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Aristoteles war der Lehrer des Abendlandes

Geschichte der Wissenschaft Aristoteles war der Lehrer des Abendlandes

Sein genaues Geburtsdatum kennen wir nicht. Wir wissen aber, dass der Philosoph, Staatskundler, Ethiker und Naturforscher Aristoteles vor 2400 Jahren in der Stadt Stageira zur Welt kam. Der Physiker und Wissenschaftshistoriker Klaus Liebers findet Aristoteles nicht nur wegen seiner Ansätze hochaktuell, auch sein Lebensschicksal wiederhole sich dieser Tage tausendfach.

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Aristoteles (Mitte rechts) streitet mit Platon (Mitte links) in Raffaels „Schule von Athen“ über die wahre Philosophie.

Quelle: ILLUSTRATION: FOTOLIA

Potsdam. Klaus Liebers war Professor am Institut für Physik und Astronomie der Universität Potsdam. Zu seinen Interessen gehört die Geschichte der Wissenschaften in der Antike und in der Frühen Neuzeit.


MAZ:
Herr Professor Liebers, 384 vor Christus wurde in der Stadt Stageira der weltberühmte Philosoph und Naturforscher Aristoteles geboren. Wir begehen also dieses Jahr seinen 2400. Geburtstag. Gibt es für uns heute noch einen Grund, diesen Mann aus der Antike zu feiern?

Klaus Liebers: Es gibt noch Grund genug zu feiern: Aristoteles war der Lehrer des Abendlandes, er begründete entsprechend der Vielfalt der Natur und des menschlichen Lebens einen Kanon von wissenschaftlichen Disziplinen, wie Physik, Chemie, Zoologie, Geografie oder Politik, Ethik und Ökonomie. Nicht zuletzt sind viele seiner Schriften und Gedanken noch

heute Quelle für fruchtbringende Diskussionen.

Seine Logik hilft uns noch heute

Aber Dinge wie seine Lehre von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer sind doch längst überholt.

Liebers: Aristoteles hat wesentlich mehr geleistet. Er beschäftigte sich auch mit den Staatsformen, er ist der Vater der Rhetorik und er ist Begründer der formalen Logik. Seine Logik hilft noch heute, exakte Argumentations- und Beweisverfahren von unrichtigen zu scheiden und das Denken vor Sackgassen zu bewahren. Aber es stimmt: Seine Ablehnung der Atome, seine Lehre von den Elementen oder die Ablehnung eines Vakuums sind überholt. Doch selbst hier hat er indirekt zum Fortschritt beigetragen, weil er damit in der Frühen Neuzeit die interessantesten und heftigsten Kämpfe zwischen den Wissenschaftlern und den blinden Anhängern seiner Lehren auslöste.

Alle Bereiche des Wissens

384 vor Christus in Stageira, einer antiken Stadt an der Ostküste der Halbinsel Chalkidiki, geboren, ist Aristoteles einer der wichtigsten Philosophen der Geschichte überhaupt. Die von ihm überlieferten Schriften umfassen praktisch alle Bereiche des menschlichen Wissens, angefangen von der Logik und der Sprache über die Metaphysik, Physik und Biologie bis hin zur Staatslehre, Ethik und Poetik.

Raffael verherrlicht 1510 bis 1511 Aristoteles in seinem Gemälde „Die Schule von Athen“ als den großen Antipoden des antiken Starphilosophen Platon. Während Platon auf das überirdische Ideenreich zeigt, weist Aristoteles auf das sinnlich Konkrete und somit der modernen Naturwissenschaft den Weg.

Literarisch verarbeitet Klaus Liebers dieses Thema in seiner Erzählung „In der Schule von Athen. Platon und Aristoteles – seid gegrüßt! Erzählung“. Einen guten Überblick über die Bedeutung von Aristoteles für die Entwicklung des abendländischen Denkens bietet auch Hellmut Flashars Sachbuch „Aristoteles. Lehrer des Abendlandes“, erschienen im C.H. Beck-Verlag.

Der Philosophieprofessor Otfried Höffe hat die vielen Biografien über Aristoteles und die Zusammenfassung seiner Phiosophie erst kürzlich in seinem Band „Aristoteles“, erschienen bei C.H. Beck, auf den aktuellsten Stand gebracht.

Können wir trotzdem beim Zugang zur Natur noch von Aristoteles lernen?

Liebers: Aristoteles begründete, dass das Studium der Natur mit der Beobachtung beginnt. Er zeigte, dass man mit allen Sinnen beobachten soll. Ebenso soll man unermüdlich sein im Begründen und im Überprüfen einer Schlussfolgerung auf logische Widersprüche. Nicht mehr einverstanden sind wir heute mit seiner Auffassung zum Experimentieren. Aristoteles lehnte Experimente ab. Er sagte: Wie kann man natürliches Geschehen erkennen, wenn man willkürlich eingreift?

In einem fiktiven Interview lassen Sie Aristoteles sich als einen typischen Flüchtling darstellen. Warum war er das?

Liebers: Aristoteles kam mit 18 Jahren nach Athen. Er hatte ein Problem mitgebracht. Er war der Sohn des Leibarztes von Philipp II. von Makedonien. Seinem Vater wurde der Vorwurf gemacht, ein Freund und Spion von Philipp II. zu sein, der die Gegend um Stageira strategisch auskundschaftete. Aristoteles galt also als Sohn eines makedonischen Spions. Als Fremder durfte Aristoteles in Athen weder Grund und Boden erwerben, noch öffentliche Ämter bekleiden und hatte sogar eine spezielle Steuer zu entrichten. Trotzdem hoffte Aristoteles, Athen und die Akademie von Platon dort könnten zu seiner neuen Heimat werden. Tatsächlich wurde Aristoteles zum zweiten führenden Kopf in Platons Schule. Trotzdem musste er 20 Jahre später wieder aus Athen fliehen. Der Grund: Die Feldzüge Philipps II. von Makedonien gegen Verbündete von Athen. Die antimakedonische Stimmung in der Stadt bekam auch Aristoteles zu spüren.

Aristoteles galt damals als Agent

Eine Stimmung reichte aus, um einen angesehenen und erfolgreichen Gelehrten zu vertreiben?

Liebers: Hinzu kam, dass Antipatros, der fähigste Feldherr und Gesandte Philipp II. in Athen, Aristoteles oft zu wissenschaftlichen Gesprächen eingeladen hatte. Deshalb galt Aristoteles bald als verhasster Agent Makedoniens, genauso wie sein Vater. Den letzten Anstoß zum Verlassen der Stadt gab Platons Tod. Die Schüler wählten Aristoteles nicht zum Nachfolger von Platon. Aristoteles lebte zunächst als Gast eines Königs in Kleinasien, anschließend auf der Insel Lesbos, wo er auch heiratete. Dann holte ihn Philipp II. als Erzieher seines Sohnes Alexander nach Makedonien. Aber auch dort blieb Aristoteles nicht. Sein Weg führte ihn schließlich zwölf Jahre später über Delphi wieder zurück nach Athen.

Warum sahen die jeweiligen Herrscher nicht die Vorteile, die ihnen ein kluger Kopf wie Aristoteles brachte?

Liebers: Die Herrscher suchten keine Philosophen, sondern Techniker, die neue Waffen erdachten, und Handwerker, die diese bauen konnten. Das zeigt sich auch daran, dass Aristoteles sogar noch ein zweites Mal aus Athen fliehen musste. Aristoteles hatte im Hause eines Freundes seine eigene Schule gegründet. Nach den Wolfsskulpturen am Haus wurde sie Lykeion genannt. Als Jahre später die Nachricht vom Tode Alexanders des Großen eintraf, flammte in Athen erneut der Hass gegen alles aus Makedonien auf, auch gegen Aristoteles. Ihm wurde Gottlosigkeit und damit das schwerste Vergehen überhaupt vorgeworfen. Aristoteles rettete sich mit Frau und Tochter auf die Insel Euböa, wo er nur wenige Monate später starb.

Die Perser pflegten das Erbe

Aristoteles war aber auch nach dem Tod noch Migrant. Er wäre doch in Europa wohl kaum so bekannt, wenn es nicht die Vermittlung durch den Islam gegeben hätte.

Liebers: Das kann man wohl sagen. 529 ist ein entscheidendes Jahr. Damals schloss Kaiser Justinian I. die Schule von Athen. Er wollte das heidnische Wissen im Christentum nicht mehr dulden. Daraufhin flohen die Wissenschaftler nach Persien. Dort studierten, pflegten und ergänzten sie die Schriften des Aristoteles. Zwei Gelehrte sind für die Aristoteles-Überlieferung besonders wichtig: Im 10. Jahrhundert der Perser Avicenna und im 12. Jahrhundert der Araber Averroes. Im Auftrag des Erzbischofs von Toledo begannen im frühen 13. Jahrhundert jüdische, arabische und christliche Wissenschaftler gemeinsam, ausgewählte Werke des Aristoteles in die lateinische Sprache zu übersetzen. Abschriften erreichten die Universität in Paris, wo sie viele Professoren und Studenten begeisterten. Mitten in der Welt des Feudalismus sprach Aristoteles von Verfassungen, Bürgerrechten sowie von guten und verkommenen Staatsformen. Und die Natur erklärte er aus Beobachtungen, nicht aus der Bibel. An der Universität entbrannten viele Kämpfe für und gegen Aristoteles. Der 19. März 1255 wurde für Aristoteles zum Tag des Triumphes, denn fortan waren in der Artistenfakultät fünf seiner Werke im Lehrplan vorgeschrieben.

Aristoteles wurde, obwohl ein Heide, ja selbst für die Kirche zur maßgeblichen Instanz. Warum eigentlich?

Liebers: Hier spielen die Aristoteles verehrenden Dominikaner eine große Rolle. Zu diesen gehörten die Kirchenlehrer Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Beide konnten in Paris den Auseinandersetzungen um Aristoteles nicht ausweichen. Sie beschäftigten sich nicht aus Liebe mit ihm, sondern wollten vielmehr die christliche Wahrheit gegen seine Schriften verteidigen. Ihn radikal abzulehnen ging nicht, denn seine wissenschaftlichen Grundsätze galten im Hochmittelalter als wahr. Daher wollten sie die Philosophie des Aristoteles zu der ihrigen machen. Lehren von Aristoteles, die mit dem Christentum unvereinbar waren, wie seine Vorstellung von Gott, von der Ewigkeit der Welt oder dem Sterben der Seele mit dem Tod des Menschen, verziehen sie Aristoteles, weil die Offenbarung Gottes allein der Bibel vorbehalten bleibe, für philosophische Überlegungen sei sie unerreichbar. So gelang es Thomas von Aquin, Aristoteles mit dem Christentum zu vereinen. Man kann sagen: Thomas von Aquin hat Aristoteles getauft und zum Fürsten der Philosophie erhoben. Seine Schriften, wie die zur Physik und zum Himmel, wurden zu ewigen Wahrheiten. 1278 dann verpflichtete der Dominikanerorden seine Mitglieder auf die Lehre des Thomas von Aquin. Das bedeutete: Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erhielt der gesamte Nachwuchs an kirchlichen und höfischen Würdenträgern seine naturwissenschaftliche Ausbildung nach den Lehren des Aristoteles. Damit wurde Aristoteles für Jahrhunderte zum Lehrer des Abendlandes.

Politiker könnten von Aristoteles lernen

Aristoteles gilt als Vater der Rhetorik. Was können Redner heute noch von ihm lernen?

Liebers: Es wäre wünschenswert, dass Politiker und andere Redner die Empfehlungen von Aristoteles beachten. Für ihn war in jeder Rede wichtig, das Überzeugende zu finden. In der Rede ging es ihm darum, aktiv eine Entscheidung der Zuhörer zu beeinflussen. Nichts anderes ist heute Wahlwerbung. Um zu überzeugen muss nach Aristoteles die Rede auf die emotionale Situation und die Rolle der Hörer zugeschnitten sein. Besonders muss der rhetorische Beweis auf Prämissen aufbauen, die zu den von den Zuhörern anerkannten Meinungen gehören. So gesehen, überrascht der Wahlerfolg einer ganz bestimmten Partei bei den letzten drei Landtagswahlen überhaupt nicht. Ihr gelang es, genau wie Aristoteles empfiehlt, auf die emotionale Situation und die Rolle der Hörer einzugehen.

Das bedeutet, Aristoteles lehrt, das Volk da abzuholen, wo es steht.

Liebers: Genauso ist es. Interessant ist heute noch seine Diskussion um die beste Staatsform. Aristoteles haderte lange mit der Demokratie,. weil in einer Demokratie die Meinung der Mehrzahl maßgebend sei. Ihn quälte die Frage: Wie verträgt sich eine Demokratie mit der Tatsache, dass die mit Einsicht und Tugend ausgestatteten Menschen stets eine Minderheit bilden? Dies wirkt provozierend, nur: Erinnern Wahlergebnisse und politische Entscheidungen in einigen europäischen Demokratien nicht an Aristoteles? Und noch eine Gefahr sah Aristoteles: In der Demokratie könnte die Herrschaft aller Bürger zu Lasten der Tüchtigen und zum Schaden der Wohlhabenden erfolgen. Später milderte er seine Abneigung gegen die Demokratie ab und neigte zu einer Mischverfassung zwischen Oligarchie und Demokratie. Hier würden extreme Armut und übermäßiger Reichtum vermieden und die mittlere Bürgerschaft hätte die meisten Rechte.

Wie würdigen Sie selbst in diesem Jahr Aristoteles?

Liebers: Ich werde auf dem Potsdamer Tag der Wissenschaften Vakuumexperimente von Otto von Guericke zeigen, zum Beispiel das Magdeburger Wunder, mit dem Guericke vor Kaiser Ferdinand III. auf dem Reichstag in Regensburg die Scheu der Natur vor der Leere widerlegte, Dabei werde ich herausstellen, dass Aristoteles seinen Standpunkt über die Leere geändert hätte, wenn er die neueren Forschungen hätte verfolgen können. Dass Forscher wie Galilei, Pascal oder Guericke so intensiv gegen die Lehren von Aristoteles argumentieren mussten, hängt eigentlich damit zusammen, dass die Anhänger des Aristoteles dessen Lehren um jeden Preis verteidigten. An vorderster Front der Bewahrer und Schützer der Lehren von Aristoteles stand der Jesuitenorden. Erst dessen Dogmatismus rückte Aristoteles in der Frühen Neuzeit in das Licht des ewig Gestrigen.

Demnach können wir von Aristoteles also lernen, offen für das Neue und nicht dogmatisch zu sein.

Liebers: Deshalb heißt der Untertitel meines Buches auch: „Platon und Aristoteles – seid gegrüßt!“


Von Rüdiger Braun

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