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Aus dem Schatten des Vaters

Cranach-Schau in Wittenberg Aus dem Schatten des Vaters

Es ist die Geschichte eines jahrhundertelang verkannten Sohnes, die in Wittenberg erzählt wird. Lucas Cranach der Jüngere (1515-1586) stand immer im Schatten seines Vaters. Der prägte das Bild des Reformators Martin Luther, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. In Wittenberg baute der Vater eine große Malerwerkstatt auf. Das Geschäft florierte. Der Sohn führte die Geschäfte schließlich weiter. Anerkennung wird ihm erst Jahrhunderte später zuteil - jetzt mit einer großen Ausstellung in Wittenberg.

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Ruhende Quellnymphe, 1550

Quelle: Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur og design Oslo

Wittenberg. Es ist das Schicksal der Söhne berühmter Väter. Sie stehen im Schatten des großen Vorbilds. Über Jahrhunderte galt Lucas Cranach der Jüngere (1515-1586) als der Kopist und Gehilfe des angesehenen Renaissance-Malers Lucas Cranach des Älteren. Von Letzterem stammten die wahren Wunderwerke, er prägte das Bild des Reformators Martin Luther, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Der Sohn galt als eher unbedeutend. Erst im 20. Jahrhundert entdeckte die Forschung die Qualität des Jüngeren und begann zu unterscheiden. Und siehe da: Ein Großteil der ­genialsten Werke, die lange dem Vater zugeschrieben wurden, stammten von der Hand des Sohnes.

In Wittenberg sind seit heute 120 Bilder seiner Werke im Augus­teum zu sehen. „Wer nicht hier war, hat das Kunst- und Kulturjahr 2015 verpasst. Es ist eine Weltpremiere“, wie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der in Wittenberg wohnt, am Donnerstag stolz verkündete. Und in der Tat: So viele Arbeiten – große Gemälde, Holzschnitte, Zeichnungen und Miniaturen in Bibeln –, die nach dem derzeitigen Stand der Forschung mit größter Wahrscheinlichkeit Cranach dem Jüngeren zugeschrieben werden können, wurden noch nie an einem Ort gezeigt. Für die Landesausstellung „Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters“ zum 500. Geburtstag des Malers hat die Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt nicht nur in die Depots deutscher Museen gegriffen, die beeindruckende und äußerst elegant präsentierte Schau zeigt zum Teil in Deutschland noch nie gesehene Leihgaben aus den USA und Frankreich.

Die spektakulärsten Bilder der Ausstellung stammen aus dem Musée des Beaux-arts in Reims. Das französische Museum hat 13 Porträtzeichnungen aus den Jahren 1540 bis 1550 nach Wittenberg ausgeliehen. Bei den abgebildeten Personen handelt es sich um Mitglieder des sächsischen Herrscherhauses und mit ihnen verwandten oder politisch verbundenen protestantischen Fürsten. Es sind Skizzen, die eigentlich als Vorstudien für größere Gemälde gedacht waren. Nur die Gesichtszüge sind auf bräunlichem Hintergrund plastisch herausgehoben. Auffällig daran die Augenpartien. Die abgebildete Katharina von Braunschweig-Grubenhagen zum Beispiel, blickt den Betrachter unmittelbar an. Ein Novum in der Malerei der damaligen Zeit. Und ein Charakteristikum, das Cranach den Jüngeren von seinem Vater unterscheidet. Denn der Sohn verarbeitet in den Bildern die neue Zeit, die Zeit der Reformation. Er setzt auf die direkte Ansprache des Betrachters durch die Bilder. Er malt religiöse Motive zum Teil in kleinen Formaten, quasi Gebrauchskunst für die Gläubigen, die ihren individuellen Weg zu Gott finden sollten. Die Bilder sind, ganz im lutherischen Geiste weniger üppig und prunkvoll. Der Sohn malt streng dreinblickende Bürger – reduziert, fast spartanisch.

Dass diese Unterschiede lange nicht auffielen, liegt freilich an der Arbeitsweise der Cranachs. Fast wie in Andy Warhols Factory hatte schon Cranach der Ältere Massenware produziert. Er galt als der schnellste Maler der Renaissance. In der Werkstatt in Wittenberg wurden Standardformen entwickelt, vervielfältigt und variiert. Eine ganze Mannschaft war unter Anleitung des Meisters damit beschäftigt – u. a. eben auch der Sohn. Erst von dem Zeitpunkt an, als dieser 1550 die Werkstatt des Vaters übernahm, konnten die Arbeiten eindeutig dem Jüngeren zugeordnet werden. Doch seine eigene Bildsprache wurde lange nicht gesehen. Schlimmer noch. Seine Arbeiten wurden zum Teil sogar anderen Malern wie Holbein oder Dürer zugeordnet.

So war es auch mit den jetzt gezeigten Porträtstudien aus Reims. die in einer Art Schatzkammer präsentiert werden. Erst 1881 wurden sie als Cranachs erkannt – allerdings die meisten für Werke des Älteren gehalten. Erst neuere Forschungen haben den wahren Autor identifiziert. Jetzt sind sie erstmals seit 1937 in Deutschland zu sehen. Und erstmals als Meisterwerke des Jüngeren.

Die Schau zeigt ihn aber auch als Ratsherrn, Kämmerer, Bürgermeister, Familienvater und umtriebigen Unternehmer, der um seine Lizenz für den Weinausschank kämpfte – noch mehr Argumente, ihn aus dem Schatten des Vaters herauszuholen.


Lucas Cranach der Jüngere –
Entdeckung eines Meisters. Bis 1. November, Lutherstadt Wittenberg, Augus­teum, täglich 9 bis 18 Uhr.

Von Mathias Richter

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