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Zeitumstellung verursacht Mini-Jetlag

Schlafforscher warnen vor Unfällen Zeitumstellung verursacht Mini-Jetlag

Sonntag früh wird die Zeit umgestellt. Die Zeitumstellung ist für den menschlichen Organismus jedoch eine Art Mini-Jetlag. Die veränderte Uhrzeit führe daher auch zu mehr Verkehrsunfällen, warnen Forscher. Zudem: Nachtruhe und unsere 24-Stunden-Gesellschaft passen nicht zusammen. Müssen wir neu über den Schlaf nachdenken?

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Quelle: dpa

Berlin. Vor sechs Monaten wurde uns allen etwas sehr Wertvolles gestohlen: eine Stunde Schlaf. Wie jedes Jahr bekommen wir sie an diesem Wochenende zurück. Eine Stunde mehr zum Schlafen, ein ruhigerer Sonntagmorgen – und das etwas verwirrende Gefühl, das einen bei jeder Zeitumstellung beschleicht. Etwas ist aus den Fugen geraten, Zeit wirkt plötzlich verhandelbar. „Die Zeitumstellungen sind die zwei Momente im Jahr, an denen jeder merkt, wie er sich auf den äußeren Taktgeber einstellt, der unser Leben bestimmt.“ So formuliert es die Göttinger Historikerin Hannah Ahlheim. Sie erforscht den Schlaf. Und das flaue Gefühl der zeitlichen Heimatlosigkeit, das die Band „Tocotronic“ besang: „Ich bin heute morgen aufgewacht/ es war noch mitten in der Nacht/ und ich weiß nicht genau, ob es so etwas gibt/ und ob es an der Zeitumstellung liegt.“

Der Schlaf ist die große Unbekannte in der Gleichung der 24-Stunden-Leistungsgesellschaft. Wir können – und sollen – zu jeder Tageszeit arbeiten und konsumieren. Nur die Müdigkeit kann diese Maschine stoppen. Die einen überschreiten die Grenze der Erschöpfung, weil sie es wollen: Um Mitternacht beginnt die Partyzeit. Andere müssen ihren Tagesrhythmus umstellen, damit die Konsummaschine brummen kann. Der Anteil der Nachtarbeit steigt seit Jahren – wegen der atemlosen Service-Industrie. Nur der Schlaf, nicht mehr die Nacht, hält uns vom Funktionieren ab. „Wir können den Schlaf nicht direkt kontrollieren“, sagt der Tübinger Neurowissenschaftler Jan Born. „Daher sollte man ihm gegenüber ein gelassenes Verhältnis entwickeln.“

FRANZOSEN SCHLAFEN AM LÄNGSTEN, KOREANER AM KÜRZESTEN

Die Deutschen sind im internationalen Vergleich Kurzschläfer. Laut einer OECD-Studie verbringen sie täglich 492 Minuten (8,2 Stunden) schlafend.

Die Franzosen sind mit 530 Minuten Schlaf die Sieger in den Betten, auch US-Amerikaner verbringen mit 518 Minuten täglich viel Zeit mit geschlossenen Augen – außer New Yorkern allerdings. In der Stadt, die niemals schläft, klagen 48 Prozent der Einwohner darüber, dass sie selber nicht genug Nachtruhe bekommen. Das ergab eine Philips-Schlafstudie. In Tokio sind es nur 30 Prozent – Japaner allerdings schlafen auch nur 470 Minuten pro Tag. Noch eine Minute früher stehen die Südkoreaner auf, im Sachsen-Anhalt Asiens reichen 469 Minuten Ruhe.

Die Kampagne „Land der Frühaufsteher“ des Bundeslandes hinter Helmstedt ist inzwischen in „Dafür stehen wir früher auf“ verändert worden – die Tatsache allein, dass dort der Wecker neun Minuten früher klingelt als beim Durchschnittsdeutschen, war zu wenig werbewirksam.
Viele Deutsche wünschen sich nichts sehnlicher als mehr Nachtruhe. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) finden, dass sie zu wenig Schlaf bekommen. Und zwar, weil sie zu spät ins Bett gehen (55 Prozent), ohnehin schlecht schlafen können (36 Prozent) oder sich Sorgen über das Leben machen (39 Prozent). Ob dazu die Sorge vor dem Wecker ge- hört, der durchschnittlich zwischen sechs Uhr und sieben Uhr morgens klingelt, wurde nicht erhoben.

Ganz vorne im internationalen Schlafbeschwerden-Vergleich liegen übrigens wieder die Langschläfer-Franzosen: Hier finden 45 Prozent, dass sie zu wenig Zeit zwischen den Federn verbringen.

Die Anforderungen an die arbeitende Bevölkerung aber sind relativ klar: Zwischen sechs und sieben Uhr morgens klingelt bei den meisten der Wecker. Der Acht-Stunden-Nachtschlaf (minus Einschlafphase von 15 Minuten) gilt als eherne Regel – und ist dennoch eine eher junge Entwicklung: „Seit dem 19. Jahrhundert gilt das frühe Aufstehen als das Ideal“, erläutert Ahlheim. „Das frühe Aufstehen wurde als Mittel gegen Schlafstörungen im modernen, ‚nervösen’ Zeitalter propagiert.“ In den 1930er und 1940er Jahren haben Schlafforscher wie Nathaniel Kleitman in den USA dann den Schlaf erstmals im Detail untersucht – und damit auch die Bedingungen für „richtigen“ Schlaf geprägt: Allein die eine, ununterbrochene Schlafphase zählte. Wer wach ist, muss leistungsfähig sein.

Das Ideal des „konsolidierten Nachtschlafs“ ist relativ neu. Entstanden ist es durch Industrialisierung und Elektrifizierung. Der „vorindustrielle Schlaf“ kann anders ausgesehen haben, vielleicht so, wie ihn sich der US-Historiker Roger Ekirch vorstellt: Als zweigeteilte, flexible Ruhezeit. Nach der Arbeit fielen die Menschen todmüde auf ihr Lager. Nach ein paar Stunden erwachten sie, fütterten vielleicht die Tiere oder redeten, tranken, hatten Sex. Wie wirr und kreativ wirkt das gegenüber dem simplen, heutigen Ideal: Zwei Drittel wach, ein Drittel weg.

Heute kann jeder Smartphone-Besitzer herausfinden, was er in diesem „fehlenden Drittel des Lebens“ anstellt. Der „Sleep Bot“, eine kostenlose Software, dient zur Selbstüberwachung. Das Gerät muss dafür nur angeschaltet neben dem Kopfkissen liegen. Am Morgen findet der Nutzer dann ein komplettes Protokoll der Nacht vor. „Wir wollen nur protokollieren, wie wenig Schlaf wir gerade bekommen“, erzählt Gründerin Jane Zhu. „Sleep debt“ heißt eine Anzeige auf der App: Schlafschulden.„Möchten Sie Milch oder Zucker in den Kaffee?“ fragt die reizende Lilo Pulver in Billy Wilders Berlin-Komödie „Eins, zwei, drei“ ihren Chef. „Nein, nur zwei Pervitin, es wird ein harter Tag“, antwortet der Boss. Niemand kennt mehr den Markenname Pervitin. 1961 aber, als der Film gedreht wurde, waren die Pillen überall erhältlich. Heute ist das Zeug nur noch vom lokalen Dealer in Sachsen und verstärkt auch in Brandenburg zu beziehen – als Crystal Meth. Denn Pervitin, vor 75 Jahren von den Berliner Temmler-Werken auf den Markt gebracht, war einfach Methylamphetamin. Heute gilt Crystal als „Drei-Tage-Wach“-Partydroge – mit schlimmen Spätfolgen.

Im Zweiten Weltkrieg war Pervitin die Pille für den deutschen Blitzkrieger. „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tabletten“, so hieß das Mittel, 35 Millionen Pillen wurden allein für den Frankreichfeldzug 1940 von der Wehrmacht geordert. An der Heimatfront gab es Pervitin-Pralinen. Der Slogan dazu: „Pervitin macht die Hausfrau glücklich“. Die Alliierten experimentierten mit eigenem Kriegs-Speed: Die US Air Force gab ihren Piloten Benzedrin als Wachmacher und setzte die Versuche noch lange nach Kriegsende fort. Das Problem: Meth macht nicht nur abhängig, sondern zehrt den Körper auch aus. Der müde Krieger brauchte um so mehr Ruhe vor einem neuen Kampfeinsatz.

Der Schlaf bleibt auf Dauer eben ein unbesiegbarer Gegner.

Von Jan Sternberg
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Zeitumstellung führt zu mehr Unfällen

Schlafmediziner warnen davor, die Umstellung auf die Winterzeit an diesem Wochenende auf die leichte Schulter zu nehmen. Die veränderte Uhrzeit führe zu rund acht Prozent mehr Verkehrsunfällen. Auch die Krankenhauseinweisungen mit Verdacht auf Herzinfarkt stiegen in den Tagen danach an, teilte die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) am Freitag in Berlin mit.

"Durch die Zeitumstellung erfährt der menschliche Organismus eine Art Mini-Jetlag", sagte DGSM-Vorstandsmitglied Hans-Günter Weeß. Betroffen seien vor allem Senioren und Kinder. Die Uhren werden in der Nacht zum Sonntag von 2:59 Uhr wieder auf 2 Uhr zurückgestellt

» Was tun bei Herbstblues? Genießen!

Zeitumstellung: Pro und Contra

Eine Stunde vor und eine zurück: Die Zeitumstellung in Deutschland zweimal im Jahr hat Freunde aber auch jede Menge Skeptiker. Eingeführt 1980 um Energie zu sparen, ist das Drehen an der Uhr vielen ein Dorn im Auge.
 

PRO: Die Nacht zu Sonntag ist mit der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit ideal für Langschläfer und Partyfreunde. Der Sonntag ist 25 Stunden lang und bietet so jede Menge Zeit zum Ausschlafen. Für Grillabende und andere Freizeitaktivitäten ist die Sommerzeit indes ideal, da es eine Stunde länger hell ist. Von Vorteil ist, dass die Zeitumstellung ein einheitliches System in weiten Teilen Europas ist.

CONTRA: Viele Menschen klagen über Schlafstörungen und Konzentrationsschwächen. Nach einer von der Krankenkasse KKH in Auftrag gegebenen Studie haben vier von zehn Deutschen Probleme mit der Zeitumstellung, Frauen deutlich mehr als Männer. Nicht nur der Mensch, auch manch Tier lässt sich von der Umstellung stressen. So könnten Hauskatzen wegen geänderter Futterzeiten empfindlich reagieren, warnen Tierfreunde. Auch die Milchkuh im Stall braucht ihre Zeit, wegen der Umstellung auf neue Melkzeiten. Nervig ist die Umstellung in jedem Fall für alle, die keine Funkuhren haben. Bei wem die Chronometer nicht automatisch mit der Zeit gehen, muss alles per Hand umstellen. Die Zeitumstellung verursacht durch Fahrplanänderungen oder neue Dienstpläne zum Beispiel in einem Schichtsystem Kosten. Eingeführt wurde die Sommerzeit, um das Tageslicht besser auszunutzen und so Strom zu sparen. Selbst Energieerzeuger sehen dieses Ziel als verfehlt. Vielmehr wird in den kälteren Monaten mehr Energie für Heizen verbraucht.

Gefahr von Wildunfällen in der Dämmerung wächst
Mit der Umstellung auf die Winterzeit an diesem Wochenende steigt nach Einschätzung des Deutschen Tierschutzbunds auch das Risiko für Wildunfälle. Der Berufsverkehr werde nun noch mehr in die Dämmerstunden fallen, teilte der Verband am Freitag mit. Zu dieser Zeit seien viele Wildtiere wie Rehe und Wildschweine auf Nahrungssuche. Auch Igel, Hasen, Füchse und frei laufende Katzen könnten durch das Dämmerlicht leichter übersehen und überfahren werden.

Autofahrer sollten deshalb vor allem in Gebieten mit großem Waldanteil ihre Geschwindigkeit auf 60 bis 80 Stundenkilometer drosseln, raten die Tierschützer. Nach Angaben des Verbandes sterben bundesweit jedes Jahr bis zu 200 000 Rehe und mehr als 20 000 Wildschweine durch Zusammenstöße mit Autos. Die Anzahl überfahrener Igel liege vermutlich bei weit über 100.000.

Der Herbst ist für Wildtiere gefährlich. Denn dann wechseln sie zur Nahrungssuche zwischen ihren Rückzugsrevieren und abgeernteten Feldern hin und her - und kreuzen dabei oft auch Straßen.

SIEBEN TIPPS ZUM EINSCHLAFEN

  1. Entspannung ist der beste Weg in den Schlaf. Verschieben Sie aufregende Dinge auf den nächsten Tag. Auch das E-Paper Ihrer Tageszeitung ist noch zum Frühstück frisch.
  2. Erst ins Bett gehen , wenn man wirklich müde ist.
  3. Schlummertrunk oder Schlafbier sind gefährlich – denn oft bleibt es dann doch nicht nur bei einem.
  4. Heiße Milch mit Honig hingegen hilft.
  5. Tryptophan – klingt wie ein Schlafmittel, ist aber natürlich und wirkt sehr entspannend. Diese Aminosäure kommt zum Beispiel in Kirschen, Bananen, Walnüssen und Hartkäse vor.
  6. Hörbücher sind die neuen Schäfchen! Zum Beispiel 250 Stunden „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi – da wird Schauspieler und Sprecher Ulrich Noethen ein Bettgefährte für mehrere Jahre.
  7. Autogenes Training , allerdings nur für den, der's kann. Oder auch: Den kommenden Tag mit einem positiven Grundton schon einmal Revue passieren lassen.
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