Volltextsuche über das Angebot:

° / °

Navigation:
Wenn Veganer schwanger werden

Ernährung Wenn Veganer schwanger werden

Ist es gefährlich, wenn werdende Mütter auf tierische Produkte verzichten? Die Studienlage ist recht dünn und Experten sind sich nicht einig und haben jeweils gute Argumente für ihre Ansichten. Denn, wer sich vegan ernähren will, muss mit Problemen rechnen, die aber auch umgangen werden können.

Voriger Artikel
9 minus 3 durch ein Drittel plus 1
Nächster Artikel
Fahndung nach Mittätern im Fall Niklas geht weiter


Quelle: dpa

Potsdam. Weiblich, jung und seit zwei Jahren vegan: So ungefähr sieht derzeit der Prototyp der deutschen Veganer aus, wie eine Online-Umfrage der Universität Hamburg ermittelt hat. Mit Anfang 30 sind die Frauen damit auch im statistischen Mittel, um eine Familie zu gründen. Doch: Geht das überhaupt? Vegan und schwanger? Die Studienlage ist dünn, die Meinung von Ernährungsexperten und Ärzten geht auseinander.

Als Carmen Hercegfi 2014 schwanger wird, lebt sie bereits seit sechs Jahren vegan. Sie kennt sich aus mit der veganen Ernährung und trotzdem sind sofort Zweifel da: „Wie das konkret in der Schwangerschaft funktionieren soll, war mir erst mal nicht klar.“ Wie gelingt die optimale Nährstoffversorgung? Wie beugt man Risiken vor? Hercegfi sucht in Deutschland nach Informationen und Ernährungsempfehlungen. Doch: Fehlanzeige. „Ich habe mir dann Bücher aus Amerika bestellt, weil die vegane Ernährung dort viel akzeptierter ist.“ So empfiehlt zum Beispiel die amerikanische A.N.D. (Academy of Nutrition and Dietetics), ein Verband von rund 67.000 Diätassistenten und Ernährungsberatern, die vegane Ernährung für Erwachsene und Kinder in jedem Lebensalter, auch in Schwangerschaft und Stillzeit.

Essen für zwei? Ein Mythos

Die Menge ist nicht entscheidend: Während der Schwangerschaft sollten es Frauen mit dem Essen nicht übertreiben. „Der zusätzliche Energiebedarf entspricht gerade einmal ungefähr einem Käsebrot“, sagte die Ernährungswissenschaftlerin Judith Brettfeld dem Magazin „Mum“. „Der Bedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen hingegen ist während der Schwangerschaft wesentlich höher – der Eisenbedarf ist beispielsweise fast doppelt so hoch.“ Empfehlenswert sei deshalb eine ausgewogene Ernährung mit einer hohen Nährstoffdichte. Der Bedarf an Jod und Folsäure werde in der Regel nur unzureichend durch die Nahrungsaufnahme gedeckt.

Wer Koffein braucht, um in den Tag zu starten, muss sich keine Sorgen machen: Bis zu drei Tassen Kaffee am Tag gelten als unbedenklich. Studienergebnisse zeigten bei dieser Menge keine Nachteile für die Dauer der Schwangerschaft und das Geburtsgewicht.

Eine Empfehlung, die Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, nicht teilen kann: „Eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft ist zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig.“ Der Gynäkologe sieht verschiedene Probleme, vor allem die Versorgung mit Eiweiß. Ein Proteinmangel könne zu einer Unterentwicklung des Kindes führen. Je nach Körpergewicht braucht eine Schwangere 50 bis 80 Gramm Eiweiß pro Tag, ab dem vierten Monat nochmal rund 10 Gramm mehr. „Das ist mit pflanzlichen Lebensmitteln nicht ganz einfach“, sagt der Experte, „vor allem, wenn man bedenkt, dass Haferflocken auf 100 Gramm 10 bis 11 Gramm Eiweiß enthalten und Tofu nur 8 Gramm.“

Hülsenfrüchte, Nüsse und anderes sind ein guter Ersatz

„Natürlich ist es mit Milch, Fleisch und Eiern leichter, die erforderlichen Proteinmengen zu bekommen“, sagt Edith Gätjen, Diplom-Oekotrophologin und Dozentin an der UGB-Akademie für Säuglings- und Kinderernährung. „Das heißt aber nicht, dass es mit einer vollwertigen veganen Ernährung unmöglich ist.“ Die vegane Ernährung stelle durch Hülsenfrüchte, Vollgetreide, Nüsse und Ölsamen viele hochwertige Proteine zur Verfügung. „Die Schwangeren müssen nur wissen, was und in welchen Mengen gegessen werden muss,“ sagt Gätjen, die zusammen mit Ernährungswissenschaftler Dr. Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) in Gießen Seminare zum Thema „Veganismus in der Schwangerschaft“ gibt.

Führende Experten raten von veganer Ernährung ab

Gätjen und Keller leisten mit ihren Vorträgen und Seminaren Pionierarbeit in Deutschland. Kellers Ernährungsempfehlungen für vegane Schwangere beim Vegetarierbund Deutschland (VEBU) sind ein Novum. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät von der rein pflanzlichen Ernährung in der Schwangerschaft ab, erarbeitet aber derzeit aufgrund der gestiegenen Nachfrage aus der Bevölkerung Empfehlungen, wie es dennoch funktionieren kann. Dr. Albring empfiehlt Veganerinnen, für die Zeit der Schwangerschaft einen Kompromiss zu schließen und zumindest Milchprodukte und Eier zuzulassen. „Damit kann die Schwangere sehr hochwertige Proteine und Vitamine zuführen und die Situation für das ungeborene Baby deutlich entspannen.“

Doch für Veganerinnen, die aus ethischen Motiven auf tierische Produkte verzichten, ist so ein Kompromiss wenig attraktiv. „Für mich stellte sich gar nicht die Frage, ob es geht, sondern nur, wie es geht“, sagt Carmen Hercegfi.

Noch fehlen repräsentative Studien über vegane Schwangere

Für offizielle Ernährungsempfehlungen gibt es bis dato ein zentrales Problem: Es fehlen repräsentative Studien über vegane Schwangere. So gab es Untersuchungen in makrobiotisch lebenden Familien oder bei Schwangeren, die der Religionsgemeinschaft der Sieben-Tages-Adventisten angehören. Studien mit den Müttern aus der Mitte der Gesellschaft gibt es nicht. Wie ernähren sie sich zwischen Bioladen, Discounter, Kantine und Wochenmarkt? Welche Nährstofflücken sind beachtenswert? „Wir können derzeit noch keine Aussagen dazu machen, ob schwangere Veganerinnen sich des erhöhten Risikos eines Nährstoffmangels bewusst sind und mit einer gut bilanzierten Ernährung darauf reagieren“, kritisiert Albring.

„Die vielen Vorurteile gegenüber dem Veganismus machen Angst, besonders, wenn man schwanger ist“, gibt Carmen Hercegfi zu. Hercegfi hat während ihrer Schwangerschaft einen Plan entworfen, wie die pflanzlichen Lebensmittel zu kombinieren sind. „Das war nur am Anfang mit ein bisschen Aufwand verbunden.“ Ergänzend hat sie im fünften Monat alle Blutwerte bestimmen lassen. „Von Kalzium, über B-Vitamine bis Eisen, ich wollte alles wissen.“ Die Ergebnisse waren beruhigend: „Bei mir war alles bestens!“ Auch die Geburt verlief problemlos, der kleine Sohn kam kerngesund zur Welt. Hercegfi will nun ihre Erfahrungen weitergeben und schreibt an einem Buch.

Von Bettina Levecke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Buntes

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-161203-99-408078_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Real macht Barças Siegträume in 90. Minute zunichte