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Amüsement mit Tiefgang

Oper Amüsement mit Tiefgang

Unter dem souveränen Dirigat von Antonello Manacorda wurde die Aufführung des „Barbiers von Sevilla“ an der Komischen Oper in Berlin ein Amüsement mit Tiefgang. Dem Chef der Potsdamer Kammerakademie gelang eine nie gehetzte, aber straff-elastische, vital pulsierende Klangführung ohne Schleppen und Schleimen: dankbar für Sänger und fürs Publikum.

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Dirigent Antonello Manacorda.

Quelle: Nikolaj Lund

Berlin. Lange nicht mehr so amüsiert im Berliner Opernbetrieb wie bei diesem „Barbiere di Siviglia“ von Rossini. Wobei einem das Lachen durchaus auch einmal im Halse steckenbleiben darf; so will es Regisseur Kirill Serebrennikov und so macht er es in ausgesprochen überzeugender Weise. Selten sind die Untiefen des Komödiantischen in diesem scheinbar nur turbulent-putzigen Stoff, die innere Entwurzelung der Protagonisten, das Irrewerden an den eigenen Wahrheiten (und manchmal an der eigenen Identität) so deutlich herausgeschält worden. Der unglückselige, verklemmt schmachtende kleine Intrigant Basilio (Tareq Nazmi), die trampelige und dennoch vom Eros angerührte Berta (Julia Giebel), vor allem aber der Bartolo des sehr prägnanten, cholerisch verzweifelten Philipp Meierhöfer, dessen kleine und fraglos auch bornierte Antiquarswelt unter dem Ansturm des protzigen Neureichen-Geldes im Verbund mit Facebook, Google & Co. in Trümmer geht: lauter kleine tragische Helden aus dem Souterrain des Lebens.

Auf der Bühne geht es verrückt zu

Dunkle Schattierungen, aber nie Tristesse. Dazu geht es auf der Bühne viel zu verrückt zu, mit einem Feuerwerk gestischer und bildnerischer Einfälle: Serebrennikov hat sich, zusammen mit Alexey Tregubov, auch gleich die passende Optik inklusive einiger völlig abgedrehter Kostüme geschneidert. Vor allem lässt der Regisseur, intelligent und manchmal zum Schreien komisch, die Absurditäten, Selbststilisierungen und Versteckspiele unserer virtuell geprägten Jetztwelt ganz organisch in die alte Commedia-dell-arte-Szenerie einfließen, kopfschüttelnd, aber auch freundlich-nachsichtig: keine schwarze, sondern bunte Pädagogik, bestens unterstützt von Ilya Shagalovs sinnfälliger Video-Arbeit.

Nur Figaro behält den Durchblick

Dominik Köningers Figaro ist eigentlich der Einzige, der hier den Durchblick behält. So wird er, auch stimmlich kernig sowie durch drei tanzende, diabolisch grinsende Doubles unterstützt, zum cool-virtuosen Spielmeister des Geschehens; während die quick-sportliche Rosina von Nicole Chevalier besonders anrührend das Umherirren zwischen realen und autosuggestiv-virtuellen Gefühlen in Bild und Klang setzt. Tansel Akzeybeks zappelig-dezentrierter Almaviva – kein besonderer Hoffnungsträger für eine zukünftige erfüllte Partnerschaft – komplettiert die vorzügliche Ensembleleistung, in der auch Studiomitglied Denis Milo (Fiorillo), und der hervorragend mitagierende Chor bravourös wirbeln.

Manacorda strebt unaufhaltsam zur Bühnenwelt

Als verschmitzt-souveräner Hexenmeister im Auge des Sturmes wirkt Antonello Manacorda. Abgesehen von der hier gar nicht so selbstverständlichen Leistung, den ganzen – zu Teilen auf einem ins Parkett hinein gebauten Steg und also im Rücken des Dirigenten agierenden – Laden zusammen zu halten, gelingt ihm durchweg eine zwar nie gehetzte, aber straff-elastische, vital pulsierende Klangführung ohne Schleppen und Schleimen: dankbar für die Sänger und fürs Publikum ohnehin. Der Chef der Potsdamer Kammerakademie expandiert gerade mit Nachdruck in die Bühnenwelt (zuletzt Glyndebourne, nächstens Frankfurt und Brüssel), und auch in der Komischen Oper wird man ihn nach diesem Erfolg wohl noch öfter sehen und hören. Gerald Felber

Info: Die nächsten Aufführungen sind am 13., 16., 19. und 28. Oktober.

Von Gerald Felber

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