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Schlange stehen für nackte Frauen

40 Jahre „Akt und Landschaft“ Schlange stehen für nackte Frauen

Vor 40 Jahren machte in Potsdam die Fotoausstellung „Akt und Landschaft“ Furore. Alle wollten die nackten, jungen, schönen Frauen sehen, die die Fotografen Klaus Ender und Gerd Rattei fotografiert hatten. Eine bahnbrechende Ausstellung sagen die einen heute – konventionell und unpolitisch sagen andere.

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Fotos von Klaus Ender in der legendären Ausstellung „Akt und Landschaft“ von 1975 in Potsdam.

Quelle: Fotos: Ender

Potsdam. Schlangen von wartenden Menschen waren in der DDR nichts Ungewöhnliches. Aber 50 Meter in Fünferreihen vor einer Fotoausstellung, die auch noch 50 Pfennig Eintritt kostete dann doch. Was die vielen Wartenden am 16. September 1975 unbedingt sehen wollten, war die Fotografieausstellung „Akt und Landschaft“ auf der Potsdamer Freundschaftsinsel.

„Akt und Landschaft“ war die erste Schau in der DDR, in der Aktfotografie gezeigt wurde. Und sie war ein Riesenerfolg. 23 000 Menschen kamen in den 33 Tagen, die die Ausstellung geöffnet hatte, um die 150 Fotos zu sehen, die je zur Hälfte von Klaus Ender und Gerd Rattei stammten: Landschaftsbilder, aber vor allem Fotos von unbekleideten junge Frauen. Eine Ausstellung, „in ihrer Art einmalig in unserer Republik“, wie die „Märkische Volkstimme“, die Vorgängerzeitung der „Märkischen Allgemeinen“ vor 40 Jahren schrieb.

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Nur zwei Fotografen stellten bei der ersten Fotoausstellung „Akt und Landschaft“ 1975 in Potsdam aus: Klaus Ender und Gerd Rattei. Wir zeigen einen Teil der historischen Aufnahmen.

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Zumindest ungewöhnlich war die Ausstellung für die damalige Zeit. Denn Bilder von nackten Menschen zu veröffentlichen war bis dahin weitgehend das Privileg von Zeitschriften wie „Das Magazin“ und „Eulenspiegel“ oder Fachblättern wie „Fotografie“ und „Fotokino Magazin“ gewesen. Ausstellungen mit Aktfotos hatte es aber noch nicht gegeben. Klaus Ender spricht deshalb von einer „kulturpolitischen Wende, die seine Schau damals in der DDR ausgelöst habe. Dem seinerzeit in Potsdam lebenden Fotografen war es gelungen, den Kulturbund mit ins Boot zu holen, so dass er die Erlaubnis bekam, zusammen mit dem Cottbuser Kollegen Gerd Rattei in dem Pavillon auf der Freundschaftsinsel auszustellen. „Davon hatte ich seit zehn Jahren geträumt“, so Ender.

„Das war ganz klar ein Novum für die damalige Zeit“, sagt auch Gerd Rattei. Für heutige Verhältnisse sind die Fotos allerdings eher unspektakulär. Es sind Bilder von schönen Frauen. Ender lichtete sie meist am Strand an der Ostsee in idyllischem Licht ab. Ratteis Fotos hingegen zeugen gelegentlich von einen gewissen Humor, wenn er seine Models in betont komischen Situationen inszenierte.

Die Fotografen Ender und Rattei

Gerd Rattei (78) ist einer der bekanntesten Fotografen in der Region Niederlausitz. Zusammen mit Klaus Ender stellte er bei der ersten Ausstellung „Akt und Landschaft“ 1975 in Potsdam aus. Rattei fotografierte für Zeitschriften wie „Sibylle“ oder das „Magazin“ und erhielt in der DDR zahlreiche Fotopreise. Von 1955 bis 1995 leitete er Fotoklubs. Von ihm gibt es Fotos aller Genres, von Industriefotografie über Landschaften und Porträts bis zu Akten. Rattei lebt in Cottbus.

Klaus Ender (76) begann in den 60er- Jahren als Autodidakt auf der Insel Rügen Aktaufnahmen zu machen. Seine Fotos wurden unter anderem im „Magazin“ und in der westdeutschen Zeitschrift „Konkret“ abgedruckt. 1972 kam er nach Potsdam, wo er 1975 die Ausstellung „Akt und Landschaft“ initiierte. 1981 ging er in den Westen. Ender lebt heute wieder auf der Insel Rügen und betreibt einen kleinen Verlag.

Gerade erschienen ist von ihm ein Fotoband mit Aphorismen. Klaus Ender: Frei Körper Kolumnen. Teil 2, Klaus Ender Art Photo Archiv, 78 Seiten, 12,50 Euro

Die DDR-Oberen fanden jedenfalls Gefallen daran. Die Schau ging wegen des Andrangs in Potsdam anschließend als Wanderausstellung quer durch die Republik – über Dresden, Magdeburg, Stendal bis nach Rostock. Und der Kulturbund machte aus der Initiative der beiden Fotografen einen „Leistungswettbewerb der DDR-Fotografen“, der von 1979 an alle drei Jahre in Potsdam veranstaltet wurde. Schon zur 1. Leistungsschau bewarben sich 69 Fotografen mit insgesamt 500 Aufnahmen. 43 Bewerber konnten dann im Mai 1979 insgesamt 170 ihrer Werke zeigen. Klaus Ender war damals erneut mit 27 Bildern dabei.

Das öffentliche Interesse an den Ausstellungen blieb ungebrochen. 1988 kamen 45 000 Besucher, erinnert sich Walter Wawra, von 1987 bis 1992 Vorsitzender des Fotoclubs Potsdam, der die Schau mitorganisierte. Der ursprüngliche Initiator Klaus Ender war da jedoch schon lange nicht mehr dabei. Er hatte seine Fotos auch in den Westen verkauft und dafür Ärger bekommen. 1981 setzte er sich nach Österreich ab.

Inwieweit die Ausstellung „Akt und Landschaft“ für Jahrzehnte zum „Maßstab für künstlerische Aktfotografie“ geworden ist, wie Ender später behauptete, ist unter Fotoexperten allerdings umstritten. In Fotografenkreisen sei die Ausstellung damals eher ein wenig belächelt worden, erinnert sich Wolfgang Kil, der in den 70er und 80er Jahren als Fotografiekritiker gearbeitet hat. „Schöne Mädels, damit hat man immer Erfolg“, so Kil. Aber die Bilder seien ästhetisch eher konventionell und ohne politische Bedeutung gewesen. Und Ulrich Domröse, der Leiter der fotografische Sammlung der Berlinischen Galerie gibt zu Bedenken, dass das Genre der Fotografie in den 70er Jahren in der DDR als eigenständige Kunstform anerkannt und damit eben auch die Aktfotografie salonfähig wurde.

Walter Warwa ist dennoch etwas milder. Das seien schon sehr „liebliche Bilder“ gewesen, die in der Ausstellung von 1975 gezeigt wurden, gibt er zu. „Aber die haben tatsächlich etwas losgetreten“, findet er. Die späteren Ausstellungen hätten mit der Zeit auch an politischem Profil gewonnen. So sei in der Rubrik Landschaft schon mal ein Müllplatz gezeigt worden.

Die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Figuth sieht das ähnlich. Die Ausstellung von 1975 sei ein „doller Erfolg“ gewesen. Und danach sei es „doch erst richtig losgegangen“. Denn die Aktfotografie habe in den Jahren danach eine soziale Komponente erhalten und nicht mehr nur „Mädels am Strand“ gezeigt: „Wir haben uns von der Fotografie im Stil des Magazins verabschiedet.“ Ältere Menschen wurden zum Beispiel Thema der Fotografen. Insofern sei „Akt und Landschaft“ für die DDR schon bahnbrechend gewesen.

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Von Mathias Richter

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