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Wohlstandskinder, die dem IS verfielen

Ein Vater auf der Suche Wohlstandskinder, die dem IS verfielen

Sie waren ganz normale Jungen. Aufgewachsen in Kassel, leben sie einige Zeit in Berlin und kehren dann zurück. Doch plötzlich verändern sich Jonas und Lukas und ziehen für den „Islamischen Staat“ in den Krieg. Vermutlich sind sie umgekommen. Doch ihr Vater sucht sie weiter und lässt nichts unversucht.

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Joachim Gerhard mit Bildern seiner Söhne Lukas (l.) und Jonas, aufgenommen kurz vor ihrem Verschwinden 2014.

Quelle: Bernd Hartung

Kassel. Jedes Mal durchströmt ihn ein stechender Schmerz, wenn sein Handy mit gedämpftem Vibrationston eine neue Kurznachricht ankündigt. Jedes Mal ersehnt sich Joachim Gerhard diese eine erlösende Mitteilung von seinen Söhnen: „Ja, wir leben noch. Uns geht es gut, Papa.“ Worte, auf die der Vater seit Monaten vergeblich wartet. Jonas, 23, und sein Bruder Lukas, 20, haben sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen. Ob es ihnen gut geht, ob sie noch atmen, ob sie beieinander sind – Joachim Gerhard zuckt ratlos mit den Schultern.

Vater glaubt, seine Söhne leben noch

Mehr als Brotkrumen sind es nicht, aus denen Gerhard, Immobilienmakler und ehemaliger Profifußballer aus Kassel, seine Hoffnung zieht. Sein Naturell verbiete es ihm, das Schlimmstmögliche anzunehmen. Seine Jungen, so ist Gerhard überzeugt, leben noch. Es gebe Hinweise, unbestätigte Berichte, ältere Fotos, die vermuten lassen, dass sich die Brüder in der staubtrockenen Wüste von Syrien befinden. Lebend. Irgendwo in der IS-Hölle im Grenzgebiet zur Türkei.

„Am Tag, an dem ich sie wieder in meine Arme schließe, werde ich ihnen die längste Standpauke ihres Lebens halten, werde ihnen heulend und schreiend klarmachen, welches Nervenbündel sie aus ihrem Vater gemacht haben“, sagt er. „Aber im selben Atemzug werde ich ihnen vergeben.“

Joachim Hartung hat ein Buch geschrieben

Joachim Hartung hat ein Buch geschrieben.

Quelle: dpa

Wie konnte es so weit kommen?

Wie konnte es so weit kommen? Joachim Gerhard sucht seit Oktober 2014 nach Antworten. Damals, als seine Söhne an einem nasskalten Abend beschlossen, das Leben in Deutschland hinter sich zu lassen. Ohne Vorwarnung. Mit der Ausrede, sie wollten Freunde in Wien besuchen, haben sie seinen BMW geliehen.

Im Wohlstand aufgewachsen

Jonas und Lukas verbringen eine Jugend ohne große Ausreißer. Sie probieren sich aus, wie es Teenager machen. Die Eltern sind getrennt, aber auf gutem Fuße miteinander. Dank des Wohlstands des Vaters gewöhnen sich die beiden Jungen an einen gewissen Luxus. Nicht übertrieben, aber deutlich über dem Durchschnitt. Abitur, Ausbildung in Berlin – Jonas ist seinem jüngeren Bruder Vorbild. Sie sind ein Herz und eine Seele. Nichts deutet darauf hin, dass sie eines Tages in einem „Islamischen Staat“ würden kämpfen wollen und dort das westliche Leben, das sie in der Hauptstadt in vollen Zügen genossen haben, verteufeln.

„Es gibt nicht diesen einen Radikalisierungstyp, und es gibt nicht nur diesen einen einzigen Grund, warum sich Jugendliche radikalisieren“, erklärt Thomas Mücke, Geschäftsführer des Hilfsnetzwerks „Violence Prevention Network“ in Berlin. Er kennt Dutzende Fälle von Heranwachsenden, die dem IS verfallen sind. Ein Stereotyp für gefährdete Jugendliche lasse sich nicht ausmachen. „Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen ohne Anerkennung und Perspektive sind zwar gefährdeter“, sagt er. Genauso gut könne es aber auch die Tochter einer Lehrerin treffen oder den Sohn eines Polizisten. Oder eben die Söhne eines Immobilienmaklers.

Radikalisierung beginnt mit der Rückkehr aus Berlin

Die Geschichte der Radikalisierung beginnt mit der Rückkehr aus Berlin Ende 2013. Der ein wenig stoffelig wirkende Jonas hat seine Schauspielausbildung abgeschlossen, aber erkannt, dass er in diesem Beruf keine Erfüllung finden wird. Lukas, stolzer Karatekämpfer, folgt seinem Bruder zurück in die Heimat, bricht seine Lehre als Fotograf ab. Vater Joachim gefällt es, seine Söhne, die in Kassel eine berufliche Neuorientierung suchen, wieder um sich zu haben. Beide jobben übergangsweise in seinem Büro. Die Verbindung scheint innig.

Alter Schulfreund nimmt ihn mit in die Moschee

Jonas knüpft neuen Kontakt zu einem alten Schulfreund. Sebastian führt scheinbar das Leben, wie es auch Jonas Gerhard gern führen würde: verheiratet, sicherer Job, gefestigt im Glauben. Sebastian ist Muslim, nimmt Jonas mit in eine Kasseler Moschee. Dorthin, wo Prediger nur wenige Monate später bestätigen werden, dass unter ihnen radikale Islamisten auf Menschenfang waren. Die Islamisten faszinieren Jonas offenbar. Sie überzeugen ihn, zum Islam zu konvertieren, auf Alkohol zu verzichten und für die Brüder und Schwestern, die in Syrien angeblich von der westlichen Welt gefoltert und ermordet werden, einzutreten. „In Ehre und Wohlgefallen des Herrn“ wollten sie leben, schreiben die Brüder ihrem Vater später.

„Da entsteht eine Gemengelage, in der die Person anfällig für salafistische Angebote ist“, berichtet Florian Endres, Leiter der Beratungsstelle Radikalisierung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Seit 2012 ist die Behörde Anlaufpunkt für Hilfesuchende, die fürchten, Familienmitglieder, Freunde oder Schüler an die IS-Terroristen zu verlieren. Die Zahlen steigen: Pro Monat erreichen die Experten rund 150 Hilferufe. Insgesamt waren es bereits 2700 seit 2012. Die Strukturen und Finanzmittel sind entsprechend mitgewachsen. „Die klassischen Aussteiger hat man nicht. Man benötigt jedes Mal eine besondere Strategie, um an die Leute heranzukommen und so einen Denkprozess anzustoßen“, sagt Endres.

Das letzte Foto

Das letzte Foto: Jonas und Lukas (r.) haben ihrem Vater dieses Bild aus Syrien geschickt.

Quelle: Bernd Hartung

Etwa 700 Dschihadisten mit deutschem Pass in Syrien

Das gelingt nicht bei jedem Rekruten, auf den die verführerische Kraft des IS wirkt. Zwar ist die Terrorgruppe in Syrien und im Irak militärisch auf dem Rückzug. Etwa 700 Dschihadisten mit deutschem Pass halten sich aber noch immer in Syrien auf, heißt es beim Bundeskriminalamt. Sie werden ausgebildet, in den Kampf geschickt oder für Selbstmordanschläge instrumentalisiert. Dass bislang in Deutschland nichts passiert sei, so geht es aus offiziellen Papieren hervor, sei einzig dem fehlenden Mut der deutschen Islamisten geschuldet, die, so wörtlich, „stets kalte Füße bekommen haben“.

Ob Jonas und Lukas auf dieser Liste stehen? „Das sind Kinder, und sie wussten gar nicht, was sie gemacht haben“, sagt der 53-jährige Vater. Sie hätten sich von Fantasien blenden lassen. Der Illusion, dass sie jederzeit aus dem Kampfgebiet wieder nach Hause reisen könnten. Dass ihr freier Wille entscheide. Die strengen Regeln der Scharia für sie in Syrien nicht gelten. „Dass der IS so eingreifen und den Jungs und Mädchen so den Kopf verdrehen kann, bis sie alles vergessen – das ist doch irre“, sagt Gerhard.

Mit Geld Informationen kaufen

Der Makler lässt nichts unversucht. „Ich hole meine Söhne vom IS zurück.“ Wie oft er schon in die Türkei oder nach Jordanien oder Syrien gereist ist, kann er nicht mehr zählen. Geld spielt dabei keine Rolle. Er will Antworten. Selbst wenn er dafür den Tod fürchten muss, wenn er mit Schleppern, Grenzsoldaten und mit Mitgliedern des Terrornetzwerkes verhandelt, versucht, sich mit Geld Informationen zu erkaufen. Mit den kurdischen YPG-Kämpfern war er vor wenigen Wochen in der zerbombten Stadt Kobane, die zum Widerstandssymbol der westlichen Staaten gegen die „Gotteskrieger“ stilisiert wurde.

Verfassungsschutz hat die Kinder für tot erklärt

Gerhard schritt mit den Soldaten durch eine Leichenhalle, in der ausländische IS-Kämpfer aufgebahrt waren. Ständig von der Angst getrieben, einen seiner Söhne zu erkennen. Auf deutsche Behörden vertraut er längst nicht mehr, der Verfassungsschutz hat seine Kinder für tot erklärt.

Vater fordert: Stoppt die radikalen Anwerber

Der Vater ist auf sich allein gestellt. Ein unzumutbarer Zustand, wie Islamwissenschaftler Achmad Masur kritisiert. „Nach Anschlägen wie in Paris oder in Belgien werden Millionen von Euro in die Präventionsarbeit gesteckt. Das zeigt nur, wie naiv unsere Politiker sind.“ Blinder Aktionismus statt gezielte Abwehr. Worte, die Joachim Gerhard bestätigen, aber nicht weiterbringen. Er fordert die Politik auf, die radikalen Anwerber zu stoppen. Der IS habe es längst nicht nur auf die gesellschaftlichen Verlierer abgesehen. „Sie wenden sich bewusst an hochintelligente Jungen und Mädchen und krempeln sie so um, dass sie nach Syrien gehen und dort einen neuen Staat aufbauen. Es geht nicht nur um das Kämpfen und Morden.“

Vater schämt sich nicht für seine Söhne

Schämen will sich der Vater nicht für seine Söhne. Wenn sie ein Verbrechen begangen hätten, solle man ihnen das nachweisen. Und genau deshalb sucht er auch den Weg in die Öffentlichkeit. Betroffene Eltern haben schon genug Sorgen, sie sollen nicht auch noch die Stigmatisierung fürchten müssen und nur flüsternd in der Ecke stehen. Deshalb hat er ein Buch geschrieben über die Suche nach seinen Söhnen, „Ich hole euch zurück“ heißt es und erscheint diese Woche (S. Fischer Verlag). So habe er seinen Lebensmut wiedergefunden, nur so war es ihm überhaupt möglich, so etwas wie Alltag einkehren zu lassen. Aufhören, nein, das werde er nicht. Bis er weiß, was mit seinen Söhnen passiert ist. Joachim Gerhard hat Hinweise aus Reihen der YPG, auch ein Ukrainer, mit dem er in Kontakt steht, will Neuigkeiten von Jonas und Lukas haben. Wieder zwei Brotkrumen, die die Hoffnung nähren.

Von Carsten Bergmann

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