Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Alice im Wunderland der Klimamodelle

Verständliche Wissenschaft Alice im Wunderland der Klimamodelle

Würde ein Laie versuchen, aus dem Computermodellen der Klimaforscher schlau zu werden, käme er sich wohl bald vor wie Alice im Wunderland. Genau diesen Gedanken griff die Wissenschaftspublizistin Margret Boysen auf. Sie schickt die bekannte Heldin von Lewis Caroll in ihrem neuesten Buch wieder auf die Reise und macht die Welt der Klimafolgenforschung verständlich.

Potsdam, Telegrafenberg 52.3810497 13.0639263
Google Map of 52.3810497,13.0639263
Potsdam, Telegrafenberg Mehr Infos
Nächster Artikel
"Glee"-Star Mark Salling wegen Kinderpornos angeklagt

Zwischen Wüste und Eis: Alice durchwandert die Welten der Klimaforscher

Quelle: Fotolia, MONTAGE: MAZ/Scheerbarth

Potsdam. Die Potsdamer Wissenschaftspublizistin Margret Boysen hat ein Buch geschrieben, das Jugendlichen den Klimawandel begreifbar machen soll.

Frau Boysen, wann haben Sie den Entschluss gefasst, ein eigenes Buch über den Klimawandel und die Forschung darüber zu publizieren?

Margret Boysen : Das war als mir klar wurde, dass Menschen durch Argumente am wenigsten zu überzeugen sind. Oft werden die Leute ja eher von einem dumpfen Bauchgefühl beherrscht, als dass sie auf Kenntnisse setzen. Das kann dazu führen, dass sie unbewusst an vertrauten Strukturen festhalten wollen, zum Beispiel auch an den überkommenen Formen der Energiewirtschaft. 

Durch den Dschungel der Klimarhetorik

Aber ein Buch ist doch selbst ein Argument. Wie sollte das solche Menschen überzeugen?

Boysen : In meinem Buch geht es eher darum, dass man der Logik von Argumenten allein nicht vertrauen kann.  sondern immer auch darauf schauen muss, welches Geistes Kind jemand ist, also welche Motive hat jemand für seine Aussagen, was sind seine Absichten? Die Alice in meinem Buch muss sich durch den Dschungel gefährlicher Klimarhetorik genauso durchkämpfen wie jeder Zeitungsleser.

Kunst und Wissenschaft

Margret Boysen (49) studierte Geologie und Paläontologie an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitete unter anderem als Wissenschaftsjournalistin und ist seit 1999 Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Potsdams-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik). Dort engagiert sie sich für das öffentliche Verständnis von moderner Wissenschaft. Unter anderem organisiert sie Begegnungen von Kunst und Wissenschaft auf dem Telegrafenberg. Boysen ist auch Autorin des 2014 erschienenen Gedichtbandes „Flucht vor der Laternenordnung“.

„Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta“ ist dieses Frühjahr in der Edition Rugerup erschienen. Auf 278 Seiten erläutert der Band sehr humorvoll und verständlich die Modelle zeitgenössischer Klimaforschung. Dabei ist die Wanderung der bekannten Figur von Lewis Caroll durch die Modellwelten sogar sehr spannend zu lesen. Ein bisschen Wissen zum Klimawandel setzt das Buch aber schon voraus.

Das Umschlagbild lässt zunächst ein wissenschaftliches Buch für Kinder vermuten. Das ist aber keineswegs so, wenn man hineinschaut. Wen haben Sie als Zielgruppe im Sinn?

Boysen : Alle Altersstufen jenseits des Abiturs, sowie Schüler der Oberstufe.

Die Figur der Alice scheint mir nicht unproblematisch. Im Wunderland wird ihr ja viel Unsinn erzählt. Da könnte man doch leicht vermuten, dass auch die Klimamodelle in Ihrem Alice-Buch Unsinn sind, oder?

Boysen : Nein die Geschichte ist umgekehrt konzipiert: ich schicke den Leser und Nicht-Wissenschaftler zusammen mit Alice auf eine Reise durch die Wunderwelt von Wissenschaft und Klimawandel. Außerdem hat meine Alice ja die mathematisch-metaphorische Katze Zeta als Ratgeberin, die nicht, wie die Katze bei Lewis Carroll, nur auf einem Ast herumsitzt und grinst. Aber natürlich wird auch jede Menge herrlicher Unsinn geredet!

Die besten Instrumente der Klimazunft

Für die Klimaforscher selbst ergeben die wundersamen Klimamodelle aber Sinn. Und Sie versuchen das in Ihrem Buch zu transportieren?

Boysen : Ja, sicher! Denn die Modelle haben sich als unsere besten Instrumente für die Abschätzung der Klimazukunft erwiesen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie die Vergangenheit rekonstruieren können. Die Modelle zeigen uns also, wie unsere Atmosphäre funktioniert  und wie sie zum Beispiel reagiert auf Störungen der Strahlungsdynamik durch die Verbrennung fossiler Energieträger.

Die Schilderung dieser Modelle und ihrer Entstehung nimmt einen breiten Raum ein in Ihrem Buch. Warum haben Sie nicht einfach nur erklärt, welche Wirkung CO2 auf unsere Atmosphäre und ihre Erwärmung hat?

Boysen : Das kann man ja eigentlich schon vielerorts nachlesen. In meinem Buch wollte ich wirklich einmal die Arbeit der Klimawissenschaftler auf unterhaltsame Weise vorstellen und eine Lanze für die Klimamodellierung brechen.

Die Kaninchen vom Telegrafenberg

War zuerst dieser Gedanke da oder zuerst die Figur der Alice?

Boysen : Zuerst war tatsächlich die Figur der Alice da. Angefangen hat es mit den Kaninchen auf dem Telegrafenberg, die um das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hoppeln. Die riefen eine erste Assoziation  auf den Plan. Das eigentliche Narrativ hat sich dann erst entwickelt, als ich die Idee hatte, dass Alice durch einen Computerbildschirm in die Welt der Klimamodelle hineinsteigt und dort als Riesin unterwegs ist und Prozesse wie den Ablauf der letzten Eiszeit im Zeitraffer erlebt.

Ist „Alice im Wunderland“ eigentlich eines Ihrer Lieblingsbücher?

Boysen : Eigentlich gar nicht. Aber es ist ein durchaus inspirierendes Buch.

Wie lange haben Sie nach Aufkommen der Idee selbst noch mal recherchiert, um Ihr Buch zu verwirklichen?

Boysen :  Ich habe gar nicht recherchiert, denn mir waren die Themen und Sachverhalte aus meiner Arbeit für die Öffentlichkeitsarbeit des PIK schon bekannt. Dann aber habe ich die Wissenschaftler noch einmal zu den einzelnen Themen interviewt. Das heißt, ich habe nachgefragt, ob die Bilder, die ich verwendet habe, um ihre Forschungsergebnisse verständlicher zu beschreiben, so auch stimmen.   Dafür habe ich mit mehreren Dutzend Wissenschaftlern gesprochen. Alles in allem war ich zwei Jahre mit dem Buch beschäftigt.

Gab es einen Hauptberater?

Boysen : In diesem Fall war es eher wichtiger, Ratschläge zu ignorieren.

Sie ließen sich also nicht von Ihrem Mann Hans Joachim Schellnhuber hineinreden?

Boysen : Nein. Dazu hatte er viel zu viel um die Ohren.

Hat er das Manuskript gelesen?

Boysen : Ja, selbstverständlich. Auch bei ihm habe ich mich rückversichert, dass das, was ich schreibe, wissenschaftlich richtig ist. Und er ist einer meiner größten Fans.

Die großen Geister von Potsdam

In Ihrem Buch kommen auch andere Personen vor. Sind das reale Menschen vom Telegrafenberg?

Boysen : Es gibt einige wenige reale Figuren, auf die ich nicht verzichtet habe, das sind große Wissenschaftler von Weltrang, die auch für Potsdam wichtig waren. Dazu gehört der Astronom Karl Schwarzschild mit seinen Berechnungen zu Schwarzen Löchern, dazu gehört der Lichtforscher Albert Michelson, der auf dem Telegrafenberg sein Experiment zum Lichtäther gemacht hat und dazu gehört schließlich auch Schellnhuber selbst. Und zu guter Letzt taucht auch Albert Einstein auch, allerdings inkognito. Ich fand es einfach zu platt, Einstein noch einmal eins zu eins auftreten zu lassen, aber zwei, drei Zitate von Einstein gehörten einfach mit in den Text. Alle anderen Menschen, die sonst noch auftauchen, sind erfundene Figuren.

Was bedeutet für Sie selbst der Telegrafenberg, auf dem die Geschichte spielt?

Boysen : Der Telegrafenberg ist für mich ein Korb voller Wunder. Das Tolle ist, dass hier der Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft geschlagen wird. Einerseits sitzen wir auf einer Endmoräne der letzten Eiszeit, gleichzeitig modellieren die Klimawissenschaftler die letzten Eiszeitzyklen und machen eine Aussage darüber, dass die nächste Eiszeit durch die Klimaerwärmung wahrscheinlich unterdrückt werden wird. 

Wollten Sie auch für den Telegrafenberg begeistern?

Boysen : Durchaus. Der Ort ist nicht nur wissenschaftshistorisch bedeutsam. Reizvoll sind auch seine architektonischen Kleinodien, wie die ehemaligen Königlichen Observatorien und der Einsteinturm. Mit etwas Glück trifft man auch die Katze Zeta und ein weißes Kaninchen, oder kommt ins Gespräch mit einem der zahlreichen jungen, begeisterten Forscher oder Forscherinnen.

Soll Ihr Buch auch Verhaltensänderungen bewirken?

Boysen : Zunächst ging es mit darum, die Scheu vor der Klimaforschung zu nehmen. Sicher würde ich auch gerne einen Beitrag dazu leisten, dass es zu Verhaltensänderungen kommt. Ich glaube gar nicht, dass man dafür ein Engel werden muss. Man muss einfach nach Stellschrauben schauen, die man ohne Weiteres umstellen kann. Man kann sich zum Beispiel fragen, ob es wirklich nötig ist, zwei Transatlantikflüge im Jahr zu machen. Und man muß nicht jeden Tag ein Steak essen und ständig googeln. Solange wir nicht auf erneuerbare Energien umgestellt sind, ist solches Verhalten eben problematisch. Ich selbst fahre zum Beispiel seit zwei Jahren mit einem Elektroauto, das auch mit Strom aus erneuerbaren Energien betankt wird.

Gibt es auch schon erste Reaktionen auf das Buch?

Boysen : Ja, das kann man durchaus positiv beantworten. Ich bin schon zu mehreren Lesungen eingeladen. Auch am Institut hat das Buch eine kleine Fangemeinde. Ich möchte natürlich aber auch nach außen wirken und möglichst vielen Lesern mit dem Buch eine Freude machen.


Von Rüdiger Braun

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?