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Antje Rávic Strubel setzt nicht auf den Mainstream

Liebesleben Antje Rávic Strubel setzt nicht auf den Mainstream

Eine Frau kann sich in ihrem Körper wie ein Mann fühlen, ohne das biologisch nachzuvollziehen. Die Potsdamer Romanautorin Antje Rávic Strubel lebt mit einer Frau zusammen und verwendet Begriffe wie „männlicher Weiblichkeit“. Am Dienstag sprach sie mit ihrer Kollegin Ursula Krechel („Landgericht“) in Berlin über unkonventionelle Liebesbeziehungen.

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Lebt in Potsdam-Babelsberg: Antje Rávic Strubel.

Quelle: Foto: Zaia Alexander

Berlin. Irrungen und Wirrungen der Liebe werden immer schon in der Literatur verhandelt. Fragt sich nur, wie offen und freizügig? Die längste Zeit war es keine Selbstverständlichkeit, dass ein Roman wie der aktuelle von Antje Rávic Strubel, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, von einem großen Publikumsverlag herausgebracht wird. Die Potsdamer Autorin erzählt in ihrem neunten Buch von Liebesabenteuern nicht heterosexueller Menschen. Ihre Figuren sind Frauen mit kurz geschorenen Haaren und Hosenträgern, Frauen, die Frauen lieben oder sich selbst als Mann wahrnehmen oder biologisch gar ein Mann gewesen sind.

Am Dienstagabend wurde Antje Rávic Strubel (42) im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee von niemand Geringeren als der Autorenkollegin Ursula Krechel (68) vorgestellt. Die Buchpreisträgerin des Jahres 2012 („Landgericht“) gilt auch als Fachfrau in Sachen Feminismus. Krechel: „In Strubels Roman mit dem fremden, anziehenden Titel wird viel geliebt, manchmal mit Pathos und immer auf der Höhe der Gender-Theorie.“

Krechel erinnerte daran, dass die Natur viele Varianten der Liebe vorsieht. „Einer von zehntausend Menschen kommt biologisch als Zwitter auf die Welt, das ist recht häufig“, meinte sie. Dass Männer auch weibliche Anteile haben und Frauen männliche, nimmt sich bereits wie eine Binsenweisheit aus. Hinzu kommen alle möglichen anderen sexuellen Orientierungen, die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke am vergangenen Sonntag beim Festakt in der Frankfurter Paulskirche in ihrer Dankesrede aufzählte: „schwul, lesbisch, bisexuell, inter*, trans* oder queer – das ist nichts, das man sich aussucht“, so Emcke, aber es seien individuelle Wege zum Glück.

Auch die Romanautorin Antje Rávic Strubel lebt mit einer Frau zusammen und verwendet Begriffe wie „männlicher Weiblichkeit“. Sie meint damit, dass sich eine Frau in ihrem Körper wie ein Mann fühlen kann, ohne dies biologisch nachzuvollziehen. Strubel beanstandete an der Emcke-Rede das „vereinnahmende Wir“, aus dem die Idee einer homogenen Gemeinschaft spricht. Ihr Buch mit den Sex-Szenen von Frauen würde zwar in den Feuilletons besprochen, dennoch stehe lesbische Liebe immer noch dem Mainstream entgegen, meint sie. Da es für lesbische Liebe keine konventionellen Vorbilder gibt, könnten sich Frauen heute „neu verabreden und neu erfinden“.

Von dieser Freiheit und dem Bemühen, dem intimen Zusammenleben eine Struktur zu geben, handelt ihr Episodenroman. Die Figuren heißen René und Katja, Emily und Sara, stammen aus Neuruppin oder Berlin, Kalifornien oder Skandinavien und wechseln ihre Identität wie die Länder oder Sprachen. „Ihre Biografien kenne ich nicht, nur die Augenblicke und Szenen, die ich beschreibe“, so Strubel. Der Leser wird von ihr mal in eine wilde Seenlandschaft in Schweden versetzt, dann in die heiße Wüste östlich von Los Angeles. Vor dem Hintergrund eindringlicher Landschaftsbeschreibungen zeigen und begehren, lieben, und entfremden sich ihre Schützlinge. Manche haben nur einen Auftritt, andere tauchen später in anderen Konstellationen noch einmal auf.

Episodenroman heißt auch, dass stets etwas Unerwartetes passieren kann. Plötzlich biegt eine Horde testosterongesteuerter Biker um die Ecke, von einem fernen Lagerfeuer tönt ein Lied, das wie die deutsche Nationalhymne klingt oder der Mond geht über einer berückenden Landschaft auf. Was das im Einzelnen zu bedeuten hat, darf der Leser selbst entscheiden.

 


Info: Antje Rávic Strubel: In den Wäldern des menschlichen Herzens. S. Fischer, 272 Seiten, 19,99 Euro.

Von Karim Saab

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