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Kultur Alexander Nerlich dramatisiert den Dostojewski-Roman „Verbrechen und Strafe“
Nachrichten Kultur Alexander Nerlich dramatisiert den Dostojewski-Roman „Verbrechen und Strafe“
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15:34 08.03.2018
In schwieriger Lage: Eddie Irle (Raskolnikow, liegend) wird von Moritz von Treuenfels (hier in der Rolle des Swidrigajlow) bedrängt. Quelle: HOT/Böhme
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Potsdam

Der Krimi und Ideenroman „Schuld und Sühne“ aus dem Jahr 1866 ist an innerer und äußerer Dramatik kaum zu überbieten. Im Mittelpunkt steht der verarmte Student Raskolnikow, der eine Pfandleiherin umbringt, weil er sich einbildet, ein Herrenmensch zu sein. Die turbulente Handlung verbindet Fjodor Dostojewski (1821-1881) mit dem Abgleich ideologischer Weltbilder und tiefen Einblicken ins russische Seelenfeuer.

Alexander Nerlich hat sich in Potsdam als Spezialist für ernste, düstere, auch bedrückende Stoffe, die er in der Regel bipolar aufbereitet, bereits einen Namen gemacht. In seiner zehnten (wegen des bevorstehenden Intendantenwechsels vielleicht letzten) Regiearbeit für das Hans-Otto-Theater (HOT) zieht er noch einmal alle Register. Aus einer Neuübersetzung des Klassikers mit dem Titel „Verbrechen und Strafe“ stellte der 38-Jährige ein gut dreistündiges Drama für sieben Schauspieler her, das am Freitag im Neuen Theater Premiere feierte.

Zwei Großromane in zwei Wochen

Gegenwartsdramatik scheint völlig aus der Mode zu sein. Nach „Unterleuten“ ist „Verbrechen und Strafe“ der zweite Großroman, den das HOT innerhalb von zwei Wochen auf die Bühne stemmt.

Beide Dramatisierungen darf man als sehr sportlich bezeichnen. In der Adaption des Juli-Zeh-Romans spielen 13 Schauspieler 25 Figuren. In der Dostojewski-Aufführung sieben Schauspieler 20 Rollen.

Komplexe Handlungsgeflechte wurden vereinfacht. Auch sonst hatten die Inszenierungen einiges gemeinsam. Auf der Bühne wurde viel geraucht. Und Frauen wurden recht sexualisiert dargestellt.

Die große Drehbühne nutzt Žana Bošnjak für viele überraschende Raumeffekte. Der Abend beginnt und endet in einem perspektivisch zugespitzten Discoraum. Wände und Boden werden von starken Zackenlinien dominiert, die ein schrilles Lichtkonzept deutlich zur Geltung bringen. Auf der Kehrseite findet sich eine monochrom eingefärbte Rückwand. Über Waschmaschine und Kühlschrank hängen einige Ikonen. Doch die Räume verschachteln sich zusehends. Aus den Wänden lassen sich markante Elemente wie ein vertikales Becken oder eine Telefonzelle herausziehen.

Raskolnikow wird von Eddie Irle gespielt, der über neun Spielzeiten in Potsdam gereift ist. Er ist nicht mehr der jugendliche Poser mit dem Waschbrettbauch. Mit Irle-typischen Überzeichnungen hielt er sich diesmal eindrucksvoll zurück und verlieh dem getriebenen Täter sogar intellektuelle Züge. Da er aber recht hochtourig als Hitzkopf starten muss, wird seine faschistoide Gesinnung zunächst wenig plausibel. Die erklärt sich dem ahnungslosen Zuschauer erst, wenn Raskolnikow von Kommissar Porfirij (Moritz von Treuenfels) als Verfasser eines Artikels angesprochen wird, der skrupellose Machtmenschen wie Napoleon feiert. Treuenfels spielt diese Rolle aalglatt und lüstern. Der von Gewissensqualen gepeinigte Raskolnikow soll dagegen blass und starr aussehen. Auch Rasumichin, sein Freund, wird von Florian Schmidtke mit so viel Energie und Charisma ausgestattet, dass Raskolnikow eher als charakterloser Typ in Erinnerung bleibt.

Auf der Bühne wird viel gestorben (sogar ein Pferd verreckt). Vor allem wird heftig und laut diskutiert. Dass die Stimmung nie ins Hysterische kippt, ist ein großes Verdienst von Alexander Nerlich. Sprachlich verlangt er seinen Akteuren ein hohes Maß an Disziplin und Eindringlichkeit ab. Er findet originelle Bilder für Debilität, Schwindelgefühl oder die Selbstzerstörung durch Alkohol. Regieeinfälle und Stimmungswechsel bewahren die Inszenierung vor hohlem Pathos.

Handgemenge auf der Bühne wurden elegant choreographiert (Jasmin Hauck und Cecilia Wretemark). Als Raskolnikows Mutter und Schwester in Petersburg eintreffen, geht es auf der Bühne sogar heiter zu. Auch das akustische Design verblüfft. In einem Eimer Wasser werden am Bühnenrand live Geräusche erzeugt. Für Wahnvorstellungen oder die Stimme des Gewissens liegt ein Mikro bereit. Die Musik von Malte Preuß reicht vom elektrisierenden Dub bis zu psychodelischen und loungigen Klängen.

Die Zuschauer bekommen für ihr Geld also recht viele Aspekte, Zacken und Leistungen geboten. Sehenswert auch Nina Gummich und Andrea Thelemann in ihren Rollen. Wer das Buch nicht kennt, wird aber nicht alle Nebenfiguren verstehen.

Nächste Aufführungen: 11., 13. und 28. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Hans-Otto-Theater Potsdam, Karten unter 0331/98 118.

Von Karim Saab

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