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Kultur Begeisternder Ruf vor das göttliche Gericht
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15:04 05.10.2018
Die Buhlschaft (Larissa Marolt) personifiziert die Verführung, der Jedermann (Timothy Peach) erliegt. Quelle: foto: Böttinger
Potsdam

 Hugo von Hofmannsthals Jedermann, das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, erlebte seine Uraufführung 1911 im Zirkus Schumann in Berlin. Am Freitag feierte es im übervollen St. Nikolai eine Potsdamer Premiere. Mit düsteren Orgelklängen schwor Kantor Björn O. Wiede eine nahezu apokalyptische Endzeitstimmung herauf. Auch die wechselnden kreativen Lichtmalereien von Daniel Bandke gehörten zu den sinnlichen Highlights an diesem Abend. Regisseur Christian A. Schnell hatte angekündigt, dass sein Jedermann ohne „Skandalöses“ auskommen und in einer dem Stück und der Kirche angemessenen Form stattfinden werde. Das Personal für dieses Unterfangen bestand aus Ensemblemitgliedern seiner Volksbühne Michendorf, wie Tina-Nicole Kaiser als Dünne Base und Jens Ulrich Seffen in der Rolle des Dicken Vetters, vorrangig aber aus eigens für den Jedermann engagierten Darstellern, deren Gesichter besonders dem Fernsehpublikum bekannt sind.

Die Hauptrolle des spät zum Glauben bekehrten Lebemanns und gierigen Geldsacks Jedermann spielt Timothy Peach; als Buhlschaft ließ sich die aus der ARD-Serie „Sturm der Liebe“ bekannte Grazie Larissa Marolt gewinnen. Weitere wichtige Rollen übernahmen TV-Liebling Max Schautzer, der Gott und Glaube Gesicht und Stimme verlieh, und Frank Kirschgens, der sogar den unerbittlichen Tod lebendig werden ließ. Die Akteure auf der weitläufigen Altarbühne bebilderten in rollenkonformen Kostümen (Birgit Schenzielorz) das volkstümliche Moralspiel vom Wandel des gewissenlosen, jeder ethischen Werte enthobenen Jedermanns zum im Sterben erlösten Christen. Sie alle spielten engagiert, konnten aber häufig dem vorhersehbaren Geschehen keine besondere Rasanz verleihen.

Als dann mitten im Spiel plötzlich Applaus aufbrandete, galt dieser Beifall dem Auftritt des inzwischen 97-jährigen Fernsehstars aus DDR-Zeiten, Herbert Köfer, der seine Rolle als armer Nachbar mit erstaunlicher Fitness meisterte. Ähnlich positiv erregt war das Publikum bei Hartmut Guys Auftritt als zynisch blasierter Mammon, der sein Streitgespräch mit dem verzweifelten Jedermann zu einer furiosen Kanzel-Rede nutzte, sowie bei Wolfgang Bahro als giftiger mieser Teufel. Leider waren manche Dialoge trotz Mikrofons nur schwer zu verstehen.

Dafür gab es immer wieder Gelegenheiten, sich von den beeindruckenden farbigen Projektionen begeistern zu lassen, die kleinere Defizite der Inszenierung — wie den anfangs zu schablonenhaft böse gespielten Jedermann — überdeckten. Natürlich steht auch immer die Buhlschaft im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Marolt in ihrem langen, durch eine schwarze Korsage gebündelten, roten Gewand wird vor allen Dingen ob ihrer erotischen Strahlkraft in Erinnerung bleiben. So endete dieser insgesamt sehr ansehenswerte Jedermann in stürmischem Applaus der sichtlich zufriedenen Zuschauer.

Von Lothar Krone

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