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Kultur „Wir wollen historische Spuren sichern“
Nachrichten Kultur „Wir wollen historische Spuren sichern“
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01:15 19.09.2018
Die alten RAW-Hallen in Potsdam sollen künftig diametral von einem zweiteiligen Neubauriegel gerahmt werden. Quelle: Mayer H. und Partner, Architekten
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Potsdam

Auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) in der Nähe des Potsdamer Hauptbahnhofes will der Berliner Projektentwickler Trockland Managment ein IT- und Innovationszentrum errichten. In einem Architekturauswahlverfahren setzte sich das Berliner Büro Jürgen Mayer H. durch. Der Architekt genießt europaweit höchstes Ansehen. Viele seiner Gebäude und Projekte werden gefeiert.

Herr Mayer, tagtäglich erleben die Bewohner und die Touristen im spanischen Sevilla, wie glücklich Ihre Architektur machen kann, wenn sie Ihr skulpturales Bauwerk Metropol Parasol betreten. Haben Sie den Anspruch, die Welt zu verbessern?

Jürgen Mayer H.: Natürlich ist es großartig, wenn Architektur nicht nur den Hintergrund bildet, sondern Menschen aktiviert, Emotionen weckt und anspornt, einen Stadtkontext neu zu sehen und Entwicklungen in Gang zu setzen. Sevilla ist ein Extrembeispiel, wie gut das funktionieren kann. Die Stadt hatte 2004 einen Wettbewerb ausgeschrieben, einen alten Markt zu bebauen, der lange als Schotterparkplatz brachlag. Metropol Parasol verbindet den südlichen Teil der Altstadt von Sevilla, der damals schon gut entwickelt war, mit dem Norden, der erst nach der Fertigstellung 2011 zu neuem urbanem Leben erwacht ist. Metropol Parasol ist der zentrale Platz der Stadt und eine neuartige Begegnungslandschaft, und er wird zu allen Tages- und Jahreszeiten angenommen. Die Sevillaner lieben es, auf die Straße zu gehen, sich zu treffen, Gemeinschaft zu zelebrieren. In Deutschland würde das vielleicht so gar nicht funktionieren. 2018 war der Metropol Parasol jedenfalls im Reiseführer Lonely Planet als Ziel auf Platz eins gelistet.

Will eine Stadt ganze Areale und Straßenzüge neu entwickeln, wozu würden Sie raten: zu einer kleinteiligen, individuellen Bebauung oder zu einer kompakten, siedlungsartigen Lösung aus einer Hand?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Jeder Ort braucht eine individuelle Lösung. Es gibt Bereiche, wo man mit Homogenität mehr erreicht, es gibt Stadtentwicklungen, wo man auf Abwechslung setzen sollte.

Ihre Häuser und Projekte müssen sich in der Regel in einer eng abgesteckten, bereits definierten Umgebung behaupten. Möchten Sie einer konventionellen, rationellen Bebauung stets etwas Ambitioniertes, Charaktervolles entgegensetzen?

Von unseren Bauwerken soll eine positive Energie ausgehen und die muss man im Entwurfsprozess auch selber spüren. Wir entwickeln eine zeitgenössische Haltung, die sich auf den Ort bezieht. Unser Entwurf nimmt bereits Vorhandenes auf und denkt es weiter. Oftmals wählen wir eine Architektursprache, die bestimmte lokale Phänomene hervorhebt, um Neugier oder Irritation zum Gewohnten zu wecken. Dadurch kann man die Umgebung neu wahrnehmen und kritisch fragen, was ist hier für eine Stadt entstanden, welche Potenziale hat dieser Ort? Die meisten Gebäude wurde ja einfach gebaut, ohne eine architektonische Überzeugung. Wir Architekten arbeiten meistens dort, wo es einen Bedarf gibt, etwas positiv zu verändern.

Ihre Bauwerke springen einem sofort ins Auge!

Ich beschreibe Architektur gerne als Abenteuer. Der Ausgang eines Entwurfsprozesses ist oft nicht vorherzusehen. Und ein Architekt ist ja nur ein Teil eines Teams. Es gibt die Bauherrschaft mit Planungszielen, es gibt Verwaltungen für den Dialog mit der Stadt und die Genehmigungen, es gibt Fachplaner und Konstruktionsmethoden und Technologien, die Strukturen vorgeben. Der Architekt ist nie alleiniger Autor. Es ist immer eine Komplizenschaft zwischen verschiedenen Akteuren. Beim heutigen Bauen wird oft gar nicht der Anspruch verfolgt, den Charakter eines Ortes zu unterstützen. Die Erwartungshaltung an die Architektur hat sich in Deutschland dramatisch verringert. In der Schweiz, Spanien und auch Frankreich sieht es besser aus. Wohnungsbau in Frankreich oder Dänemark kann so interessant sein. Bei uns freut man sich schon, wenn es nicht ganz so schlimm kommt.

Ist es denn deutlich teurer, wenn ein Bauherr von Ihnen ein markantes Wahrzeichen will?

Für Architekten gilt die Honorarordnung. Wir müssen mit dem Budget haushalten, wie andere auch. Metropol Parasol war an sich kein wirtschaftliches Gebäude im engeren Sinne. Aber das Gebäude hat jetzt für die Stadt so viel Mehrwert entwickelt, der den Tourismus und die lokale Wirschaft ankurbelt, und macht es so zu einem großen ökonomischen Erfolg für die gesamte Stadt.

Ihr Stil wird gelegentlich als „Neobrutalismus“ bezeichnet. Dafür sprechen der skulpturale Charakter und die Verwendung von Sichtbeton. Was sagen Sie dazu?

Ich habe schon die verschiedensten Zuordnungen gehört. Es hieß schon, wir seien Deutschlands größte Hoffnung seit dem Bauhaus. Mit Gotik, Barock und Futurismus hat man unsere Projekte auch in Zusammenhang gebracht. Unterschiedlicher geht’s kaum. Mir gefällt die Vieldeutigkeit.

Der Neobrutalismus stand aber für ein Tabula rasa, während Sie durchaus pittoreske und kleinteilige Lösungen anbieten.

Brutalismus kommt nicht von „brutal“, sondern von Beton-brut, das heißt roher oder sichtbarer Beton. In den 1960er Jahren ging es darum, die Architektur zu befreien von einem Zuviel an Materialität, an Putz und Verkleidung. Der Brutalismus versucht eine Reduktion, eine Reinigung. Mit dem Beton wurden fließende Formen möglich, man konnte um die Ecke schalen. Und es gibt auch sehr sensible, ortsspezifische, brutalistische Gebäude – gerade in England, wo der Begriff entstand.

Beim RAW in Potsdam wollen Sie nicht nur die heruntergekommene Industriehalle erhalten, sondern sogar das Graffiti der Nachwendezeit. Warum?

Wir möchten so viel wie möglich von der Struktur und den historischen Spuren sichern, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben. Ob sich das klimatisch überall realisieren lässt, untersuchen wir gerade. Früher war das eine zugige Halle, in der Lokomotiven und Waggons standen. Heute brauchen wir Arbeitsbedingungen für Büros. Das gläserne Hallendach wird auch nach der Erneuerung wie ein Regenschirm wirken. Darunter wird es im Sommer nicht ganz so heiß und im Winter nicht ganz so kalt wie draußen. In dieser klimatischen Pufferzone werden kleinteiligere Strukturen für Arbeitsbereiche eingesetzt. Die offenen Bereiche dienen der Kommunikation und für Veranstaltungen.

Der Berliner Architekt Jürgen Meyer H. schuf in Sevilla, Düsseldorf und Ludwigsburg spektakuläre Bauten

Wird die Halle öffentlich zugänglich sein?

Die Halle soll ein Begegnungsraum werden. Zwischen dem horizontalen Campus in der Halle und dem vertikalen Neubau entsteht ein dreieckiger Platz. Dieser Meetingpoint wird ein Ort, der die Öffentlichkeit mit einbezieht. Ein Supermarkt, Cafés oder ein Fitness-Studio bieten zusätzliche Angebote für die Nachbarschaft.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie als Architekt durch Potsdam gehen?

Unser Architekturbüro hat 2003 den groß und prominent besetzten internationalen Wettbewerb für die Speicherstadt gewonnen. Dann hat sich leider die Entwicklung sehr verschleppt und es wurde etwas ganz anderes realisiert. Aber ich habe mich damals schon intensiv mit den Blickbeziehungen und mit dem Verhältnis von Innenstadt und Kulturlandschaft auseinandergesetzt. Es war uns damals wichtig, dass wir die historischen Sichtachsen beachten, und dieses Thema sogar noch weiterentwickeln. Unser Entwurf der Speicherstadt wurde mit solitären Baukörpern entlang eines offenen Boulevards geplant, der sich auf die Nikolaikirche ausgerichtet hat. Damit war der Bezug von der Speicherstadt zum Stadtzentrum auch aus weiterer Entfernung geschaffen. Hier wurde neue Architektur mit der Historie von Potsdam produktiv verzahnt. Ein Ansatz den wir auch für den Entwurf beim RAW-Gelände wieder aufgreifen wollen.

Was sagen Sie zu Potsdamer Rekonstruktionen wie Landtagsschloss, Palais Barberini und Garnisonskirche.

Das ist ein gesellschaftlicher Konsens, der sich unter demokratischen Bedingungen entwickelt hat. Ich kann das Gefühl einer Rekonstruktion zum Teil verstehen, wenn es auch bedauerlich ist, dass man es der zeitgenössischen Architektur nicht zutraut, Antworten zu finden, so einen Stadtkontext weiterzuentwickeln, ohne dass es historistisch wird.

Wird Ihnen das beim RAW-Gelände trotz ökonomischer Auflagen gelingen?

Beim RAW-Gelände schaffen wir einen ausbalancierten Dialog zwischen alter Bausubstanz und dem neuen Gebäude. Und man muss merken, dass hier eine neue Dynamik entsteht, die den Bestand in eine neue Nutzung überführt und ein lebendiger Ort für die Zukunft entsteht.

Die Zacken auf den alten RAW-Dächern sind symmetrisch. Asymetrische Zackenschwünge prägen dagegen den modernen, sechsstöckigen Gekbäuderiegel. Warum?

Je nachdem wie weit der neue Riegel von den alten Hallen entfernt ist, ist er ruhiger gestaltet. Oder er kann expressiver werden, wenn es sich von den Hallen entfernt und an der Bahn ein Zeichen setzt. So bleibt die Eigenständigkeit des alten Denkmals erhalten und der neue Campus wirkt durch die Dynamik des Neubaus auch über die Grenzen von Potsdam hinaus.

Ihr Architekturbüro arbeitet an vielen Projekten gleichzeitig. Sie müssen ein absoluter Workoholic sein. Sind Sie selber überhaupt der Typ, der „Aufenthaltslandschaften“ genießen kann?

Die letzten zwölf Monate waren sehr produktiv und wir haben viele Wettbewerbe gewonnen und neue Projekte stehen an. Das ist ein spannender Moment, in dem wir auch viel Synergien und Wissen zwischen den verschiedenen Projekten nutzen können.

Können Sie am Wochenende abschalten?

Letzten Sonntag war ich in Luckau und habe dort die barocke Kirche besichtigt.

Und wie leben Sie selber – im Altbau oder Neubau?

Das verrate ich nicht. Nur so viel: Jeder Neubau wird mal Altbau, und jeder Altbau hat die Möglichkeit, sich neu zu erfinden.

Von Karim Saab

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