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16 Minidramen über Liebe und Freundschaft

Hans-Otto-Theater 16 Minidramen über Liebe und Freundschaft

Der Titel ließ viele Besucher ein gesellschaftspolitisches Drama erwarten. Doch „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ handelt vom plötzlichen Scheitern scheinbar fester Liebesbeziehungen. Nach zweieinhalb Stunden wurde den Premierenbesuchern im Potsdamer Hans-Otto-Theater deutlich, warum das Stück so heißt.

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Claudia, Renner, Rita Feldmeier, Meike Finck, Marianna Linden, Peter Pagel, Nina Gummich, Wolfgang Vogler (verdeckt), Raphael Rubino und Michael Schrodt.

Quelle: FOTO: HOT/HL Böhme

Potsdam. Die Premiere im Potsdamer Hans-Otto-Theater dauert am Freitagabend schon zweieinhalb Stunden, da entfährt einigen Zuschauern im Parkett ein erleuchtetes „Ahhh“. Im vorletzten Minidrama erschließt sich endlich der Titel, der ein gesellschaftspolitisches Stück erwarten ließ. Ein Mann erklärt seiner Frau: „Wir waren wie zwei Hälften, die sich verloren hatten und die sich wiederfanden. Es war wunderschön. Es war, als wenn Nordkorea und Südkorea ihre Grenzen öffnen und sich wiedervereinigen würden.“ Unter der Überschrift „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ hat der Franzose Joël Pommerat 16 Sketche zusammengestellt, die alle von Liebe und Beziehung handeln.

Sicher: „Das Private ist politisch und das Politische ist privat“. Wer über die vorgeführten Sittenbilder noch einmal nachdenkt, dem fällt als Politikum die Häufung triebhafter Frauen auf. Eine Sekretärin möchte von ihrem zudringlichen Chef wissen, ob er „im Schlaf in sie eingedrungen ist“. Angeblich bereitet ihr diese Vorstellung Freude. Eine andere Frau hat ihr Gedächtnis verloren, aber ihre Lust nicht und so ist es für sie immer wie beim ersten Mal. Eine Hure möchte ihren Stammgast auch für viel Geld nicht ziehen lassen. Und Muriel lässt ihren Partner einfach stehen, als sie auf einen alten Freund trifft, denn ihre „Lust ist stärker als die Angst“.

Wird hier eine Urangst des Mannes wiederbelebt, wie sie zuletzt im 19. Jahrhundert Konjunktur hatte? Damals wurde das Weib als unberechenbares Wesen mystifiziert. Oder sind diese Frauen selbstbestimmte Geschöpfe des 21. Jahrhunderts?

Regisseur Stefan Otteni will sich nicht ganz entscheiden, das bestätigt auch das disparate Bühnenbild von Anne Neuser. Ein naturalistisch ausgeführter Laubbaum steht neben symbolhaft abstrakten Leitern sowie Accessoires der Gegenwart. In der Eingangsszene tanzen alle elf Schauspieler unter dem Baum im verklärenden Lichteinfall einen romantischen Reigen. Das Schlussbild gehört allein der überragenden Nina Gummich, die sich als Urweib ekstatisch und glücklich die Seele aus dem Leib tanzt.

Zuvor hat die 25-jährige Schauspielerin mit ergreifender und vieldeutiger Intensität die naiv verliebte Insassin einer Anstalt gespielt, die von einem Geisteskranken schwanger geworden ist, sich aber vom Arzt nicht zur Abtreibung überreden lässt. Auch als Sekretärin und Babysitterin stellte Nina Gummich ihr immenses komödiantisches Talent heraus. Das Theater kann nur hoffen, dass sie dem Ensemble erhalten bleibt.

Die Zäsuren zwischen den 16 Zerwürfnissen werden von Regieeinfällen überbrückt, die dezent bleiben. Um die Stimmungswechsel einzuleiten, wird mal gesungen oder die Drehbühne in Bewegung gesetzt. Die überdeutlichen Texte werden überdeutlich gesprochen. Versichert eine Frau „Er ist der Mann meines Lebens“ oder „Ich bin glücklich“ ahnt der Zuschauer natürlich schon, dass diese heile Welt wenige Sätze später in die Brüche geht. Ob und wie es jedem einzelnen Darstellern gelingt, den Untertext mitzuspielen, lässt sich in dieser Inszenierung vortrefflich beobachten. Michael Schrodt zum Beispiel verrent sich als Lehrer in eine banale Emphase, wenn er von seiner Liebe zu einem möglichen Missbrauchsopfer spricht. Später als Mann, der gegen ein Freund in Rage gerät, gelingt ihm dann aber ein Unterton.

Die realistische Inszenierung nimmt nur selten die holzschnittartigen Züge einer Farce oder einer Groteske an. Es sind die stärkeren Momente, wenn Regisseur Otteni die lehrstückartige Einfachheit der Vorlage um rätselhafte Bilder ergänzt und sich die ein oder andere Ausschmückung erlaubt. Da sind ein Vater mit seinem Sohn, die plötzlich und unvermittelt zu Hardrock-Musik ausflippen oder die Babysitterin, die scheinbar auch das sexuelle Verlangen eines kinderlosen Ehepaars stillen soll.

Das Stückwerk summiert sich zu einem facettenreichen Abend. Da viele Szenen auf der Vorderbühne und im Parkett spielen, stellt sich auch eine Nähe zum Ensemble her. Die Aufführung macht den Schauspielern sichtlich Spaß.

Von Karim Saab

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