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Kultur „Wir sind viele Körper, aber ein Geist“
Nachrichten Kultur „Wir sind viele Körper, aber ein Geist“
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19:44 06.12.2018
Neues Gesicht am Hans-Otto-Theater: Andreas Spaniol. Quelle:  
Potsdam

Frau weg, Job weg, Elternhaus schwierig und Schuld sind die Asylanten, die Homosexuellen. Frauen sowieso und volksverräterische Politiker erst recht. Phrasen, die man kennt. Parolen, die Gleichgesinnte suchen. Auch der Schauspieler Andreas Spaniol kennt sie. Auch er sucht nach Gleichgesinnten. Und findet sie am Hans-Otto-Theater (HOT). Dort feiert Sibylle Bergs moderne Hiobsgeschichte „Viel gut essen“ am Sonnabend Premiere. Spaniol spielt einen Mann, der sich als Verlierer der Migration, des Feminismus und der Gentrifizierung sieht.

„Ich bin mit sowas aufgewachsen. Die ganzen Phrasen, die man so hört, muss ich mir nicht erst übersetzen“, sagt Spaniol, der seit dem Sommer zum Ensemble des HOT gehört. Der 47-Jährige ist im Arbeitermilieu des Saarlandes aufgewachsen. Seine Großväter waren Bergarbeiter.

Überall neu, überall fremd

Er aber ging einen anderen Weg. Im Saarland gibt es eine lange Volkstheatertradition: „Jedes Kuhkaff hat im Hintersaal einer Kneipe eine kleine Bühne und da habe ich als Achtjähriger schon gespielt“, erzählt er. Die Idee, das auch beruflich zu machen, hatte er damals noch nicht. Stattdessen ließ er sich zum Elektromechaniker ausbilden, weil dies seine Eltern so wollten. Schnell war aber klar: „In dieser seltsamen Theaterwelt gab es eine Gemeinschaft“, erzählt er. Eine, in der Spaniol er selbst sein konnte. Es folgten ein Schauspielstudium in Bern und Inszenierungen in Hamburg, Teheran, Helsinki und Wien. Schauspieler sind ein reisendes Volk. Überall neu, überall fremd.

„Ich empfinde mich eher als Forschungsreisender und hoffe mir den suchenden Geist zu bewahren. Das ist natürlich in jungen Jahren leichter, als wenn man Kinder hat“, sagt Spaniol, der seine Töchter vermisst. Seinen suchenden Geist konnte er sich aber in Potsdam bewahren. 14 Wohnungen hat er sich angeschaut, bevor er in die ehemalige Schauspielerkaserne des königlichen Hoftheaters einzog.

Richtiger Ort, richtige Zeit

Die Entscheidung, in das „Freiluftmuseum“ Potsdam zu ziehen und an das HOT zu wechseln, sei die richtige gewesen. „Das Theater hat einen guten Ruf, alle hier sind ambitioniert. Wenn das passiert, fliegt man eine Weile“, sagt er. Gleichgesinnte möchte er finden, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen wie er.

„Viel gut essen“ von Sibylle Berg. Neu am Hans-Otto-Theater: Andreas Spaniol (Links). Auch dabei: v.l. Marie-Thérese Fischer, Ulrike Beerbaum, Mascha Schneider, Kristin Muthwill und Phillip Mauritz Quelle: Thomas M. Jauk

Auch die Spielzeit stimmt. „Viel gut essen“, „Othello“, „Der gute Mensch von Sezuan“ – alles Stücke, die sich mit Fremdenhass beschäftigen. Diese Spielzeit fordert vor allem eins vom Publikum: Haltung. Sibylle Berg schrieb, dass das Theater die Menschen nicht verändern könne, aber sie zumindest für die Zeit im Theater von Dummheiten auf der Straße abhalte. Spaniol ist da anderer Meinung: „Ich glaube nicht, dass die rechten Wähler im Publikum sitzen. Es geht darum, die anderen zu befragen, was wir tun können.“ Denn sie seien ein Teil des Ganzen.

So passt es, dass in „Viel gut essen“ sieben gleichberechtigte Schauspieler den verbitterten Monolog eines mittelständischen Verlierers spielen. „Wir sind viele Körper, aber ein Geist“, sagt Spaniol dazu. Es zeige, dass es sich nicht um ein Individuum handele. Das Problem betreffe alle. Das Theater dürfe nicht den Augenblick verschlafen sich der lauten Masse zu stellen. „Wir sind auch viele. Es wird Zeit, dass wir uns jetzt zeigen“, fordert er.

Andreas Spaniol wurde 1971 in Illingen im Saarland geboren. Nach einer Ausbildung zum Elektromechaniker studierte er Schauspiel in Bern. Seine Engagements führten ihn unter anderem nach Teheran, Helsinki und Wien.

Am Hans-Otto-Theater spielt er den „Othello“ und in „Der gute Mensch von Sezuan“. In der neuen Inszenierung „Viel gut essen“ von Sibylle Berg (Regie: Marc Becker) geht es um Fremdenhass und einen von der Migration abgehängten Mann.

Die Premiere von „Viel gut essen“ am 8. Dezember ist ausverkauft. Karten gibt es für die Vorstellungen in der Reithalle am 13. und 21. Dezember sowie den 12. und 26 Januar.

Preise: regulär 25.30 Euro, ermäßigt 11 Euro.

Von Jan Russezki

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