Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Regen

Navigation:
Alternative Fakten bei den Oscars

89. Oscar – Verleihung 2017 Alternative Fakten bei den Oscars

US-Präsident Trump wurde bei der Oscar – Verleihung am 26. Februar erwartungsgemäß kräftig auf die Schippe genommen. Doch nicht dieser Umstand machte die Vergabe des wichtigsten Preises im Filmgeschäft zu etwas ganz Besonderem. Vielmehr war es die Bekanntgabe des falschen Oscar-Gewinners in der Kategorie „Bester Film“, die für Furore sorgte. Doch wie kam es zu der peinlichen Verwechslung?

Voriger Artikel
Schauspieler Martin Lüttge gestorben
Nächster Artikel
Joachim Gauck dankt Mäzen Hasso Plattner

Warren Beatty (rechts) und Jordan Horowitz (Produzent von „La La Land“)

Quelle: Invision

Los Angeles. Kein Komödienautor hätte sich ein originelleres Finale ausdenken können: Die Schlusspointe bei der 89. Oscar-Vergabe wirkte wie ein hintersinniger Verweis darauf, dass sich alternative Fakten gegenüber der Wahrheit niemals durchsetzen lassen. In den Gesichtern im Dolby Theatre zu Los Angeles stand allerdings Unglauben: „Moonlight“ war plötzlich der beste Film des Jahres, nicht mehr der Favorit „La La Land“, den die Laudatoren Warren Beatty und Faye Dunaway eben noch als Siegerfilm verkündet hatten und dessen Team schon dankend auf der Bühne stand.

Des Rätsels Lösung im allgemeinen Chaos: Dem legendären Kino-Gangsterpaar war der falsche Umschlag zugesteckt worden – ein identischer zu jenem, mit dem Emma Stone ein paar Minuten zuvor zur besten Hauptdarstellerin in „La La Land“ erklärt worden war.

So nahmen die Oscars ein verblüffendes Ende. Nicht das bonbonbunte Musical von Damien Chazelle triumphierte, sondern die herb-zärtliche Geschichte von Barry Jenkins übers Erwachsenwerden eines schwulen Schwarzen in den Elendsvierteln von Miami. Die mehr als 6000 Mitglieder der Oscar-Academy entschieden sich in der Nacht zu Montag nicht für den getanzten Traum, sondern für die unromantische Realität. Die Oscar-Ausbeute des Publikumdarlings „La La Land“ schnurrte auf sechs Auszeichnungen zusammen (darunter aber immer noch die für Regisseur, Musik, Kamera).

Für Nebendarsteller Mahershala Ali, den väterlichen Drogendealer aus „Moonlight“, gab es einen Oscar oben drauf, ebenso für Jenkins und sein (adaptiertes) Drehbuch. In der weiblichen Konkurrenz holte sich die Afroamerikanerin Viola Davis aus „Fences“ den Preis. Hollywood, das noch im Vorjahr gar keinen schwarzen Schauspieler nominiert hatte und sich unter Rassismusverdacht sah, wollte dieses Mal alles richtig machen. Bei den Hauptdarstellern aber gewann nicht der hoch gehandelte Denzel Washington mit „Fences“, sondern Casey Affleck als traumatisierter Vater im Drama „Manchester by the Sea“. Politische Korrektheit kann man den Academy-Mitgliedern nicht vorwerfen.

Stolze Preisträger (vl)

Stolze Preisträger (v.l.): Mahershala Ali (beste Nebenrolle, „Moonlight“), Emma Stone (beste Darstellerin, „La La Land“), Viola Davis, (beste Nebenrolle, „Fences“), Casey Affleck (bester Darsteller, „Manchester by the Sea“)

Quelle: imago stock&people

Ob Hollywood aber bei jedem einzelnen Oscar ebenso entscheiden hätte, wenn politische Stellungnahmen in Trump-Zeiten weniger dringlich erschienen wären? Ob die Berlinerin Maren Ade dann auch mit ihrer Tragikomödie „Toni Erdmann“ das Nachsehen gegenüber Asghar Farhadis Drama „The Salesman“ gehabt hätte? Der Iraner, ausgezeichnet nun schon zum zweiten Mal nach „Nader und Simin – Eine Trennung“, war gar nicht vor Ort: Farhadi ließ eine Erklärung verlesen, in der er die „unmenschliche Regelung“ kritisierte, die Menschen aus sieben muslimischen Ländern die Einreise in die USA versperren soll. Er blieb der Show „aus Respekt für meine Landsleute“ nach dem sogenannten Muslim-Bann fern. „Wer die Welt in Kategorien von ,Wir’ und ,unsere Feinde’ einteilt, erzeugt Angst“, so der Filmemacher.

Farhadi nannte Donald Trump in seiner Protestnote nicht beim Namen, doch spukte der Präsident wie ein Poltergeist durch die Gala. Nach gut zwei Stunden schickte Moderator Jimmy Kimmel per Smartphone eine Frage an die Ostküste: „Hey @realDonaldTrump u up?“ Ob der sonst so twitterfreudige Präsident noch wach war, der im Januar bei den Golden Globes der angeblich „überschätzten“ Meryl Streep eine Beleidigung hinterhergejagt hatte?

Die Umschlag-Panne: So ist sie passiert

Auf Warren Beattys Karte stand tatsächlich „Emma Stone, La La Land“. Er hielt einen roten Umschlag mit der Aufschrift „Actress in a leading role“ (Hauptdarstellerin) in Händen – genau wie Emma Stone hinter der Bühne. Die Erklärung: Es gibt jeden Gewinner-Umschlag zweimal. Zwei Angestellte der Wirtschaftsprüfungsfirma PricewaterhouseCoopers haben je eine spezielle Aktentasche mit jeweils einem Set aller 24 Gewinner-Umschläge. Die beiden stehen während der Show rechts und links der Bühne und geben den „Presentern“ – je nachdem aus welcher Ecke diese auf die Bühne kommen – den aktuellen Umschlag. In diesem Fall wurde die Karte „Hauptgewinnerin“ offenbar zweimal ausgeteilt. In den sozialen Medien sorgte die Panne für Amüsement: Nutzer verglichen die Panne mit der US-Präsidentenwahl und schrieben, jetzt habe doch Hillary Clinton gewonnen und nicht Donald Trump.

An diesem Oscar-Abend konnte Trump die glamourösen Vertreter eines liberalen Amerika erleben, die die künstlerische Vielfalt beschworen und sich gegen Mauern jedweder Art aussprachen. Provokant war an diesen Plädoyers nichts. Spitzen gegen die politische Führung blieben dem souveränen Kimmel überlassen, der sich auf solche Attacken als Late-Night-Moderator versteht. „225 Länder schauen heute zu, die uns Amerikaner hassen“, merkte er in seiner Eröffnung an. Dann bat er die „New York Times“ und andere Medien süffisant, den Saal zu verlassen.

So war der 89. Oscar insgesamt eine Gute-Laune-Veranstaltung, bei der Kekse und Donuts an Fallschirmen von der Decke segelten. Hollywood, wie es singt und lacht – besonders in jenem Augenblick, als eine Ladung ahnungsloser Bustouristen in die Show gelotst wurde. Da standen sich Stars und ihre Fans plötzlich wie Aliens gegenüber. Dann erhob sich der geistesgegenwärtige Denzel Washington und traute symbolisch ein Verlobungspaar. Die neue US-Regierung mag spalten, Hollywood vereint.

Von Stefan Stosch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Heiligabend fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Sollten die Geschäfte trotzdem öffnen?