Wir haben unsere Leser nach Bildern ihrer ehemaligen Autos gefragt, die heute schon wieder Kultstatus erreichen. Einige haben wir in einer Galerie zusammengefasst.

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Die Wende hätte das vermutlich nicht verhindert, aber ihren Sound verändert. Und damit auch die Erinnerung an die DDR: Kein Produkt der ostdeutschen Mangelwirtschaft ist so symbolisch geworden wie der stoisch bis zum Ende weitergebaute Trabi 601 mit Technik und Design aus den 1950er-Jahren, und vom ihm wird gerne auf den untergegangenen Staat geschlossen, der ihn hervorbrachte: ein knutschkugeliger Witz, harmlos, veraltet und stets zu langsam, am Leben gehalten nur durch die Improvisationskunst seiner leiderprobten Bürger.

Betriebsratsvorsitzender Fritz Warth auf der Feierstunde zum letzten Trabant am 30.4.1991 „Am heutigen Tag wird uns als Arbeitnehmer noch einmal so richtig bewusst, welches Erbe die Führung der ehemaligen DDR uns hinterlassen hat. Wir sollten uns ruhig noch einmal daran erinnern, dass diese Regierung im Zeitraum von 1968 bis 89 fünfzehn Beschlüsse zur Weiterentwicklung der PKW-Produktion fasste, aber nur den letzten, den Viertaktmotor verwirklichte. Die Folgen dieser Volksverdummung haben wir alle über Jahrzehnte gespürt. Keine Investitionen, weil wir ja ein neues Werk bauen. Arbeit für den Papierkorb unserer Techniker und vieles mehr.“

Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) bekam den vorletzten Trabant geschenkt, er spendete ihn einem SOS-Kinderdorf. Er sagte am 30.4.1991:

„Ich empfinde das sehr stark, dass sich die Menschen hier von einer jahrzehntelangen Produktion trennen müssen - und wer tut das schon leichten Herzens. Auch dieses Auto ist ein Stück deutscher Geschichte geworden. Und immer dann, wenn eine Epoche in diesem Sinne endet, empfindet man neben dem Blick auf die Zukunft auch ein Stück Wehmut und ein Stück Trauer.“

Der P 610 ging nie in Serie, der Ministerrat der DDR stoppte die Entwicklung 1979, nachdem schon 20 Prototypen fertig gestellt waren. Die meisten wurden verschrottet, wenige gerettet, einer gehört heute dem Internationalen Trabant-Register, dem Trabi-Club von Manfred Schürer. Der heute 66-Jährige hat 1972 als Montageschlosser bei Sachsenring angefangen, in der Wendezeit wurde er Betriebsrat. Er hat in dieser Funktion zwei Insolvenzen der Trabi-Nachfolgebetriebe mitgemacht, seit letztem Jahr ist er Rentner. Schürer klappt sanft die geöffnete Motorhaube des blauen Prototypen zu. „So hätte es werden können“, sagt der drahtige Mann mit den kurzen grauen Haaren. Wie wurde es stattdessen?

Sachsenring war nicht nur eine Autofabrik – es war eine eigene Welt

„Der Trabant hatte keine Chance mehr auf dem Markt, das war den meisten hier klar“, erinnert sich Schürer. Das Tachometer der Geschwindigkeit, mit der die DDR sich in den Wendemonaten 1989/90 zerlegte, waren die in den Parteizeitungen veröffentlichten Bestell-Nummern für Trabi und Wartburg, die nun zur Abholung bereit waren. Die Wartezeit sank von 15 Jahren rapide gen Null. Wer wollte noch seinen bestellten Trabi haben, wenn überall die Wimpel und Fähnchen der westdeutschen Gebrauchtwagenhändler flatterten?

Aber Sachsenring war ja nicht einfach eine Autofabrik. Es war eine eigene Welt mit 11.000 Menschen, die Hallen errichteten, Werkzeuge herstellten, Spritzroboter erfanden, die umsorgt wurden „von der schmerzlosen Geburt bis zur Feuerbestattung“. So sagt es Wolfgang Neef, 77, im Volkseigenen Betrieb seit 1953 und zur Wendezeit dessen Direktor. Er sitzt im August-Horch-Museum vor den Oberklasse-Limousinen der Vorkriegszeit. Ex-Direktor Neef und Ex-Betriebsrat Schürer waren nicht zu einem gemeinsamen Treffen zu bewegen. Sie sitzen zehn Minuten voneinander entfernt in zwei verschiedenen Automuseen und haben bis heute teilweise sehr unterschiedliche Ansichten auf das Ende des Trabi und die Zeit danach.

Einige Trabi-Witze

– Warum fährt der Trabi nur 100? Weil ihre Fahrer sonst merken würden, wie klein die DDR ist.

– Wie viele Arbeiter braucht man, um einen Trabi zu bauen: Zwei. Einer faltet, einer klebt.

– Hast du Zange, Schere, Draht, kommst du bis nach Leningrad.

– Trabi-Fahrer kommen in den Himmel. Die Hölle hatten sie schon auf Erden.

– Händler zum Kunden: „In 15 Jahren können Sie ihren Trabant abholen.“ Kunde: „Vormittags oder Nachmittags?“ Händler: „Ist das wichtig?“ Kunde: „Ja, vormittags kommen die Handwerker.“

Haben Sie auch einen Lieblings-Trabiwitz? Schicken Sie ihn an uns: online@maz-online.de. Wir freuen uns auf Ihre Witze!

Der Trabi in Miss-Piggy-Pink ist bis heute keinen Kilometer gefahren

Einig sind sich Neef und Schürer in ihrer Erinnerung an die Feierstunde zum letzten Trabant am 30. April 1991, heute vor 25 Jahren. Das Auto mit der Produktionsnummer 3.096.099 war in Miss-Piggy-Pink lackiert und ist bis heute keinen einzigen Kilometer gefahren. Es rollte direkt ins Museumsdepot und wird dieses Wochenende an seinem 25. Geburtstag zum ersten Mal ausgestellt, Es gehört zur letzten Serie Trabant 1.1. Die Zwickauer Ingenieure mussten nach dem Ende für den Schrägheck-Dreitürer die absurde Meisterleistung vollbringen, die alte Duroplast-Karosserie so zu verstärken, dass sie den schwereren Viertaktmotor aufnehmen konnte, mit dem die letzte Serie ausgestattet wurde. Anderthalb Jahre nach dem Mauerfall, sieben Monate nach der Vereinigung bauten die Sachsenring-Arbeiter immer noch Trabis, insgesamt 37.000 Stück. Ein Auto, das keiner mehr wollte. Sie bauten es, um nicht auf die Straße gesetzt zu werden, und dennoch mussten sie sich als Trümmertruppe fühlen. Denn im gerade fertig gestellten neuen Werk außerhalb der Stadt bauten 3000 Kollegen bereits Karosserieren für Polo und Golf. Heute beschäftigt Volkswagen hier 6500 Menschen.Dass es so gut laufen würde, konnte im April 1991 aber noch niemand wissen. Als der Miss-Piggy-Trabi vom Band rollte, pendelte die Stimmung zwischen depressiv und aggressiv, blieb unentschieden ruhig. Zwei Arbeiter hielten ein Trauerplakat hoch, „Letzter Gruss!“ Stand darauf und der abgewandelte Mielke-Satz „Ich liebte euch doch alle“. Noch machten die Zwickauer das alte System für den Niedergang verantwortlich, noch protestierten sie gegen die längst geschassten DDR-Oberen, nicht gegen die Treuhand oder die neuen Regierungen. Sachsens Landesvater Kurt Biedenkopf ließ sich lächelnd mit Miss Piggy und blondierten Sachsenring-Arbeiterinnen fotografieren. AmTag zuvor war eine Auffanggesellschaft gegründet worden, zwei Tage später feierten VW-Chef Carl Hahn und Bundeswirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann (FDP) Richtfest im neuen Werk, Hahn sagte 4,6 Milliarden D-Mark Investitionssumme zu.

Heute gibt es unter dem Namen Sachsenring eine Mini-Firma

In seiner Unternehmensberatung in Hannover geht Horst Meyer ans Telefon und berichtet stolz über seine Rolle beim Ende von Sachsenring. Der Olympiasieger im Rudern von 1968 kam als zweiter Geschäftsführer aus dem Westen nach Zwickau. „Das ist gut gelaufen damals“, sagt er. „Wir haben für fast alle Arbeiter etwas gefunden, mussten nur 600 betriebsbedingte Kündigungen aussprechen.“ Meyer kaufte das letzte Trabi-Cabrio, das produziert wurde, und fuhr viele Sommer in Hannover damit herum. Er kommt ins Erzählen: „Das waren exzellente Leute dort. Als wir Karossen für VW produziert haben, waren sie besser als die aus Wolfsburg.“

Natürlich rechnet Meyer in seine Kalkulation auch die 2500 Arbeiter ein, die zwischengeparkt wurden oder auf Kurzarbeit Null gesetzt wurden. Sachsenring selbst hatte zum 1. Januar 1993 noch 1500 Beschäftige. Die Brüder Rittinghaus aus dem Sauerland bauten die Firma zum ambitionierten Autozulieferer um, übernahmen sich, scheiterten und wurden wegen Untreue und Bilanzfälschung verurteilt. Heute gibt es unter dem Namen Sachsenring eine Mini-Firma mit 35 Beschäftigten. Dennoch sagt Ex-Chef Neef: „Von der Wende haben alle profitiert. Einige vielleicht nur wenig, und es hat lange gedauert, aber trotzdem.“ Ex-Betriebsrat Schürer, der zwei Sachsenring-Insolvenzen mitgemacht hat, widerspricht: „Es sind immer welche auf der Strecke geblieben“, sagt er in bitterem Ton.

Groteske Abschiedsfeier vor 25 Jahren

Als Miss Piggy vom Band rollte, schimpfte Fritz Warth, Schürers Vorgänger als Betriebsratschef , auf das katastrophale Erbe der DDR-Führung und sprach von „Volksverdummung“ durch die SED. Das Wort findet irritierende Resonanz bei den beiden Sachsenring-Veteranen. „Ich will nicht in die rechte Ecke gestellt werden“, sagen sie beide, und dann berichten sie von ihren Irritationen in der Flüchtlingsfrage: Neef fordert schnellere Abschiebungen straffälliger Migranten. Schürer sagt sogar: „Wir können nicht die Welt retten, sonst gehen wir kaputt wie die DDR.“ Es ist etwas übriggeblieben von der grotesken Abschiedsfeier vor 25 Jahren. Eine graue Stimmung und ein quietschrosa Trabant.

Von Jan Sternberg

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