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Wir werden es auch ohne Jauch schaffen

TV-Kritik Wir werden es auch ohne Jauch schaffen

In seinem vorletzten ARD-Talk fragt Günther Jauch, ob wir uns an die Angst vor Anschlägen in Deutschland und Europa gewöhnen müssen - dabei gäbe es mindestens eine wichtigere Frage an diesem Abend. Es wäre einfach gewesen der Talkshow mehr Substanz zu geben. Eine TV-Kritik. 

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Günther Jauch (r.) an seinem vorletzten Abend im ARD-Talk.

Quelle: ARD/Screenshot

Je größer das Grauen, desto hilfloser die Vergleiche. Neben Günther Jauch hat am Sonntagabend Stefan Aust Platz genommen, einstiger „Spiegel“-Chefredakteur und Verfasser des „Baader-Meinhof-Komplexes“ über die Geschichte des RAF. Ihn fragt Jauch, ob die Rote Armee Fraktion und der sogenannte „Islamische Staat“ vergleichbar seien. RAF-Experte Aust hätte mit dieser Frage rechnen müssen. Aber er wirkt überrascht, laviert umher und äußert die dürre Erkenntnis: „Eine so globale Bedrohung war das damals nicht.“

Es war Jauchs vorletzte Sendung am Sonntagabend in der ARD. Es war die vorletzte Gelegenheit, um zu demonstrieren, was alles fehlen wird, wenn Jauch am Sonntagabend fehlt. Nach diesem Talk zum Terror muss man sagen: Die Fernsehrepublik wird nach dem "Tatort" schon klarkommen ohne Jauch.

Ein eitles Hin und Her

Neben dem heutigen "Welt"-Herausgeber Aust saß die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich in der Runde sowie der Publizist Jürgen Todenhöfer. Einzig am bayerischen Innenminister Joachim Herrmann lag es, dass die Sendung kein "Presseclub"-Imitat war.

Der CSU-Politiker Herrmann forderte, was ein bayerischer Innenminister dieser Tage so zu fordern hat: "Entweder wird an den Schengen-Grenzen richtig kontrolliert – oder wir müssen das an den deutschen Außengrenzen selber tun." Auch sprang er dem Bundesinnenminister Thomas de Maizère bei und verteidigte dessen kürzlich in Hannover geäußerten, jetzt schon legendären Satz von jenen Teilen der Antworten, die die Bevölkerung verunsichern würden: "Keine absolut richtige Formulierung, aber wir haben Wichtigeres zu tun." Ansonsten blieb Herrmann über weite Strecken stummer Beobachter des eitlen Hin und Hers zwischen Aust und Todenhöfer.

IS-Gewalt: "Antwort auf die Gewalt des Westens"

Todenhöfer spricht den IS permanent auf Englisch aus, was wohl die Weltgewandtheit des Publizisten und langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten unter Beweis stellen soll. Unter Aufsicht des „Islamischen Staates“ erkundete Todenhöfer selbigen in einer zehntägigen Reise im vergangenen Jahr. "Hunderte Interviews" habe er geführt, "stundenlang". Eines davon, ein sonderbar entrücktes Gespräch mit einem jungen deutschen Fusselbärtigen namens Christian E., wurde in der Sendung eingespielt. "Alle gehirngewaschen", sagt Todenhöfer.

Seine Kernbotschaft ist jedoch eine andere. Die Gewalt des IS, so Todenhöfer, ist eine Antwort auf die Gewalt des Westens. In einem historischen Husch-Husch-Abriss erinnert er an die „blutige“ und „grauenvolle“ Vergangenheit Frankreichs, Englands und der USA im Nahen und Mittleren Osten. In Todenhöfers Ausführungen zur Gewalt des IS ist der Grat zwischen Verstehen und Verständnis mitunter recht schmal. Deutschland habe auf dem Schlachtfeld Mittelost allerdings kaum Spuren vorzuweisen. Daher glaubt er, "dass Deutschland bei Weitem nicht so bedroht ist wie Frankreich".

Eine Show mit wenig Substanz

Mit bemerkenswerter Leichtigkeit lenkt Aust derweil das Terror- ins Flüchtlingsthema. Die Syrer und Iraker, die jetzt nach Deutschland kämen, hätten oftmals kriegerische Erfahrungen gemacht. "Da ist keine Pazifizierung, nur weil sie die deutsche Grenze überschreiten", sagt Aust. Gefahr im Verzug. Und nu?

Es wäre ein Leichtes gewesen, der Sendung mehr Substanz zu verleihen. Jauch hätte bloß die WDR-Journalistin Mikich öfter zu Wort kommen lassen sollen. Mikich wirbt für Abrüstung im Denken. „Armageddon, Gut gegen Böse – das ist mir alles ein bisschen zu groß“, sagt sie. "Ich halte das nicht für den Endkampf." Mikich, die früher aus echten Kriegsgebieten wie Tschetschenien und Afghanistan berichtet hat, erinnert an die Verantwortung von Politikern und Journalisten, im "Wording" Maß zu halten, anstatt den „Dritten Weltkrieg“ herbeizureden. Auch sonst gebe es ja genügend Themen.

Thema ausgeschwiegen

Zum Beispiel hätte Mikich berechtigterweise wirklich gerne über Prävention gesprochen; darüber, wie man die Jungs in den Vorstädten und den Hochhäusern gegen den Fanatismus radikaler Prediger wappnet.

Zweimal fordert sie die Runde dazu auf. Aber auf dieses Thema haben die Herren keine Lust. Lieber brüstet sich Todenhöfer damit, dass er noch heute "direkten Kontakt" in die IS-Hochburg Raqqa halte. Aust fällt ihm ins Wort. Der Minister schaut schweigend zu. Und Jauch sieht aus, als sehnte er den nächsten Sonntag herbei.

Von Marina Kormbaki 

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