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Nazi-Schatz oder große Lügengeschichte?

Rätsel um Stollen in Walbrzych Nazi-Schatz oder große Lügengeschichte?

Um verschollene Nazi-Schätze ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien, die den Legenden um Nessie oder das Bermudadreieck in nichts nachstehen. Am bekanntesten sind die Geschichten um das Bernsteinzimmer. Jetzt gibt es erneut sensationelle Berichte über einen Nazischatz - oder ist es doch eine Lügengeschichte?

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Bahnstrecke in der Nähe von Walbrzych.

Quelle: Radek Pietruszka

Alles beginnt am Sterbebett. Ein alter Mann will in den letzten Minuten sein Gewissen erleichtern – und spricht von seinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg . Vorher hatte er jahrzehntelang darüber geschwiegen und das Geschehene verdrängt. Nun, angesichts des nahen Todes, will er reden. Der Mann spricht, ein Pole und ein Deutscher hören ihm zu.

Er berichtet, wie er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs für die deutsche Wehrmacht tätig war und bei dem Versuch der Nazis geholfen hatte, ihre erbeuteten Schätze vor den anrückenden Truppen der Alliierten zu verstecken. Das NS-Raubgut, etwa Kunstwerke, Juwelen, Gold und andere Wertgegenstände, wurde damals offenbar in einen Zug verfrachtet, der in einem unterirdischen Stollen abgestellt wurde – so gut getarnt, dass er möglichst nicht gefunden werden konnte.

Kurze Zeit später ist der alte Mann tot, und seine beiden Zuhörer in Polen wenden sich an einen Anwalt, der ein Schreiben an den Bürgermeister von Walbrzych in Niederschlesien (früher: Waldenburg) aufsetzt: Sie wüssten, wo sich der sogenannte Panzerzug befindet, in dem das NS-Beutegut zu finden ist. Sie könnten zum Beleg eine Georadaraufnahme liefern, die Aufschluss über den genauen Ort gibt. Sie wollten allerdings vorher geklärt wissen, dass ihnen ein Finderlohn winkt.

Ob es diese Aufnahme tatsächlich gibt, ob der Schatz tatsächlich an dem vermuteten Platz zu finden ist und ob die beiden Männer ihren Finderlohn erhalten haben – es ist bisher nicht geklärt. Womöglich handelt es sich auch nur um eine Lügengeschichte. Gewicht erhalten die Spekulationen allerdings durch eine offizielle Note. Der Bürgermeister wandte sich an die polnische Regierung. Vize-Kulturminister Piotr Zuchowski ging vor die Presse und verkündete, dass es das beschriebene Georadarbild tatsächlich gebe, dass dort „zu 99 Prozent“ die Umrisse des hundert Meter langen Zuges zu sehen seien. Zuchowski vermutet Kostbarkeiten, Kunstwerke und sogar wichtige Archive in dem Zug, aber er warnt zugleich alle Schatzsucher: Der Zug könne mit Minen und Sprengstofffallen gesichert sein. Wer ihm zu nahe komme, könne das mit dem Leben bezahlen.

Wenn stimmt, was ein offizieller Vertreter des polnischen Staates öffentlich erklärt hat, dann steht eine wahre Sensation bevor. Womöglich wird, nach jahrelanger Suche, endlich das Bernsteinzimmer gefunden, jener mit Wandverkleidungen und Möbeln aus Bernstein geschmückte Raum, den der preußische König Friedrich-Wilhelm I. 1717 dem russischen Zaren Peter dem Großen geschenkt hatte. Die Nazis hatten ihn 1942 aus dem Katharinenpalast bei St. Petersburg geraubt und in Königsberg ausgestellt, dort ist er gegen Kriegsende verschwunden – und niemand weiß bisher so genau, wer das Zimmer wohin transportiert haben mag. Das Bernsteinzimmer ist zum Synonym geworden für die noch unbekannten Hinterlassenschaften der Nazi-Herrschaft, und diese sind reizvoll in doppelter Hinsicht: Zunächst möchte man sehen, was die Nazis alles erbeutet und angehäuft haben, wie groß ihre kriminelle Energie tatsächlich war.

Vielen Menschen fällt es leichter, diese Dimension beim Kunstraub zu erfassen und nicht bei dem ungleich schrecklicheren Leid des Völkermords etwa an den Juden. Zum anderen steht die Suche nach den von Nazis versteckten Kunstschätzen auch sinnbildlich dafür, wie unbegreiflich die Nazi-Herrschaft für die Deutschen heute noch immer ist. Man sucht nach Erklärungen für Hitlers Aufstieg und seine Gewaltherrschaft, und alles, was an Überbleibsel der Nazis auftaucht, verspricht ein wenig Aufhellung. Die Berichterstattung über all diese Beispiele bezeichnet der Berliner Historiker Uwe Puschner als „ Histotainment “: „Das Thema Nationalsozialismus übt für die Öffentlichkeit bis heute eine große Attraktivität und Ausstrahlung aus.“ Ursache dafür sei die Unergründlichkeit des Nationalsozialismus als hochkomplexes System, das sich nicht in wenigen Sätzen umreißen lasse und unvorstellbar viele Todesopfer gefordert habe.

Legendenbildung durch Nazis
Interessant ist, dass all diejenigen, die nun ihre Fantasie um das NS-Beutegut blühen lassen, im Grunde eine NS-Tradition fortsetzen: Schon die Nazis selbst hätten mit der esoterischen Legendenbildung begonnen: Reichsinnenminister Heinrich Himmler bezeichnete sich als Reinkarnation König Heinrichs I., er schuf Kultstätten und bemühte die Geister. Da liegt es Puschner zufolge nahe, dass auch Erklärungsmuster jenseits der Wissenschaft herangezogen werden, um das Phänomen im Nachhinein ein wenig greifbarer zu machen. Das wissen längst auch die Verantwortlichen in der polnischen Regierung, und der Vize-Kulturminister musste sich bewusst sein, dass er mit seinen Aussagen die internationale Aufmerksamkeit auf Niederschlesien lenkt. Seit Tagen häufen sich die Besucher in der Region, entlang der Bahnstrecke zwischen Breslau und Walbrzych stehen viele Wagen, die Polizei fährt regelmäßig Streife, weil sie illegale Schatzsucher aufspüren und von ihrem Vorhaben abbringen will – notfalls mit einer saftigen Geldbuße. Wenn sich in einigen Monaten herausstellen sollte, dass all die Hinweise auf den versteckten Schatz nicht zum Erfolg führten, weil kein Zug gefunden wurde, dann hat in der Zwischenzeit immerhin der Tourismus in der Region profitiert. Aber es wäre zu einfach, die Sache mit einem Achselzucken abzutun. Tatsächlich ist das Tunnelsystem ein Teil des „Projekts Riese“, mit dem die Nazis seit 1942 versuchten, ein neues Führerhauptquartier anzulegen – mit wahrhaft großen Ausmaßen: Auf 35 Quadratkilometern Fläche war das Stollensystem angelegt. Wie viel davon bis 1945 fertiggestellt wurde, ist nicht genau bekannt.

Und die alten Pläne sind weg.

Schon 1960 erforscht

Die Gegend um das frühere Waldenburg, wo einst das „Projekt Riese“ von den Nazis gebaut wurde – sie ist schon seit vielen Jahren Gegenstand von Spekulationen. Hinweise auf den gepanzerten Zug, in dem sich besondere Schätze befinden sollen, gab es schon in den ersten Jahren nach Kriegsende. Anfang der Sechzigerjahre rückte die polnische Armee aus und suchte das Areal ab – offenbar erfolglos. Viele Stollen und Gänge sind unbekannt, und moderne Systeme zur Erkundung unterirdischer Tunnel fehlten seinerzeit. Einige meinen aber: Die Suche, die nun erneut beginnt, sei doch eigentlich längst schon abgeschlossen. Umso merkwürdiger klingen die Umstände jetzt. Der polnische Vize-Minister, der mit seiner Äußerung alle Spekulationen anheizte, gab inzwischen an, schon seit Längerem von dem versteckten Zug zu wissen, schon seit März. Die beiden Männer, die einen Finderlohn forderten, wandten sich aber erst Mitte August an den Bürgermeister. Wie passt das zusammen? Wenn die Regierung in Warschau schon monatelang über Hinweise verfügt, warum war es dann bisher nicht möglich, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen? Und warum wird das Radarbild, das Aufschluss geben soll, bisher nicht veröffentlicht? Zweifel an der Glaubwürdigkeit drängen sich auf.

Von Nina May und Klaus Wallbaum

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