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14:57 25.02.2014
Selbstporträt von 1989. Quelle: Gundula Schulze

In der DDR ging sie dorthin, wo es wehtat – in Krankenhäuser, Altersheime, Schlachthöfe. Ihre sozialkritischen Reportagen und Porträts erregten Aufsehen. Ihr Wert ist unbestritten. Ihre Lebensfrage, „wer wir Menschen eigentlich sind und was unsere Natur ist“, nahm sie nach dem Fall der Mauer mit auf viele Weltreisen. Vor allem in Ägypten und in Peru, wo sie seit sieben Jahren lebt, fand sie neue Inspirationen – weniger in den Menschen, die sie kaum noch fotografiert, sondern in den alten Kulturen und in der Natur, in Bergen, Meeren und Seen, Pflanzen und Tieren. Wie Gundula Schulze Eldowy zu der wurde, die sie heute ist und wie sich ihr Blick auf die Welt gewandelt hat, erklärte sie Karim Saab.

Frau Schulze-Eldowy, Sie sind eine der wenigen Künstlerinnen, bei denen die 1989er Wende offenbar zu einem radikalen ästhetischen Bruch geführt hat. Wieso interessieren Sie sich heute kaum noch für die Menschen in ihrer Lebenswelt?

Gunduala Schulze-Eldowy: Seit meinem 15. Lebensjahr reise ich. Meine erste Auslandsreise führte mich nach Prag, wo ich am Grab von Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannt hat, Blumen niederlegte. Mit 16 trampte ich nach Berlin und war ergriffen von der Stadt. Mit 18 war ich dann Berlinerin. Mit 19 fuhr ich nach Rumänien. Mit 20 nach Bulgarien. Vor der Wende bereiste ich den Osten. Nach der Wende den Westen. Dann ging es weiter nach Asien, Afrika und Amerika. Ich habe vier Sprachen gelernt - Deutsch, Russisch, Englisch und Spanisch. Seit 14 Jahren lebe ich in Peru.

Wie sich herausstellte, war Berlin nur eine Zwischenstation. Ich lebte 13 Jahre in der Stadt und beschäftigte mich intensiv mit dem Leben ihrer Menschen. Ich wollte etwas in mir zum Ausdruck bringen, das mit der Stadt zu tun hatte. Es ist der archäologische Aspekt, der mich interessierte.

Die Bilder in meinem Band „Berlin in einer Hundenacht“ waren nur das Vorspiel zu etwas Umfassenderem, woran ich seit 20 Jahren auf meinen Reisen arbeite. In Ägypten und Peru stieg ich tiefer in das Thema ein. Sicherlich spielt dabei die Suche nach meinen Wurzeln eine Rolle und die Frage, wer wir Menschen sind und worin unsere eigentliche Natur besteht.

Die amerikanische Fotografin Diane Arbus (1923-1971), die ich anfangs bewunderte, hatte einen psychologischen Aspekt in die Fotografie eingeführt. Sie war eine der wenigen Künstler, die etwas von der wahren menschlichen Natur zumindest ahnte. Octavio Paz, der mexikanische Nobelpreisträger, sagte einmal: „Niemand weiß, worin die menschliche Natur besteht.“ Davon gehe ich auch aus.

Haben Sie sich denn von heute auf morgen gesagt, ich will keine sozialkritische Fotografie mehr betreiben?

Schulze Eldwoy: Auf einer tiefenpsychologischen Ebene hat alles, was einem in der Welt begegnet, eine tiefe Entsprechung zum eigenen Selbst. Dort ist die Welt angesiedelt. Nur dort. Ich kann in der Welt sein, weil ich die Welt in mir sein lassen kann. In mir, das heißt im Nichts. Im Nichts, das heißt in der Ewigkeit.

Natürlich ist es kein Zufall, dass ich Fotografin geworden bin. Die Fotografie lehrte mich, die Sprache der Bilder zu verstehen und die Information, die in ihnen verborgen ist. In ihrer schöpferischen Potenz manifestiert sich eine Energie, die Wirklichkeit wird. Das ist der Grund, warum ich mit den sozialkritischen Bildern aufgehört habe.

Nachdem ich jahrelang Friedhöfe, Geburtssäle, Krebsstationen, Fabrikhallen und Schlachthäuser fotografiert hatte, begann mein Leben einen tragischen Zug anzunehmen, der vorher nicht zu bemerken war.

Es wird wahr, woran jemand glaubt und womit jemand seine Zeit verbringt. Denn Bilder enthalten Kodierungen, die unmittelbar auf das Unterbewusstsein des Betrachters wirken. Die Wirkung muss nicht bewusst sein. Trotzdem besteht eine Resonanz.

Es wimmelt in der bildenden Kunst an Blutopfern. Der Mensch als geschlachtetes Wesen ist ein beliebtes Motiv. Künstler leben mitunter gefährlich, weil sie Opfer ihrer eigenen Kunst werden können.

Bildermachen schärft die Wahrnehmung, denn das Gehirn denkt in Bildern. Bilder sind zeitlos. Sie wirken ewig, da sie das Gehirn neu erfindet und so der Zeit anpasst. Auf diese Weise ist das alte Wissen bis heute geläufig. Es verwandelt sich von Generation zu Generation. Es gibt nichts Neues. Das Alte erscheint ewig in neuer Gestalt.

Gundula Schulze Eldowy

Gundula Schulze Eldowy wurde 1954 in Erfurt geboren. 1972 ging sie nach Berlin und wohnte im vom Krieg zerstörten Scheunenviertel. Hier traf sie viele Menschen, die das alte Berliner Milieu repräsentierten und die sie fotografierte. 1985 traf sie den berühmten amerikanischen Fotografen Robert Frank, der sie 1990  nach New York einlud. 1993 bis 2000 lebte sie in Ägypten. Heute wohnt sie mit ihrem peruanischen Mann auf einer Hacienda zwischen dem Pazifik und den Anden nahe des Amazonasgebiets.

Weitere Bilder und Gedichte von Gundula Schulze Eldowy unter www.das-unfassbare-gesicht.de

Was interessiert Sie als Künstlerin heute?

Schulze Eldowy: Ich schreibe gerade ein Buch, Arbeitstitel: „Tänzerflügel - Die verlorene Geschichte“. Ich möchte an meinem Beispiel verdeutlichen, wie wichtig es für einen Menschen ist, seine Wurzeln zu kennen. Ich kenne nicht einmal zwei Generationen meiner Familie.

Nach Auflösung der DDR bin ich nach Ägypten gegangen, wo ich mich von 1993 bis 2000 niedergelassen habe. Von meiner Wohnung aus schaute ich auf die Große Pyramide von Gizeh. Zu meinen Nachbarn zählten der ägyptische Präsident Mubarak und der damalige Pyramidendirektor, Zahi Hawass, der bald zum Chef der ägyptischen Altertumsverwaltung aufstieg.

Als passionierte Reiterin streifte ich  täglich durch die Wüste bis nach Saqqara und Dashour. Dort entdeckte ich Pyramiden, die von der Armee abgesperrt wurden und die in keinem einzigen Buch auftauchten. Als ich die Pyramiden fotografierte, wurde ich verhaftet. Dabei kamen für mich die korrupten Schiebereien von Regierung, Geheimdienst, Armee und Antikenverwaltung ans Licht, die nicht davor zurückschrecken, antike Pyramiden abzureißen. Ich entkam der Schlinge, die um meinen Hals gelegt war, und flüchtete außer Landes.

Ich ging nach Peru. Dort zeigte sich mir, dass es letztendlich um mehr geht. Ich wollte an die Wurzeln, die ich nicht nur in Ägypten, sondern auch in Peru verorte. Neun Jahre lang reiste ich dort mit Alonso, meinem peruanischen Mann, durch die Anden und stieß auf dieselben Zeichen alter Kulturen wie in Ägypten. Die Ähnlichkeit der Bautechnologie lässt für mich nur eine Schlussfolgerung zu: Es waren dieselben Bauherren. Aber warum werden dann diese Ruinen den Inkas oder den alten Ägyptern zugeschrieben?

Alonso, der aus dem alten Geschlecht der Mochica-Kultur stammt, kennt im Gegensatz zu mir die Überlieferungen seiner Vorfahren, die eine vollkommen andere Geschichte über die Herkunft der Menschen erzählen als die Geschichtsbücher der Europäer. In Wort und Bild soll mein Buch ein tänzelnder Flug zu den verlorenen Ahnen sein.

Haben Sie in Peru etwas gefunden, das Sie in Deutschland vermissen?

Schulze Eldowy: In Peru kann ich die Person sein, die ich bin. Das kann ich in Berlin nicht. In Deutschland spielt die Macht des Geldes eine bestimmende Rolle. Das Geld übt einen unglaublichen Druck aus. Man wird den ganzen Tag von Belanglosigkeiten okkupiert, die einen davon abbringen, die Person zu sein, die man eigentlich ist.

Ihr Namenszusatz Eldowy ist altägyptisch und bedeutet Licht. Hoffen Sie, mit dem Fotoapparat im Sichtbaren das Unsichtbare zu entdecken?

Schulze Eldowy: Sehen ist eine Frage der Wahrnehmung. Der Mensch nimmt wahr, was er für wahr hält.

Das Sichtbare hat seinen Kern im Unsichtbaren. Gedanken sind unsichtbar, erzeugen aber Farben, Gefühle, Formen. Um meine Welt zu verändern, verlegte ich den Fokus einfach auf meine inneren Bilder.

War mein Blick früher ausschließlich nach außen gerichtet, lernte ich in Ägypten, Traumbilder zu fotografieren. Die Inspiration des Herzens wurde zu meiner eigentlichen künstlerischen Quelle. Träume kann man zwar nicht fotografieren, doch spiegeln sie sich in den Bildern der Wirklichkeit. Ich benutzte das Äußere, um einen inneren Aspekt von mir darzustellen.

Ich muss etwas anfassen, um es zu spüren, ganz nah sein, um es einzuatmen - die Wüste, den Stein, den Raum, den Gang, den Boden, den Sarg, die Pyramiden. Dann kreise ich herum, berühre es, rieche es, probiere, wie es sich anfühlt, während sich in meinem Inneren ein Bild zu formen beginnt. Anders kann ich ein Foto nicht zustande bringen. Als Fotografin hatte ich über den Zusammenhang von Traum und Wirklichkeit nachgedacht. Auf eigentümliche Weise brachte mich die Fotografie an Orte, die ich ohne sie nie betreten hätte.

Ich weiß heute, dass die Erde beseelt ist, dass Steine, Bäume, Tiere, Meere und Seen mit Bewusstsein ausgestattet sind. Mag man mich wegen solcher Gedanken für verrückt halten...

Bilder aus der DDR: Der Mensch, das bedrohte Wesen

Gundula Schulze schürfte mit der Kamera stets an Stellen des Alltags, die wehtun, die existentiell schmerzen: Sie fotografierte in Schlachthöfen und im Kreißsaal, in der Friedhofshalle, bei Militärparaden und im Altersheim. Die im Selbstauftrag entstandenen Fotos überliefern das Lebensgefühl von verletzbaren Menschen, die stolz und trotzig ihren Weg gehen.

Dem kuriosen Gartenzwergsammler lässt sich der Mut eines Aussteigers attestieren. Seine Leidenschaft für die kleinsten aller Kleinbürger, die er in seinem Privatmuseum in Dresden zelebrierte, widersprach der Devise vom fortschrittlichen Bewusstsein in der „entwickelten sozialistischen Gesellschaft“.

In der Gummifabrik Braunsdorf  fühlte sich die Bildreporterin „in die Anfangszeiten des Kapitalismus“ versetzt. Das schwarz verrußte Gesicht von Andreas, das sich auch unter der Dusche nicht einfach abwaschen ließ, wirkt heute eher wie ein Faschings-Gag.

Die reinste Wahrheit spricht aus ihren Aktbildern, deren Schönheit direkt aus einer nicht mehr nachvollziehbaren Unverfänglichkeit rührt. 1979 kam sie auf einer Parkbank mit der Rentnerin „Tamalan“ ins Gespräch. Gundula Schulze begleitet die ehemalige Tänzerin über Jahre bis in den Tod. Das berühmteste Motiv: Nach der Amputation beider Beine richtet sich die Greisin nackt im Bett auf und erlaubt der jungen Freundin, ihre Wunden und ihre ungebrochene innere Größe zu dokumentieren. Karim Saab

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