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Kultur Aus Spiel wird Ernst
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15:42 19.05.2015
Parker Posey, Regisseur Woody Allen und Emma Stone (v.l.) Quelle: AFP
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Cannes

Mit zunehmendem Alter blicken Menschen gern versöhnlich zurück: Schließlich hätte alles noch schlechter laufen können. Ein 79-Jähriger aber blinzelte am Freitag in Cannes hinter seiner dicken Brille hervor, sprach von der Sinnlosigkeit des Daseins, vom Verglühen des Universums und seiner Folgerung aus der geballten Hoffnungslosigkeit: „Ich drehe Filme, um mich von Alter und Tod abzulenken.“ Mittlerweile ist Woody Allen beim 45. Ablenkungsmanöver angekommen.

In „Irrational Man“ ist Joaquin Phoenix der Philosophieprofessor Abe Lucas, ein Mann mit erschlafftem intellektuellen Sexappeal, den Allen früher gewiss selbst gespielt hätte. Abe hat genug von seinen „verbalen Masturbationen“, nuckelt am Flachmann, spielt Russisch Roulette und widersteht den Avancen von Studentin Jill (schon bei „Magic in the Moonlight“ dabei: Emma Stone). Aber dann kommt ihm durch ein zufällig belauschtes Gespräch eine Idee, die die Welt besser machen könnte. Plötzlich fühlt Abe wieder die Lust in seinen Körper pulsieren. Das Problem ist bloß: Ein Mord ist die Voraussetzung für die neu entdeckte Lebensfreude.

Grimmige Bosheit ist dem bekennenden Nietzsche- und Kierkegaard-Fan Allen nicht abzusprechen - ähnlich wie schon in der Kriminette „Matchpoint“. Und doch lastet so viel Routine auf dieser Komödie, dass auch Allen mal einen künstlerischen Kick bräuchte - er muss dafür ja nicht gleich morden. Kürzlich hat er beim Streamingdienst Amazon Prime für eine Serie unterschrieben. Ein „katastrophaler Fehler“, sagte er am Freitag. Eine gute Ablenkung vom Tod aber auch.

Ein Woody Allen mag leicht auszurechnen sein, Yorgos Lanthimos ist es nicht. Nun hat sich der griechische Shootingstar („Alpen“) den Zustand der Liebe vorgeknöpft. In seiner Science-Fiction-Satire „Lobster“ ist der Spaß mit Bachelor-Show, Speed-Dating und Internet-Paarbörsen aber vorbei: Hier wird das Singlesasein sanktioniert. Wem wie David (Colin Farrell) sein(e) Partner(in) abhanden kommt, wird in einem Zwischending aus Krankenwagen und Gefängnisbus in ein Hotel verbracht. Masturbation ist fortan verboten. Findet David keine neue Gefährtin, wird er in ein Tier seiner Wahl verwandelt, etwa in einen Hummer. So ist das eben. Sehr genau und sehr witzig analysiert Lanthimos die Deformation von Liebe in unserer paarfixierten Gesellschaft - auch wenn er Singles in Dromedare verwandelt.

Noch einer veranstaltete eine Märchenstunde mit Verweisen auf die Wirklichkeit: Der Italiener Matteo Garrone („Gomorrha“) lieferte Gruselgeschichten mit Königen, Prinzen, Hexen. Doch hat sein „Il Racconto dei Racconti“ frei nach Europas großen Märchenerzähler Giambattista Basile auch für uns Heutige einiges zu bieten. Ist die Sucht nach ewiger Jugend und Schönheit nicht zeitlos? Wer in einem faszinierend artifiziellem Setting sehen will, wie Salma Hayek mit blutverschmiertem Mund das Herz eines Seeungeheuers verspeist: Hier ist er richtig.

Und dann machte das Kino endgültig Ernst. Aus dem Märchenreich wurden wir hinein in die Todesfabrik von Auschwitz-Birkenau geschleudert. Wir sehen all das, was nach Claude Lanzmanns Diktum kein Regisseur in einem Spielfilm darstellen sollte: den Weg von der Rampe bis hinein in die Gaskammer. Oder stellen wir uns vieles davon in „Son of Saul“ vom Ungarn László Nemes etwa nur vor?

Wir hören das Wehklagen der Opfer und das Brüllen der Wachmannschaften. Das große Sterben aber bleibt in Unschärfe getaucht. Die Kamera verfolgt in Großaufnahme das beinahe unbewegte Gesicht eines Mannes: Saul Ausländer (Géza Röhrig), ungarischer Jude und Mitglied eines „Sonderkommandos“, ist dazu verdammt, die Mordmaschinerie in Schwung zu halten - dann findet er seinen toten Sohn unter den Opfern.

„Son of Saul“ ist der einzige auf 35 Millimeter gedrehte Wettbewerbsfilm. Die analoge Technik legt einen gnädigen Schleier über die Bilder. Aber kann man dem Genozid an den europäischen Juden im Kino 70 Jahre später eine überzeugende Form abringen? Man kann es nicht. Aber man kann so wie der erst 38-jährige Nemes mit Bravour daran scheitern.

Bislang zeigen sich die Autorenfilmer in Cannes in ansprechender Form. Wie wäre es zum Beispiel mit einem griechischen Palmen-Sieger? Im Kino immerhin zeitigt der aktuelle griechische Eigensinn brillante Ergebnisse.

Von Stefan Stosch

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