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Vom Kampf der Buchhändler gegen die Online-Riesen

Arte-Dokumentation Vom Kampf der Buchhändler gegen die Online-Riesen

Am Mittwoch zeigt Arte eine Doku darüber, wie schwer es Buchhandlungen im Kampf gegen Online-Giganten wie Amazon haben. Mittelpunkt des Films ist unter anderem die Potsdamer Buchhandlung von Carsten Wist. Das ist kein Zufall, denn gedreht hat den Film der Potsdamer Siegfried Ressel. Die MAZ hat mit ihm gesprochen.

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Buchhändler Carsten Wist vor seiner Literaturhandlung in der Potsdamer Innenstadt. Bis 2001 war der Filmemacher Siegfried Ressel Miteigentümer des Ladens.

Quelle: ARTE

Potsdam. Siegfried Ressel glaubt ans Buch, vor allem glaubt er ans Papier. Ein E-Book? Nein, würde er nicht kaufen. Ressel schläft nicht ein, bevor er nicht gelesen hat, „und sei es eine halbe Seite.“ Dann fallen ihm die Augen zu. Fünf Bücher liest er durchschnittlich im Monat. „Immer Literatur“, sagt er, Sachbücher sind nicht seine Sache. Er wohnt bei La Rochelle, im Südwesten von Frankreich. Bordeaux liegt in der Nähe. Auch das Meer. Nach Frankreich zog er, nachdem er in seiner Heimatstadt Potsdam als Buchhändler gearbeitet hat. Elf Jahre lang. „Das hat genügt“, sagt er. Nein, er hatte nicht die Nase voll von diesem Job, er sieht das nicht als Flucht. „Ich bin 40 geworden, das war der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste: Willst du nochmal was Neues machen? Wenn man 50 ist, reißt man das Leben in der Regel ja nicht mehr komplett herum.“

Siegfried Ressel

Siegfried Ressel

Quelle: privat

Ressel will nicht bequem sein

Er zog also gen Süden, lernte den Beruf des Filmemachers. Ohne Vorbildung. Aus dem Stand heraus hat er sich etwas aufgebaut, Ressel, 57 Jahre alt, dreht Dokumentarfilme. „Es geht um die gesellschaftliche Relevanz, ich möchte, dass die Themen einen Nerv treffen.“ Er möchte etwas anschieben, und sei es ein Gedanke. Ressel will nicht bequem sein. Auch in der DDR war er das nicht. Er reiste aus, nicht lange vor der Wende. „Durch eine Heirat.“ Mehr möchte er dazu nicht sagen. Privat. Mit der Frau lebt er noch heute zusammen.

Am Mittwoch läuft sein neuer Film „Buch unter Druck“ auf Arte, eine der besten Adressen im deutschen Fernsehen. Der deutsch-französische Sender ist wie gemacht für ihn, der von Deutschland nach Frankreich zog – er weiß die Länder mental zu deuten. In „Buch unter Druck“ lotet er den Buchmarkt aus, hüben wie drüben.

Dokumentation: „Buch unter Druck“

Siegfried Ressel wurde am 23. März 1958 in Potsdam geboren. Er studierte Informatik in Budapest und leitete von 1990 bis 2001 mit Carsten Wist den Potsdamer „Literaturladen Wist & Ressel“, den Wist seither alleine führt.

Als Hörfunkjournalist beim Sender Freies Berlin arbeitete er ab 1992 für S-F-Beat und Radio 4U. Mittlerweile wohnt er bei La Rochelle/Frankreich.

Dokumentarfilme macht Siegfried Ressel seit 2007, gerade dreht er ein Stück über die Zukunft der Gedenkstätte im ehemaligen KZ Buchenwald.

Buch unter Druck“ , Ressels „Kontroverse“ über die schwierige geschäftliche Situation des Buchhandels in Deutschland und Frankreich, ist am Mittwoch auf Arte um 21.30 Uhr zu sehen. Der Film dauert 60 Minuten.

Lesen die Franzosen leidenschaftlicher, als es die Deutschen tun? Oder legen sich die Deutschen bei den Büchern mehr ins Zeug? Siegfried Ressel sieht da keine Unterschiede: „Das sind beides große Büchernationen. Gerade in Krisenzeiten spürt man, dass sie Halt in der Kultur des Lesens suchen. Nach den Anschlägen auf ,Charlie Hebdo’ hat sich das neue Buch von Michel Houellebecq, in dem es eben um das Thema Islam in Frankreich geht, glänzend verkauft. Das ist ein Statement, ein Zeichen der Besonnenheit und Reife eines Landes, wenn Bücher Orientierung geben können.“

Buchhändler fahren nur selten Kantersiege ein

„Natürlich kaufe ich kein Buch bei Amazon“, sagt Ressel, der vormalige Buchhändler, der in Potsdam einen Laden mit Carsten Wist geführt hat, seinem alten Freund. Wist kommt vor im Film, auf dem Rennrad fahrend, zwischen den Bücherstapeln seines Ladens stehend. „Heute war es ein müdes Remis“, sagt er, als er an einem Freitagabend in die Kasse schaut – ganz dem Ritual verpflichtet, die Einspielergebnisse an einem Fußballergebnis zu messen. Kantersiege fährst du als Buchhändler inzwischen nicht mehr häufig ein. Wist sagt im Film, das Wichtigste sei, im Buchladen jeden Tag „die Spannung aufzubauen“, die Motivation und diese Aura, die den Leuten zeigt: Ich liebe Bücher, auch wenn ich abends keinen Sack voll Geld nach Hause trage.

Manchmal aber erleichtert Amazon den Alltag des Filmemachers Siegfried Ressel. „Einen Adapter fürs Kabel! Den suche ich in den Geschäften ewig. Amazon kann ungeheuer hilfreich sein. Aber die Bücher kaufe ich dort eben nicht.“

Arte-Film zeigt deutsche und französische Buchhandlung

Denn die Buchläden vor Ort brauchen das Geld dringend, weiß Ressel, und erzählt, dass in Frankreich zuletzt viele große Buch- und Kulturhäuser geschlossen haben. „Doch dann bin ich auf die Handlung ,Mollat’ in Bordeaux gestoßen. Ein Paradies!“, schwärmt Ressel, „der Laden ist geräumig, doch weit entfernt von einem Warenhaus. Das persönliche Engagement ist riesig. Der Inhaber gibt sich unbeirrt von der angeblichen Krise des Buches.“ In diesem Geschäft kam die Idee, den Film zu machen. Mollat verkauft „300 Tonnen“ Bücher pro Jahr, ihm wird im Film das kleine, feine Geschäft von Carsten Wist gegenübergestellt.

„Lesen ist auch elitär“, sagt Siegfried Ressel. Doch jeder kann zu dieser Elite gehören. Das macht das Buch so stark. „Es überleben“, glaubt Ressel, „auch auf Papier.“

Von Lars Grote

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