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Bartleby, Schweiger in schwerer See

Wandertheater Ton und Kirschen Bartleby, Schweiger in schwerer See

Nach seinem Roman „Moby Dick“ hat Herman Melville 1853 die Erzählung „Bartleby der Schreiber“ fertiggestellt. Sie wird nun vom Glindower Wandertheater „Ton und Kirschen“ auf die Bühne gebracht. Bartleby arbeitet als Kopist im Büro eines Anwalts, er vereinsamt, verschließt sich neuen Aufgaben - das Ensemble stemmt den Stoff mit Poesie und betörenden Bildern.

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Das Büro des Anwalts, in dem auch Bartleby bald antritt – das Wandertheater „Ton und Kirschen“ bei der Arbeit.

Quelle: Jean-Pierre Estournet

Potsdam. Gleich kommt Bartleby, der große Schweiger, ein Mann mit Augen, die nicht nur schauen, sondern starren. Sein Blick ist eine Waffe, denn Bartleby guckt auf die Welt, als wolle er sie röntgen. Doch vor dem Auftritt dieses dunklen Bürokraten, der schweigsam im Kontor des Anwalts lebt, fast wie ein schwermütiger Fisch in einem engen Glas, muss noch am Licht geschraubt werden. Dass die Geschichte düster ist, bedeutet nicht, dass man auf Scheinwerfer verzichten könnte.

Ein Gerüst auf Rollen steht in der Potsdamer „Fabrik“, wo Tanz und Theater zu Hause sind. „Bisschen nach rechts“, „bisschen nach links“, ruft jemand oben vom Gerüst, es wirkt, als schraube er an einer Straßenlaterne. Und unten steht einer, der schiebt nach rechts. Und dann nach links.

Margarete Biereye, die Gründerin vom Wandertheater „Ton und Kirschen“ aus Glindow, Ortsteil von Werder (Potsdam-Mittelmark), sitzt in der dritten Reihe der „Fabrik“, ihr hennarotes Haar gibt ihr die Aura eines Mädchens. Doch wenn sie spricht, erkennt man eine Weltbürgerin, 71 Jahre alt. Ihre Heimat ist das Theater, ihr Einsatzort die Kneipe in Eiche, einem Ortsteil von Potsdam, das Festival in Avignon, Südfrankreich oder Poznan in Polen. Die Spielorte wechseln. Ein Wandertheater braucht Auslauf, macht es sich nie zu lange auf demselben Sofa bequem – darum hat Margarete Biereye „Ton und Kirschen“ 1992 gegründet, zusammen mit ihrem Lebensgefährten David Johnston, 69 Jahre alt. Er kam in London zur Welt, sie auf Fehmarn an der Ostsee.

Von „Hans im Glück“ zum Kirschgarten

Das Wandertheater „Ton und Kirschen“ wurde 1992 in Glindow (Ortsteil von Werder/Havel) von Margarete Biereye und ihrem Lebensgefährten David Johnston gegründet. Zuvor arbeiteten beide in der englischen Theatergruppe „Footsbarn Travelling Theatre“.

Jährlich inszenieren „Ton und Kirschen“ ein Stück, bisher u. a. Shakespears Sonette, „Hans im Glück“ von Bertolt Brecht, „La Luna, Luna“ von Federico Garcia Lorca, „Woyzeck“ von Georg Büchner, „Don Quijote“ von Miguel Cervantes, „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow und „König Ubu“ von Alfred Jarry.

„Bartleby der Schreiber“ von Herman Melville hat an diesem Do. Premiere, auch Fr. und Sa. wird gespielt, je 20 Uhr. So. um 16 Uhr. Fabrik, Schiffbauergasse 10, Potsdam. Karten unter Tel. 0331/2800314.

„Ich bin die einzige Deutsche in der Gruppe“, sagt sie. Die Mitglieder kommen aus Frankreich, England, Kolumbien. Neun Leute zählt das Ensemble im Moment, Margarete Biereye ist sich jedoch nie ganz sicher. „We always have to count“, sagt sie – wir müssen immer nachzählen. Zum Prinzip von freien Theatergruppen gehört eine gewisse Unübersichtlichkeit, organisatorisch und finanziell. Bei „Ton und Kirschen“ kommt das sprachliche Gemenge hinzu.

Manchmal überträgt sich die Unübersichtlichkeit auf die Liebe. Margarete und David haben sich 1973 kennengelernt. Doch sind erst seit 1982 ein Paar. Auch daraus könnte man ein Stück bauen. Darüber, wie die Zeit die Dinge regelt. Das sieht man auch an „Bartleby der Schreiber“, einer Story von Herman Melville, 1853 veröffentlicht. Melville, Autor von „Moby Dick“.

Dieser Bartleby stand in Glindow lange auf Abruf, 1986 wurde er Margarete Biereye ans Herz gelegt. Sie spielte im französischen Le Mans mit ihrer damaligen Gruppe „Footsbarn Travelling Theatre“, der Festival-Direktor kam und empfahl: „Eure Form von Poesie passt zum Bartleby!“ Aber einen Mann, der ihn spielen kann, müsse man erstmal finden, sagt Biereye. So, wie sich auch die Liebe finden musste.

Auf dem Festival in Lanester, Bretagne, hat sie einen Italiener gesehen. „Du, das ist unser Bartleby!“, rief sie, und stieß David in die Seite. Sie waren sich einig.

Der Italiener hat sich Ton und Kirschen angeschlossen. Er ist der dunkle, ruhige Pol in diesem Stück, das sich gegen die atemlose Arbeitswelt auflehnt. Ein Fenster wird auf der Schubkarre über die Bühne gefahren. Bartleby läuft hinterher, schaut durchs Glas, als suche er den Mond. Oder einen anderen, stillen Trost. Herrlich. Premiere ist an diesem Donnerstag.

Von Lars Grote

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