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Bauhauspionier mit Start in Potsdam

Architektur Bauhauspionier mit Start in Potsdam

Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier. Diese Namen kennt fast jeder. Dass es innerhalb der Architektengruppe von Bauhauspionieren noch einen gab, der ihre Kreativität organisierte, ist wenig bekannt. Die Journalistin Karen Grunow hat nun ein spannendes Buch über den Architekten Jean Krämer verfasst. Angefangen hat alles in Potsdam-Babelsberg.

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Eingang der Jean-Krämer-Schule in Wittenau.

Quelle: Foto: Carsten Krohn

Potsdam.  Im feudalen Potsdam wurde vor einhundert Jahren die künftige Lebenswelt einer demokratischen Gesellschaft ersonnen. Weltberühmte Architekten wie Walter Gropius, Mies von der Rohe und Le Corbusier gingen zwischen 1908 und 1918 täglich in der Rote-Kreuz-Straße in Neubabelsberg ein und aus. Sie waren alle Mittzwanziger, also in einem Alter, in dem Visionen und Realität aufeinanderprallen.

Wo die späteren Superstars des Bauhauses lernten

 Ihr Arbeitgeber war Peter Behrens, der Vater des modernen Industriedesigns und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes. Sein Architekturbüro entwarf für den Elektrokonzern AEG nicht nur Fabrikhallen und Verwaltungsgebäude, sondern auch Logos, Schriften und ganze Produktreihen. Neben Frank Lloyd Wright oder Hans Poelzig zählt Behrens, Jahrgang 1868, zu den Gurus seiner Generation und Branche. Kein Wunder, dass die ehrgeizigen Mitarbeiter, die um die 15 Jahre jünger waren, bei ihm anheuerten. Später nutzten sie die Erfahrungen und gingen als Bauhaus-Pioniere und Wegbereiter der klassischen Moderne in die Geschichtsbücher ein. Bei Behrens lernten sie das Denken in großen Formaten.

Jean Krämer auf einem Jagdausflug, 1941.

Quelle: ARCHIV INGE FERNANDO

In dem Gründerzeit-Haus in Potsdam-Babelsberg, dessen letzte Überreste erst 2001 abgetragen wurden, herrschte vor hundert Jahren allerdings nicht das beste Betriebsklima. „Behrens unterbezahlte jeden; man schien nie menschliche Wärme zu fühlen“, schreibt der amerikanische Architekturhistoriker Stanford Anderson. Die etwa „20 Sklaven“ schufteten hart. War der Chef mal nicht da, blühten die Angestellten auf und alberten viel herum, heißt es.

Hausarchitekt der Straßenbahngesellschaft

Dass in dem wintergartenartigen Ateliergebäude dennoch äußerst kreativ und effizient gearbeitet wurde, war Jean Krämer zu verdanken, den Behrens bis 1918 als Büroleiter eingesetzt hatte und der in den 1920er Jahren als selbstständiger Architekt viele große Projekte auch in Brandenburg verantwortet hat. Nach seinem Tod 1943 wurde Krämer zu Unrecht vergessen, meint Karen Grunow, die seit Jahren das Werk und das Leben des Architekten erforscht. In einer reich bebilderten wissenschaftlichen Monografie stellt die Kunsthistorikerin, die auch als Journalistin für die MAZ arbeitet, erstmals ihre Ergebnisse vor.

Turm der ehemaligen Straßenbahnstadt in der Berliner Müllerstraße.

Quelle: CARSTEN KROHN

Drei Leistungen Jean Krämers, die Bestand haben, springen sofort ins Auge. Erstens wurde Krämer von der Straßenbahn-Betriebsgesellschaft zum „Hausarchitekten“ erkoren. Er plante nicht nur Depotgebäude und Wohnsiedlungen für die Mitarbeiter. Im Berliner Wedding in der Müllerstraße realisierte er eine ganze „Straßenbahnstadt“. Zweitens entwarf Krämer die Ampelturmuhr auf dem Potsdamer Platz. Der Wahrzeichencharakter seines kleinsten Bauwerks führte dazu, dass 1997 im Fußgängerbereich eine Nachbildung aufgestellt wurde. Und drittens errichtete er eine Modellschule in Berlin-Wittenau auf dem Grundriss eines Drittelkreises nach den Vorgaben der Reformpädagogik. Sie nennt sich seit Kurzem nach ihrem Erbauer: Jean-Krämer-Schule.

Backstein und Klinker fügt er zu Ornamenten

Sein Werkverzeichnis setzt mit der Rathenau-Siedlung in Hennigsdorf ein. Das war noch ein AEG-Auftrag aus dem Portfolio von Behrens. Krämer verlieh den Straßenzügen am neuen Industriestandort „Gartenstadtcharakter“, schreibt Karen Grunow. „Gemeinhin wird Krämers Werk dem Expressionismus zugeordnet“, meint sie. Er verwendete gern Backstein oder Klinker, die er in den Fassaden und Giebeln zu markanten Mustern und Ornamenten fügte. Durch das Gebot der Funktionalität wurde die Schnittmenge mit der Neuen Sachlichkeit aber zusehends größer.

Jean Krämer, Mitarbeiter des Behrens-Ateliers, in Neubabelsberg Krämer ist die sitzende Figur links im Profil

Jean Krämer, Mitarbeiter des Behrens-Ateliers, in Neubabelsberg Krämer ist die sitzende Figur links im Profil

Quelle: ARCHIV INGE FERNANDO

Seine Tochter Inge Fernando, die es 1948 nach Australien verschlug, fügt dem akademischen Buch eine persönliche Facette und Fotos aus dem Familienalbum hinzu. Nach 1933 erhielt Krämer kaum noch Aufträge, „weil sein Stil nicht dem neuen politischen Zeitgeist entsprach“, meint die heute 78-Jährige, die vier Jahre alt war, als ihr Vater 1943 im Alter von nur 56 Jahren starb. Andere Architekten seiner Generation wie Gropius, Mies von der Rohe und Le Corbusier übertrafen ihn - nicht nur an Lebensjahren, sondern auch durch den revolutionären Charakter ihrer Entwürfe. Architekt war damals noch kein geschützter Beruf. Alle waren Autodidakten und verstanden sich als freie Künstler.

Nur einem ausgeglichenen, ruhigen und besonnenen Mann wie Jean Krämer konnte das Kunststück gelingen, diese starken Persönlichkeiten in einem engen Büro über Jahre zu koordinieren. Das Buch wertet diese Leistung genauso hoch wie seine Bauwerke.

 

Info: Stanford Anderson, Karen Grunow, Carsten Krohn: Jean Krämer, Architekt, und das Atelier von Peter Behrens. Weimarer Verlagsgesellschaft, 240 Seiten, 49 Euro.

Von Karim Saab

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