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An Türkisch-Deutschen Uni läuft der Betrieb weiter

Nach dem Putschversuch An Türkisch-Deutschen Uni läuft der Betrieb weiter

Sie ist ein Vorzeigeprojekt der deutsch-türkischen Wissenschaftsbeziehungen. Doch seit der Putschnacht ist auch an der 2010 gegründeten Türkisch-Deutschen Universität (TDU) bei Istanbul nichts mehr so wie es mal war. Der am Aufbau beteiligte Vizepräsident der Potsdamer Uni, Robert Seckler, hofft, die Irritationen sind nur vorübergehend.

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Türkisch-Deutsche Universität (TDU): prachenzentrum (Mitte), Rektorat (Rohbau links)

Quelle: Gülten Kılınç

Potsdam. Sie liegt idyllisch in einem ehemaligen Forst des Istanbuler Vorortes Beykoz. Die Türkisch-Deutsche Universität (TDU) hat am 16. September 2013 ihren Lehrbetrieb aufgenommen und genießt seit dem ersten Studienjahr unter den Studierenden beider Länder hohes Ansehen. Der Campus befindet sich noch im Aufbau. Und so ruhig der Ort abgesehen von den Baumaschinen ist, so ruhig sei auch in den Tagen nach dem dilettantischen Putschversuch und der anschließenden „Säuberung“ der Betrieb an der TDU. So jedenfalls sagt es der Vizepräsident der Universität Potsdam, Robert Seckler.

Fünf Fakultäten mit deutschem Unterricht

Das Fundament für die deutsch-türkische Hochschulzusammenarbeit wurde in den 1930er und 1940er Jahren durch Professoren gelegt, die vor dem nationalsozialistischen Regime in die Türkei geflüchtet waren. Deutschland genießt in der Türkei einen guten Ruf als Universitäts- und Forschungsstandort.

Die Türkisch-Deutsche Universität (TDU) ist schon seit Jahrzehnten im Gespräch, wurde aber erst jetzt realisiert. Der offizielle Startschuss für die TDU ist mit der Verabschiedung des Gründungsgesetzes durch das türkische Parlament am 1. April 2010 gefallen. Schon im Oktober wurde im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und der damaligen Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) in Beykoz gelegt.

Als staatliche Forschungsuniversität versteht sich die Türkisch-Deutsche Universität (TDU). In Bachelor-Studiengängen ist die Lehrsprache Deutsch. Es wird fünf Fakultäten geben. Für den Aufbau jeder Fakultät ist jeweils eine andere Universität in Deutschland verantwortlich. bra

Seckler muss es wissen. Der Potsdamer Vize ist federführend am Aufbau der naturwissenschaftlichen Fakultät der TDU beteiligt. Vor zwei Wochen erst hatte er noch TDU-Rektor Halil Akkanat als Gast beim 25-jährigen Jubiläum der Potsdamer Uni begrüßt. Dann kam die Putschnacht vom 15. Juli und der Prorektor der TDU, Murat Atali, entkam nur knapp einer Schießerei und verbrachte das halbe Wochenende bei Freunden auf dem Land. Trotzdem sieht Seckler sieht bislang keine unmittelbaren Auswirkungen des von Präsident Recep Tayyip Erdogan veranlassten Ausreiseverbots für Wissenschaftler und der Rückrufaktion auf den Betrieb dieser einmaligen Einrichtung.

Zwei Wissenschaftler der Hochschule sind derzeit in Potsdam

„Wir sprechen nicht über Politik“, sagt Seckler über seine jüngste Begegnung mit TDU-Rektor Halil Akkanat. Aber das Verhältnis sei vertraulich. Schon im September soll für die Bachelor-Studenten des Studienganges „Materialwissenschaften“ der Deutschkurs beginnen. Nächstes Jahr dann solle es in Beykoz mit „Energiewissenschaften“ und „Molekulare Biotechnologie“ weitergehen. Für letzteren Studiengang zeichnet Seckler selbst verantwortlich. Obwohl auch für sie die inzwischen wieder zurückgenommene Rückrufaktion für ausländische Wissenschaftler galt, halten sich zur Zeit noch zwei Mitglieder der mit Potsdamer Hilfe aufgebauten naturwissenschaftlichen Fakultät in Potsdam selbst auf: der Chemiker und Privatdozent Sahin Uyaver und die Biochemie-Professorin Sibel Özenler. Ein dritter Dozent weilt in Berlin. Uyaver zum Beispiel gehe es gut, sagt Seckler. „Er freut sich, dass er hier jetzt endlich einen eigenen Schreibtisch hat.“ Uyaver wird im August nach Istanbul zurückkehren. Es ist geplant, dass er nächstes Jahr wieder nach Potsdam kommt.

Seckler räumt immerhin „Irritationen“ ein. Er verweist auf das Antwortschreiben von Halil Akkanat an die Präsidentin des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD), Margret Wintermantel. Diese hatte geschrieben, dass eine „massive und substanzielle Verletzung der Autonomie der türkischen Hochschulen“ nicht hinnehmbar sei. Akkanat reagierte darauf sofort in einem offenen Brief „mit großer Verwunderung und einer ebenso tiefen Enttäuschung“. Angesichts von 260 Toten beim Putschversuch müsse man Solidarität mit den Opfern zeigen, anstatt „der türkischen Regierung vorzuschreiben, wie sie sich in dieser in jeglicher Hinsicht außerordentlichen Situation zu verhalten hat“.

Ruf nach Freiheit der Wissenschaft

Seckler führt das auf die Beunruhigung nach dem Putsch zurück. „Ich hoffe, dass das alles schnell vorbeigeht“, sagt er. „Wir brauchen den ungehinderten Austausch von Wissenschaftlern und die freie Meinung, sonst macht das Projekt Türkisch-Deutsche Universität keinen Sinn.“ Seckler hofft, dass schon beim nächsten Treffen des deutschen Konsortiums zum Aufbau der TDU mit den türkischen Kollegen am 6. Oktober in Beykoz klarer wird, wie es mit der Hochschule weitergeht.

Secklers Einschätzung zur Wissenschaftsfreiheit wird von der Universität Potsdam geteilt. „Grundsätzlich gilt selbstverständlich: Wissenschaftsfreiheit und insbesondere die freie internationale Kommunikation der Wissenschaftler ist überall und natürlich auch für die Türkei unverzichtbar“, sagt Uni-Sprecherin Silke Engel.

Immerhin ist auch die TDU von solchen Eingriffen in die Wissenschaftsfreiheit betroffen. Thomas Zettler, Referent für Studienangebote für Zentralasien beim DAAD, sagt auf MAZ-Nachfrage, dass an der TDU drei Dekane offiziell bis zum 5. August von ihrem Amt zurücktreten sind. Über sie muss beim sogenannten Hochschulrat eine Evaluierung vor allem hinsichtlich ihrer Nähe zur Gülen-Bewegung eingereicht werden. Der einem Ministerium fast gleichgestellte Rat entscheidet dann offiziell über ihre Rückkehr. „Wir gehen davon aus, dass alle drei wieder eingesetzt werden“, sagt Zettler. Rein äußerlich laufe der Betrieb derzeit an der TDU aber normal weiter.

BTU-Präsident nennt Vorgänge in der Türkei „Alarmzeichen“

Allgemein wütend über die Lage der Wissenschaft in der Türkei zeigt man sich im Südosten Brandenburgs. Dort protestiert der Präsident der Brandenburgisch-Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg ganz offen „gegen den Umgang mit Hochschulangehörigen in der Türkei“. „Wir sind in Sorge um die Menschen, die sich Wissenschaft und Forschung verschrieben haben und nun vom türkischen Staat unter einen Generalverdacht geraten“, schreibt Steinbach. Die Wissenschaftsfreiheit und die Wertehaltung beim Streben nach neuen Erkenntnissen sei „ ein sehr hohes und schützenswertes Gut“ einer Demokratie. „Dieser Eingriff des türkischen Staates in die Institutionen, die per se für die Freiheit des Denkens stehen, muss für uns alle ein Alarmzeichen sein“, so Steinbach.

Der BTU-Präsident bezieht sich dabei ausdrücklich auch auf Stellungnahmen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Diese hatte „mit Entsetzen“ auf die Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit in der Türkei reagiert. „Die tiefen, offenbar skrupellosen Einschnitte in die akademischen Freiheiten durch die türkische Regierung machen uns alle fassungslos“, hatte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, geschrieben und gegen Erdogans Vorgehen „auf das Schärfste“ protestiert. Die Entlassung von mehr als 1500 Dekanen, die zahlreichen Suspendierungen, die Ausreiseverbote und die Rückrufaktionen sieht Hippler als „Vernichtung des freien Geistes“ in der Türkei.

Auch im Wissenschaftspark Golm Bestürzung

Auch der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Golm, Hermann Nicolai, zeigt sich „bestürzt über das, was in der Türkei passiert“. Hermann weiß, dass Wissenschaft nur im internationalen Zusammenhang funktioniert. Das Golmer Institut war maßgeblich an dem direkten Nachweis von Gravitationswellen beteiligt. Aber ohne die Zusammenarbeit von rund 1000 Forschern weltweit wäre es nicht gelungen. Umso mehr bedrückt Nicolai die Vorstellung einer sich isolierenden türkischen Wissenschaft.

Derzeit arbeiten keine Türken in Golm. Diejenigen, die schon am Max-Planck-Institut gewesen seien, seien westlich liberal eingestellt und hätten schon vor Jahren Erdogan „nicht so toll“ gefunden. Die Befürchtung der liberalen und weltoffenen Türken sei schon damals gewesen, dass Erdogan die Türkei in einen islamischen Staat verwandeln wolle. „Es kann sein, dass solche liberal orientierten Menschen jetzt auch ins Visier geraten, obwohl sie zum Beispiel überhaupt nichts mit der Gülen-Bewegung zu tun haben“, fürchtet Nicolai.

Von Rüdiger Braun

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