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Der Mensch drängt die Erde ins Anthropozän

Den Spiegel vorgehalten Der Mensch drängt die Erde ins Anthropozän

Potsdamer Nachhaltigkeitsforscher haben maßgeblichen Anteil an der Diskussion um ein neues Erdzeitalter. Die Erde hat sich durch den Einfluss des Homo Sapiens verändert. Der internationale Diskurs könnte auch zu einem neuen Bewusstsein der Verantwortung für den Globus führen.

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Der Mensch hinterlässt deutliche Spuren: Braunkohletagebau Welzow (Spree-Neiße).

Quelle: dpa

Potsdam. In einigen Regionen ist der Bestand an Insekten um bis 80 Prozent zurückgegangen, meldete erst kürzlich der Naturschutzbund (Nabu). An die 100 Säugetierarten sind allein seit dem Jahr 1500 auf Erden ausgestorben. Nicht nur im Untergrund finden sich zunehmend neuartige Mineralien und werden dort für Äonen bleiben. Weltweit lassen sich Radionuklide herrührend von Kernwaffentests in der Atmosphäre nachweisen. In den Weltmeeren können langlebige Plastikpartikel gewichtsmäßig wohl bald schon mit den Algen konkurrieren. Treibhausgase heizen den Planeten auf und führen zu globalen Klimaänderungen. All diese erdgeschichtlich prägnanten Änderungen haben mit dem Menschen zu tun.

„Ein neues Zeitalter, das Anthropozän, manifestiert sich“, sagt Thomas Bruhn, Physiker am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS. Nicht erst seit der Internationale Geologische Kongress vergangenes Jahr in Kapstadt anregte, sich mit dem Begriff auseinanderzusetzen, sehen Forscher den Globus in ein neues Erdzeitalter übergegangen: das bisherige Holozän hat sich ins Anthropozän (das „menschlich Neue“) gewandelt. Weltweit versuchen Wissenschaftler den historischen Einschnitt einzuordnen und Konsequenzen daraus zu entwickeln. Eine gestaltende Rolle nimmt dabei auch das IASS ein. Die Fachleute aus der Landeshauptstadt haben Forschungsprojekte zum Thema initiiert, ein Symposium veranstaltet und kooperieren eng mit der internationalen Anthropocene Working Group, die das neue Zeitalter in die geologische Zeitskala einzuordnen versucht.

Das „menschlich Neue“ als dauernde Beigabe

In der Inanspruchnahme der Flächen weltweit, die von natürlichen zu landwirtschaftlichen, industriellen und städtebaulichen Arealen gemacht wurden oder aber in der Biomasse-Extraktion, sieht Franz Mauelshagen weitere Merkmale für das „menschlich Neue“. So seien im Jahr 1900 noch 75 Prozent aller Produkte aus Biomasse wie Holz, Pflanzenfasern und Ähnlichem gemacht worden, sagt der Historiker, der am Institut das Projekt „Anthropozän: Menschengeschichte als Erdgeschichte“ bearbeitet. Heute ist es gerade noch ein Viertel. Der Einsatz von Beton ist dagegen im gleichen Zeitraum von 10 auf 40 Prozent gestiegen. Der Baustoff findet sich inzwischen auch im Untergrund in Form von Partikeln als für die Zukunft fast schon ewige Beigabe. Das Treibhaugas Kohlendioxid zeigte von seiner Konzentration in der Atmosphäre her über 400 000 Jahre der Planetenhistorie hinweg eine gewisse Stabilität. Innerhalb der letzten gut 100 Jahre habe es aber nach erdgeschichtlichen Zeitmaßstäben schlagartig um rund ein Drittel zugenommen, so Mauelshagen.

Ein kulturelles Thema

Die Fragen der Diskussion um die Feststellung des neuen Erdzeitalters „Anthropozän“ prägen das Potsdamer „Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung“ IASS quasi in seiner Genese. Schon Gründungsdirektor Klaus Töpfer befasste sich eingehend etwa mit dem Thema „Nachhaltigkeit im Anthropozän“.

Mit der internationalen Anthropocene Working Group, die das neue Zeitalter in die geologische Zeitskala einzuordnen versucht, pflegt das IASS seit Längerem eine intensive Kooperation. In einem Symposium „Schöpfung im Anthropozän“ in Zusammenarbeit mit anderen Partnern machte sich das Institut 2015 daran, das Anthropozän als gesellschaftliches und kulturelles und nicht nur als reines Wissenschaftsthema zu diskutieren.

Derzeit beschäftigt sich das IASS in einem Projekt „Denkweisen und Geisteshaltungen für das Anthropozän“ mit Partnern mit der Frage ob innere Haltungen wie Mitgefühl, Altruismus oder Achtsamkeit die nötigen Veränderungen von Denk- und Handlungsmustern im neuen Erdzeitalter fördern.

Der Historiker Franz Mauelshagen befasst sich am Institut in einem eigenen Vorhaben mit dem Anthropozän unter dem Fokus „Menschengeschichte als Erdgeschichte“.

Diskutiert wird in der Fachwelt kaum noch über das „Ob“, also ob man wirklich von einem neuen vom Homo sapiens geprägten Erdzeitalter sprechen kann, sondern vorwiegend über das „Wann“. Viele sehen in der Mitte des 20. Jahrhunderts das entscheidende Datum, als mit Atombombentests und dem Kernwaffen-Ersteinsatz durch die USA langlebige nukleare Spuren hinterlassen wurden. Auch das Jahr 1800 mit dem Beginn der galoppierenden Industrialisierung wird als Start eingestuft. Andere plädieren für den Anfang des 17. Jahrhunderts mit dem damals startenden nie zuvor dagewesenen Artenaustausch zwischen den Kontinenten.

Benötigt wird „eine planetarische Politik“

Bruhn und auch Mauelshagen halten das für eine „ein Stück weit akademische Diskussion“. Mensch und Natur würden „miteinander verschmelzen“, sagt Bruhn. Die entscheidende Frage sei auch nicht – obwohl sie eine gewisse Berechtigung habe – ob es nicht wieder eine erneute „Anmaßung“ des Menschen ist, ein erdgeschichtliches Kapitel quasi nach sich zu benennen. „Das eigentliche Thema ist, wie gehen wir damit um“, so Bruhn. Um aus der nicht unbedingt intakten Beziehung zwischen Erde und Mensch wieder eine gesunde zu machen, „brauchen wir eine planetarische Politik“, ergänzt Mauelshagen, eine, die dem Erhalt der Lebensbedingungen verpflichtet ist.

Erste Ansätze sehen die Wissenschaftler des IASS im Klimaabkommen von Paris, das die Erderwärmung in vielleicht noch handhabbaren Grenzen halten könnte. So münde etwa die Diskussion um eine andere Energieversorgung in prinzipielle Strategien, die wegführen von einer immer höheren Treibhausgasproduktion. Wer hätte vor wenigen Jahren noch gedacht, dass selbst Staaten wie China entsprechende Schritte machen. Insofern könne die Diskussion um das Anthropozän im Sinne des Vorhaltens eines Spiegels auch ein „Ausdruck der Hoffnung“ sein. Der Diskurs gebe die Chance „innezuhalten und verantwortlich gestaltend tätig zu werden“.

Von Gerald Dietz

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