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Kultur 7000 Besucher und viele Bravo-Rufe
Nachrichten Kultur 7000 Besucher und viele Bravo-Rufe
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18:38 07.06.2018
Witzig, sensibel und charmant: „Sans“, ein 18 Jahre altes Erfolgsstück der Choreografin Martine Pisani aus Paris. Quelle: FOTO: P R
Potsdam

Was sich mit einem Körper, der sich im Raum bewegt, alles ausdrücken lässt! Scham und Neugierde, Freude und Ärger, Zweifel und Zufriedenheit. Bis Sonntag noch ist bei den Potsdamer Tanztagen zu sehen, was die Bühnenkünstler heute mit Händen und Füßen, Posen und Gesten, Sprüngen und Drehungen zu sagen haben.

Das ADHS-Symptom und der Fitness-Wahn unser Zeit, aber auch die Sehnsucht nach Rausch, ultimativen Grenzerlebnissen und Verzückung durch intensive Körperarbeit tragen die einstündige Solo-Performance des Kanadiers Manuel Roque. Die ersten Minuten lässt sich der Mann in Straßenkleidung von einem eingespielten monotonen Taktschlag inspirieren, indem er wie in dem Kinderlied „Laurentia, liebe Laurentia mein!“ unentwegt in die Hocke schwingt. Manchmal federt er zwischendurch, demonstriert seine überbordende Kraft und Kondition, verfällt bald in einen Steppschritt und entwickelt durch perkussive Beinarbeit selbstbestimmte Rhythmen.

Das Klangdesign des Pulsschlags aus dem Off verändert sich und wird später überraschend durch überwältigende, romantische Klaviermusik von Frederic Chopin abgelöst. Wie ein irischer Square-Dancer mit durchgedrücktem Rücken und unbewegtem Gesicht erobert der Getriebene mal trippelnd, mal kunstvoll hopsend den Raum in allen Richtungen, gibt den lockeren Hampelmann, dreht sich ekstatisch wie ein Derwisch oder mimt den Gekreuzigten, der allerdings auch Pirouetten dreht. Am Ende gibt es eine Erlösung – und die liegt in der Erschöpfung. Nebelschwaden und verklärendes Scheinwerferlicht unterstreichen das Ankommen in meditativer Ruhe, im Stillstand, der nach dieser atemlosen Reise nicht mehr als solcher wahrgenommen wird.

Viele Bravo-Rufe und Beifall erhielt am Mittwochabend auch „Sans“, eine witzig-elegante, äußerst sensible, charmante Bühnenerzählung der Choreografin Martine Pisani aus Paris. Das Werk für drei Männer wurde bereits im Jahr 2000 in der fabrik Potsdam uraufgeführt und erweist sich seither als Dauerknüller. „Sans“ kommt ganz ohne akustische Einspieler aus. Mit gesprochenen Satzfetzen oder angesungenen Liedern setzt das Trio, das sich tänzerisch-kommunizierend im Raum bewegt, aparte Akzente. Mitunter herrscht eine Stimmung, als würde tonlos ein Fernseher laufen. Und weil jeder winzige Blick und jedes Zucken der Augenbraue zählt, ist die Aufführung auch ein pantomimisches Meisterwerk.

Die Männer pusten sich gegenseitig über die Bühne, fallen zu Boden und richten sich mit viel Empathie auf. Oder sie verknäulen sich zu einem Wesen mit sechs Armen, sechs Beinen und drei Köpfen. In einem Schnelldurchgang am Ende wird noch einmal der Bilderreichtum dieser Aufführung aufgerufen und der Besucher geht reich beschenkt nach Hause. Die Pariserin hat eine weitere Inszenierung nach Potsdam mitgebracht. Die Deutschlandpremiere von „undated“ ist heute zu sehen (siehe Kasten).

Die letzten Höhepunkte

Undated: Deutschlandpremiere. Marine Pisan (Paris) wagt mit zehn Tänzern ein Kondensat ihrer Choreografien der letzten 20 Jahre. Heute, 19.30 Uhr in der fabrik.

Con Grazia: Ein Performance-Konzert. Martin Messier und Anne Thériault (Montreal) zerschlagen Objekte wie Porzellan und Früchte. Heute 21 Uhr, Sa 19 Uhr.

Humanoptère: Zirzensische Choreografie.

Clément Dazin/La Main de L’Homme (Strassburg). Sieben Artisten jonglieren Bälle und treiben die Absurditäten des Alltags auf die Spitze. Sa 20.30 Uhr und So 16 Uhr in der fabrik.

1. 7: Zsuzsa Rózsavölgyi führt in ihrem Solo stereotype Frauenbilder vor. Heute 21 Uhr und  Sa 19 Uhr im T-Werk.

Abschlusskonzert und -party Sa 22 Uhr. Tickets 0331/ 2800314.

Ohne Aufenthaltsstipendien in Potsdam wären viele der Produktionen gar nicht entstanden. Durch ein engagiertes „Artist-in-Residence“-Programme hat sich die fabrik Potsdam in der internationalen Tanzszene einen guten Namen gemacht. Ein weiterer entscheidender Pluspunkt für Potsdam ist die Offenheit für Neues und Ungewohntes, mit der das Team um Festivalleiter Sven Till immer wieder neue Trends aufspürt. Dazu zählt in diesem Jahr die Installation „Voicing Pieces“. Wer sich auf das Vorlese-und Lautpoesie-Experiment der Trükin Begüm Eriyas im Pavillon auf der Freundschaftsinsel einlässt (noch bis Sonntag), begegnet nicht nur der eigenen Stimme, sondern gewinnt auch eine Erkenntnis: Selbst die Zunge im Mundraum ist ein Körper, mit dem sich durch gezielte Bewegungen alles sagen lässt.

Etwa 7000 Zuschauer besuchten in diesem Jahr die Potsdamer Tanztage. Für die Finanzierung des Programms und des zusätzlichen Personals standen der fabrik Potsdam ein Budget von 240 000 Euro zur Verfügung. Ein Drittel davon sind Eigeneinnahmen. Laurent Dubost, der Sprecher des Internationalen Zentrum für Tanz und Bewegungskunst, ist besonders stolz, dass auch viele außereuropäische Beiträge eingeladen werden konnten. Es gab Gastspiele aus Kanada und Asien. Höhepunkt war aber eine Inszenierung, die an zwei Abenden im Hans-Otto-Theater gezeigt wurde. Eine Tanzcompagnie aus Brazzaville (Kongo) mit Livemusikern hinterließ einen äußerst authentischen Eindruck aus dem urbanen Afrika.

„Ein Riesenkraftakt war in diesem Jahr der Prolog der Tanztage“, bilanziert Dubost. Über ein Jahr studierten 120 Laien und 30 Kinder eine Choreographie ein, die im Potsdamer Lustgarten 1500 Zuschauer anlockte und dann noch einmal 800 in die Schiffbauergasse. „Dafür haben wir 50 000 Euro eingesetzt. Ob sich das wiederholen lässt, wissen wir nicht. Aber die Resonanz für das partizipative Tanzprojekt war überwältigend“, so Dubost.

Von Karim Saab

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