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Begegnungen im Taxi sind intime Augenblicke

Literatur Begegnungen im Taxi sind intime Augenblicke

Stefan Strehler lebt in Brandenburg. Dort hat der Autor ein kleines Haus und einen Ruhepol. Das war nicht immer so, denn früher saß er nach einem Wendepunkt in seinem Leben hinterm Steuer eines Taxis. Seine Begegnungen hat er aufgeschrieben und gibt damit tiefe Einblicke in die Menschen des Berliner Großstadtdschungels – und ein Stück weit ins eigene Selbst.

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Stefan Strehler aus Hagelberg vor seinem Arbeitszimmer, das ein eigenes kleines Holzhaus ist.

Quelle: Christin Iffert

Hagelberg. Taxifahren ist eine Zufallsbegegnung. Manchmal dauert sie Minuten, selten einen ganzen Abend. Zwischen Fahrer, Beifahrer und Rückbank entsteht ein überraschend intimes Spannungsfeld. „Du sitzt dort mit einem fremden Menschen in einem engen Raum, dem du plötzlich sehr nah bist. Eine Konstellation zwischen Anziehung und Abneigung, es ist jedes Mal ein Abenteuer“, sagt Stefan Strehler. Der Autor aus Hagelberg (Potsdam-Mittelmark) hat die Begegnungen in seinem ersten Buch „Taxiblues“ aus einer Sicht geschrieben, die – bei allem Zufall – letztlich doch immer eine Konstante bleibt: die des Taxifahrers.

Der Fahrer von Taxi 784 ist kein stiller Beobachter. Er möchte Menschen helfen, sie durch Berlin gondeln, wie der Held einer indischen Erzählung, der seine Bestimmung in der Arbeit als Fährmann findet und die Gäste sicher über den Fluss geleitet. Er trifft unterschiedliche Menschen: Dealer, Prostituierte, Witwen, Betrogene und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész. Sie alle haben ihre Geschichte im rasanten Leben der Großstadt – auch der Taxifahrer. „Die Geschichte hinter den Geschichten“, sagt Strehler. Die Begegnungen auf Zeit, die in mehreren Erzählungen im Buch festgehalten sind, prägen den Fahrer. Zwischen immer längeren Wartepausen, zunehmender Unwirtschaftlichkeit und Einblicken in das Leben anderer hinterfragt er das eigene Selbst.

Das Landleben veränderte Strehlers Bezug zu Berlin

Stefan Strehler hat die meisten seiner Figuren getroffen – er hinter dem Steuer eines Taxis in Berlin, sie auf dem Beifahrersitz oder der Rückbank. Der einstige Studentenjob wurde zum Hauptberuf um das Jahr 2000. Dabei hatte er Theaterwissenschaften studiert, später als Kulturjournalist geschrieben. Von heute auf morgen hörte er auf. Nicht mit dem Schreiben, sondern mit den Theaterkritiken. Das letzte Stück, das er sah, zermürbte ihn. Es war Sarah Kanes 4.48 Psychose. „Dann war die Frage: Was mache ich jetzt? Und ich fuhr Taxi“, sagt der 51-Jährige. Statt in Brandenburg an eigener Literatur zu arbeiten, weshalb er 2001 aufs Land zog, pendelte er. „Es wurde mit der Zeit immer absurder, nach Berlin zu fahren.“ Stundenlang trieb er sich auf den Straßen der Hauptstadt ohne einen Gast herum. Auf der anderen Seite wartete das Landleben, das der Taxifahrer lieben lernte. „Durch das Landleben veränderte sich mein Grundtempo. Ich wurde langsamer, die Sinne veränderten sich“, erzählt Strehler. Die Großstadt wurde zum Dschungel.

Die Zeit als Taxifahrer hat den Autor ein Stück weit zum Menschenkenner gemacht. „Ich lernte zu erkennen, dass der erste Eindruck in den seltensten Fällen dem entspricht, wer der Mensch wirklich ist“, erinnert sich Strehler. 2002 war Schluss mit dem Taxifahren, er gründete eine Familie, schrieb als Ghostwriter, gibt bis heute Workshops im kreativen Schreiben.

Hinter seinem Arbeitszimmer liegt eine andere Welt im Fläming

15 Jahre arbeitete er an seinen Kurzgeschichten. Der Großteil entstand in Hagelberg. Sein Haus ist das letzte in einer Sackgasse in dem kleinen Dorf, das gemeinsam mit dem Vorort Klein Glien keine 200 Bewohner zählt und inmitten des Naturparks Hoher Fläming liegt. Hinter dem Ort entfaltet sich die scheinbar unberührte Natur. „Es ist faszinierend, wie leicht es ist, in eine völlig andere Welt zu gehen“, sagt der Familienvater. Diese andere Welt ist das Abgeschiedene – die Waldpfade, Wölfe, Brandenburger Wildnis. An deren Schwelle ist der Platz, an dem Strehler arbeiten kann und Ruhe findet. Sein Arbeitsraum ist ein eigenes kleines Holzhaus. Lichtdurchflutet. Mit Fenstern, die ihm den Blick ins scheinbar Grenzenlose erlauben. Ein Schreibtisch, eine kleine Sitzecke, eine große Wand voller Bücher.

Strehler ist mit der Veröffentlichung seines Erstlingswerkes im regionalen Wiesengrund Verlag (Wiesenburg) zum Kämpfer geworden. Der Markt für Erzählungen ist klein, viele Verlage lassen sich deshalb gar nicht darauf ein. Der 51-Jährige reist mit seinem Buch durch Berlin und Brandenburg, spricht Buchläden an, hält Lesungen mit Bluesmusik von Thomas Rottenbücher, den man aus der Band Confessin’ the Blues kennt. Ähnlich wie der Blues in seinen Anfängen handeln die Geschichten von Liebe, Sehnsucht, Schmerz und Leid.

Einblick in das Arbeitszimmer

Einblick in das Arbeitszimmer

Quelle: Christin Iffert

Es ist Strehlers Traum, irgendwann von seinen Veröffentlichungen zu leben. Aber: „Die Vorstellung, dass man ein Buch schreibt und die Welt auf einen zuströmt, das ist ein Mythos“, sagt er. Aufgeben wird er nicht, möchte etwas Neues in die Welt bringen, die Menschen unterhalten, Zugang zum eigenen Erleben ermöglichen – inspiriert durch das, was ihn umgibt. Oder um es mit den Worten des Taxifahrers in „Taxiblues“ zu sagen: „Du begegnest einem anderen Menschen und wenn du Glück hast, öffnet sich während dieser Begegnung ein Türchen, irgendwas, und du schaust für einen Augenblick der Wahrheit ins Gesicht und vielleicht, wenn es richtig gut läuft, erfährst du etwas über dich, das dir bislang verborgen blieb.“

Stefan Strehler: Taxiblues. Wiesengrund Verlag, 200 Seiten, 10,90 Euro.

Von Christin Iffert

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