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Antonello Manacorda steht für Werktreue

Potsdams Chefdirigent Antonello Manacorda steht für Werktreue

Die Kammerakademie Potsdam erhielt 2015 den ECHO Klassik als „Orchester des Jahres“. Der fesche Italiener am Dirigierpult im Nikolaisaal drängt sich nie in den Vordergrund. Wer er ist und was er denkt, verrät Antonello Manacorda bei einem Espresso im Café Ricciotti.

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Der Dirigent und die Kammerakademie im Potsdamer Nikolaisaal vor der Eröffnung der Jubiliäumssaison 2016/17.

Quelle: Nikolaj Lund

Potsdam. Das ruhige Fahrwasser, in dem sich die Kammerakademie Potsdam (KAP) seit vielen Jahren bewegt, hat sie nicht zuletzt der grundsoliden Ausstrahlung ihres Hausdirigenten zu verdanken. Antonello Manacorda macht ungern Wind um seine Person. Er liebt die Probenarbeit mit den Musikern. „Haben Sie eben bemerkt, wie gut die aufeinander hören?“, schwärmt er bei einem Espresso im Café Ricciotti. „Uns geht es darum, herauszubekommen, was ein Komponist mit seinem Stücken sagen wollte.“

Der 46-jährige Italiener, außerhalb des Konzertsaals in Jeans und oben weit aufgeknöpftem Hemd, könnte gut und gern auch für elegante Modemarken, Versicherungen oder Männerkosmetik als Werbeträger auftreten. So athletisch und lässig er auch wirkt, sein Habitus drängt nie in den Vordergrund. In Manacordas Vollbart mischen sich mehr und mehr melierte Haare. Mal ist er stoppelig, dann wieder voluminös, aber stets markant gestuzt.

Mancorda stammt aus Turin und ist von Hause aus Geiger. Gemeinsam mit Claudio Abbado, seinem vor zwei Jahren verstorbenen musikalischen Ziehvater, gründete er 1997 das Mahler Chamber Orchestra, mit dem er als Konzertmeister viel durch die Welt reiste. Dann eröffnete ihm ein zweijähriges Dirigierstudium bei Jorma Panula in Helsinki den späten Quereinstieg als Taktstockmeister. „Ich habe seit elf Jahren keine Geige mehr angerührt“, gesteht er. Aber seine Erfahrungen als Musiker garantieren ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis zu den Orchestern, die er leitet. „Ich weiß, dass man als Musiker manchmal Unterstützung braucht. Dann übernehme ich“, sagt er in geschliffenem Deutsch.

Manacorda ist seit 2010 Künstlerischer Leiter der KAP. Ein Jahr später wurde er parallel zum Chefdirigenten des niederländischen Het Gelders Orkest berufen. Gegen den großformatigen Klangkörper in Arnheim ist die KAP eine Nische. „In Holland herrscht ein ganz anderes Klima. Nicht umsonst wurden dort TV-Showformate wie ,Big Brother’ erfunden“, deutet er an. Die Kernländer der klassischen Orchesterkultur sind für ihn Deutschland, Österreich, Russland und Japan.

Manacordas Handy klingelt. Es ist der Agent. Auch als Gastdirigent wird er oft gebucht, zumal er auch im Opernbereich erfolgreich ist. Sein Jetset-Leben führt ihn mal nach Mailand oder Venedig, nach Wien oder Brüssel. Zuhause fühlt er sich aber seit nun schon 16 Jahren in Berlin, wo er mit einem Theaterbühnenbildner verheiratet ist.

„In meiner Freizeit gehe ich gern ins Theater. Musik höre ich wenig“, sagt er. Doch dann fällt auch das Wort „Disco“ im Gespräch. Electro- und Housemusik faszinieren ihn durchaus. Aber sein Herz schlägt nun mal für die Klassik und die Romantik.

„Wie Dirigent Manacorda Klarheit und Emotionalität bündelt und damit sein Ensemble zu Intensität und Prägnanz treibt, reißt über die gesamte Distanz mit – auch in den eher beschaulich intimen Momenten der Mittelsätze“, jubelte im letzten Jahr ein Kritiker im Spiegel. Gemeint war die Sony Classical-Einspielung von Franz Schuberts achter Sinfonie. Die Kammerakademie Potsdamer unter seiner Leitung hatten gerade den Echo 2015 als „Orchester des Jahres 2015“ zuerkannt bekommen.

Mit dem Rückenwind dieses Erfolges ist die KAP nun dabei, einen Felix-Mendelssohn Bartholdy-Zyklus einzuspielen. Vor wenigen Tagen erschien die erste CD mit zwei Sinfonien. Und beim Konzertsaison-Auftakt am Freitag im Potsdamer Nikolaisaal wird das Orchester erstmals dessen „Schottische Sinfonie“ aufführen.

Doch ist es überhaupt interessant, so bekannte Werke ein weiteres Mal aufzunehmen? Manacorda geht es nicht um Experimentierfreude. Er studiert die Urtexte, um eine möglichst werkgetreue Interpretation zu erreichen. „Auf dem Markt ist genug Platz für alle“, sagt er und verrät, dass er sich auch nicht durch bereits vorhandene Einspielungen von seiner Linie abbringen lässt. Das sei auch eine Falle, „wenn man etwas anders machen möchte“, erklärt er.

Am Freitag wird die Saison eröffnet

Wie Dirigent Manacorda Klarheit und Emotionalität bündelt und damit sein Ensemble zu Intensität und Prägnanz treibt, reißt über die gesamte Distanz mit – auch in den beschaulich intimen Momenten der Mittelsätze, jubelte im Mai 2015 ein Kritiker im Spiegel.


Die Kammerakademie Potsdam erhielt 2015 den Echo Klassik als „Orchester des Jahres“. Das Hausorchester des Nikolaisaals feiert sein 15-jähriges Bestehen. Chefdirigenten vor Antonello Manacorda waren Peter Rundel, Sergio Azzolini und Michael Sanderling.

Freitag, 19.30 Uhr: Saisoneröffnung 2016/17, Nikolaisaal, W.-Staab-Straße, Potsdam. Es erklingen Werke von Bach, Mozart, Ibert und Mendelssohn-Bartholdy. Solisten: Antje Weithaas (Violine), Maximilian Hornung (Violoncello) und Avi Avital (Mandoline).

Und wie übt er das Dirigieren? Zu Hause vor dem Spiegel? „Nein!“, lacht Manacorda. „Die Bewegungen sind wie von selber da. Wichtig ist es, die Musik durch sich hindurchgehen zu lassen. Das Mitatmen finde ich sehr wichtig.“ Bei Konzerten ist Manacorda manchmal so bei der Sache, dass ein Schnaufer im Parkett zu hören ist. Die Dirigierbewegungen seien nicht die natürlichsten. „Gepaart mit Emotionen sind alle Muskeln beteiligt“, erzählt er und verrät, dass er manchmal auch eine Chiropraktikerin heranzieht, um die eine Schulter zu beruhigen. „Mit dem Alter werden die Bewegungen kleiner und intensiver“, weiß er.

Von Karim Saab

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