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Anja Manz: Kindheit mit Traumatisierten

Buchpremiere in Potsdam Anja Manz: Kindheit mit Traumatisierten

Anja Manz wurde 1962 geboren. Damals war der 2. Weltkrieg noch nicht einmal zwei Jahrzehnte her. Die RBB-Redakteurin hat einen autobiografisch inspirierten Roman geschrieben, indem das Mädchen Nelly den Erwachsenenfiguren ihrer Kindheit nachspürt. Am Montag liest Manz in Potsdam.

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Die Autorin Anja Manz

Quelle: privat

Potsdam. „Wenn die Flocken fielen und wir Kinder jubelnd hinausrannten in den tanzenden Wirbel, verkroch sich Mama. Sie blieb im Bett, schloss die Tür hinter sich. Und Oma sagte: ,Die Mama ist krank’, und sie verquirlte Rotwein mit Ei und Zucker, als hätte Mama Angina.“

„Wahrheit oder Wagnis“ heißt der Roman von Anja Manz. Er handelt zunächst einmal vom Erwachsenwerden eines Mädchens. Nelly, die Erzählerin, ist inzwischen wie die Autorin eine Fünfzigerin und erinnert sich an den Alltag in ihrer Kindheit und wie sie sich als Backfisch gleich in zwei Jungen verliebte. In ihrem westdeutschen Heimatort trifft Jahrzehnte später die Nachbarskinder Stefan und Karl wieder – der Stirnansatz der beiden Männer ist deutlich „nach hinten gewandert “.

Die Drei greifen das Kinderspiel „Wahrheit oder Wagnis“ auf, um das gemeinsam durchlebte Wirrwarr aus geheimen Wünschen und Ängsten, aus Eifersucht und Scheu noch einmal zur Sprache zu bringen. Karl, der Naturbursche, wollte eigentlich Förster werden und hat nun in der Holzindustrie Karriere gemacht. Aus Stefan, dem Sohn des Gemeinschaftskundelehrers, ist ein weltberühmter Geiger geworden, der aus den USA einfliegt. Auf die höfliche Frage, wie es seinem Vater gehe, kommt eine Antwort, die ein weiteres Hauptmotiv des Buches unterstreicht. Der Vater lebt zwar in einem idyllischen Schwarzwaldhäuschen, wacht aber jede Nacht schreiend auf und „ist auf dem Schlachtfeld“. Er wurde noch 1945 eingezogen.

Auch Nellys Mutter ist vom Krieg schwer traumatisiert. Sie ist nur ein Gespenst, abgemagert, verwahrlost und stumm. Inge hat ihren Vater und zwei Brüder im Krieg verloren. In jedem Jungengesicht sieht sie den Bruder Gerhard, der in Sibirien verschollen ist. Und bei Schneefall verfällt Inge in tiefe Depression, weil sie sich an die Flucht erinnert, wie sie im Wald aus Versehen auf Jungengesichter getreten ist, auf gefallene Soldaten. Und später: „Russen im Wald – Dreizehn Jahre alt war Mama gewesen. Es waren viele.“

Anja Manz, die seit 1994 in Potsdam lebt, hat keine Auto- oder Familienbiografie geschrieben. Aber aus der Luft gegriffen sind diese furchtbaren Erlebnisse nicht. Die heutige RBB-Redakteurin wurde 1962 in Mannheim geboren und wuchs mit einer Mutter auf, die drei Brüder und ihren Vater verloren hatte. Die Mutter im Buch braucht Jahrzehnte, um überhaupt das Reden wieder zu erlernen. Was die Heranwachsenden aber auch belastet, denn nach wenigen Minuten kommt sie immer auf das Thema Krieg.

So sehr sich Anja Manz für diese verletzten Seelen interessiert, es ist kein trauriges Buch geworden, das sie während eines Stipendien-Aufenthalts im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf geschrieben hat. Mit großem Staunen schildert sie eine rundliche Großmutter, die Nelly versorgt und großzieht. Die Frau mit den Knuppelfüßen hat ein großes Herz. Manchmal stehen Obdachlose vor der Tür, die nach der Heimkehr aus dem Krieg nicht ins bürgerliche Leben zurückgefunden haben. Und wenn Oma nicht da ist, schmiert ihnen die Enkeltochter ein paar Stullen. Eines Tages beobachten Karl und Nelly die Großmutter im Wald bei einem Picknick mit dem ungeliebten Klavierlehrer, einem „neunfingrigen Gockel“. „Als wir wieder aufblickten, lag Herr Nowottnys große Hand mit dem Stummelfinger auf Omas Brust in roter Seide.“ Nicht immer sind es anekdotische Begebenheiten, die Anja Manz schildert. Sie liebt es, die anscheinend unwichtigen und beiläufigen Momente des Alltags hervorzukehren, die sie mit poetischen Wendungen schildert und aufwertet. So spürt der Leser die Hitze und die Grashalme, die scheuen Blicke und die Erotik, wenn die Pubertierenden in einem der heißesten Sommer der Siebziger Jahre im Freibad liegen.

Leider ist das Buch nicht professionell gestaltet. Das Inhaltsverzeichnis ist einem Roman unwürdig. Und der falsch geschriebener Name auf dem Buchumschlag (Stephan statt Stefan) wie auch der spröde und wenig einladende Titel sind wohl dem Kleinverlag anzulasten.

Anja Manz: Wahrheit oder Wagnis. Edition Contra-Bass, 248 Seiten, 16,90 Euro.

Anja Manz liest:
Montag, 15. Februar, 19 Uhr. Wist – Der Literaturladen. Brandenburger Straße. Potsdam.
Dienstag, 16. Februar, 19 Uhr. GM 26, Gutsmuthsstraße 26, Berlin.

Von Karim Saab

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