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Beach Boys: Hymnen im Hawaii-Hemd

Konzert in Berlin Beach Boys: Hymnen im Hawaii-Hemd

Die Beach Boys kamen nach Berlin, oder sagen wir: Zwei alte Mitglieder, die ihre Band sinnvoll verstärkt haben, kamen zu Besuch. „Surfin‘ USA“ wurde früh ausgepackt, der Satzgesang saß wie vor 50 Jahren, auch die Kopfstimme klang wie geölt. Die Zitadelle in Spandau war voll, das Publikum zeigte sich begeistert. Die Hits der Band sind längst Eckdaten im Leben ihrer Fans.

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Mike Love, Sänger der Beach Boys.

Quelle: POP-EYE

Berlin. Nach zehn Minuten holen sie schon „Surfin‘ USA“ heraus, ihr Loblied auf das süße Leben, so dicht an Chuck Berrys „Sweet Little Sixteen“ gebaut, dass er schmerzt. Die Beach Boys reihen ihre Songs aneinander, gute 40 werden es an diesem Abend, volle zwei Stunden spielen sie, eine Pause liegt dazwischen. Die Zitadelle in Berlin-Spandau ist voll, sie ist bestuhlt, was allerdings die Tatsache verkennt, dass die Leute tanzen wollen. Hawaii-Hemden im Publikum. Gibt es ein klareres Indiz dafür, dass die Menschen Beinfreiheit und generell Bewegung möchten?

Ein knappes „One, Two, Three“ zwischen den Liedern, eins, zwei, drei werden die Stücke angezählt, wie bei den Ramones, die aber von der Ostküste kamen, und überhaupt das Gegenteil der Beach Boys sind. Die Beach Boys tragen auch mit über 70 Jahren bunte Hemden, das käme in New York niemandem in den Sinn.

In Berlin haben die Beach Boys am Donnerstag das kalifornische Gesetz gepredigt, es besteht aus Wellen, Girls und Autos – die Reihenfolge wechselt allerdings von Tag zu Tag. Das Westküstenlächeln der Beach Boys hält, doch die Band ist nicht komplett, bei weitem nicht. Mike Love und Bruce Johnston sind dabei, sie haben sich John Stamos ins Boot geholt, den Musiker und Schauspieler, der die Band schon in den 90ern immer wieder begleitet hat. Im Hintergrund vollkommen neue Musiker, die sich auf Satzgesang und Kopfstimme so exzellent verstehen, dass jeder, der die Augen schließt, vermutet, hier komme die Musik vom Original.

Der Sound ist gut, was nicht von jedem Open-Air behauptet werden kann, die Stimme von Mike Love sitzt, freilich klingt das Timbre etwas milder als vor 50 Jahren, der Zeit, als sie mit ihrem Album „Wild Honey“ melancholisch wurden und das Moll sich in den Frohsinn ihrer frühen Jahre schob.

Die Finger der Band gleiten ohne Mühe über die Gitarren wie Surfbretter über die Wellen. Die Wellen werden ausgiebig gefeiert in den kleinen Filmen auf dem großen Bühnenmonitor. Gezeigt werden sie im übersatten Kolorit der 60er Jahre. Dazu all die Hymen, die mehr sind als nur Hits – sie sind Eckdaten in den Biografien der Menschen, in der Zitadelle halten sich die Paare im Arm, nicht nur jene mit den grauen Haaren, sondern einige mit bunt gefärbten, blau, orange und rot. Keine 30 Jahren sind diese Leute alt, zu „Sloop John B.“, „Wouldn’t It Be Nice“ und „I Can Hear Music“ tanzen sie, als sei es der Soundtrack ihrer Kindheit.

Brian Wilson hat diese Songs befeuert, viele geschrieben und die meisten gesungen. Heute ist er von den Drogen gezeichnet, braucht Hilfe im Alltag und spricht nicht mehr mit seinen alten Bandkollegen. Brian Wilson ist ersetzbar auf der Bühne, das ist ernüchternd, doch für das Publikum im Jahr 2017 auch beruhigend. Das Erbe wird weitergetragen, es ist nicht an ihn, das Mastermind, gebunden.

Die Beach Boys umkreisen die Sehnsüchte der Teenager, bei „In My Room“ wird es still im Publikum. Die Andacht dieses Liedes aber ist schnell ausgemerzt. Am Himmel über der Bühne ziehen pausenlos die Flugzeuge vorbei, sie kommen vom Flughafen Tegel. Eines geht bestimmt nach Kalifornien.

Von Lars Grote

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