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Berlinale-Chef Dieter Kosslick über Glamour

MAZ-Interview Berlinale-Chef Dieter Kosslick über Glamour

Countdown für die 66. Berlinale. Im Interview erzählt Festivaldirektor Dieter Kosslick (67), was ab 11. Februar von den knapp 400 Filmen im Programm zu erwarten ist - und wie US-Schauspielerin Meryl Streep (66) in Berlin erstmals Präsidentin einer Filmfestival-Jury wurde.

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Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Quelle: dpa

Potsdam. Dieter Kosslick (67) ist seit dem Jahr 2001 Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Kosslicks Markenzeichen auf dem roten Teppich sind sein Hut, sein jährlich wechselnder Berlinale-Schal und seine gute Laune, mit der er die Stars begrüßt.

Herr Kosslick, läuft alles nach Plan im 15. Berlinale-Dienstjahr?

Dieter Kosslick : Routine hilft – aber nicht immer: Als wir endlich unser Festivalprogramm in Druck geben wollten, erfuhren wir, dass der israelische Ministerpräsident Netanjahu ausgerechnet am Berlinale-Montag im Waldorf-Astoria gegenüber vom Zoo Palast logiert. Alles wird zwei Tage abgesperrt, da ist kein Durchkommen. Und wir hatten eine große Premiere geplant.

Haben Sie Netanjahu umquartiert?

Kosslick: Hätten wir gerne getan. Nun gehen wir mit Julianne Moore und ihrer New-York-Komödie in ein anderes Kino. Das war Pech, aber wir hatten auch viel Glück.

Zum Beispiel mit Ihrer Jury-Präsidentin: Wie haben Sie Meryl Streep überredet, zehn Tage lang Wettbewerbsfilme zu sichten?

Kosslick: Die Frage ist, ob sich Meryl Streep anfangs darüber im Klaren war, dass sie nun 18 Filme gucken muss. Sie sitzt zum ersten Mal in einer Jury. Vor vier Jahren bekam sie hier den Ehrenbären. Ein Begeisterungssturm brandete ihr entgegen. Sie sagte, sie wolle gerne länger in Berlin bleiben. Nun tut sie’s.

Die Coen-Brüder mit der Komödie „Hail, Caesar!“ zur Eröffnung: Wie ist Ihnen dieser Coup geglückt?

Kosslick: Es hat ein Jahr gedauert, aber dann hat alles gepasst: Der Film war zum richtigen Zeitpunkt fertig, und ich kenne die Coens. Mit dem Studio Universal haben wir freundschaftliche Kontakte.

Halb Hollywood spielt in „Hail, Caesar!“ mit: Kommen alle Stars?

Kosslick: Viele. George Clooney kommt und bringt seine Frau Amal Alamuddin mit. Tilda Swinton und Channing Tatum erwarten wir, ebenso Josh Brolin und ein einige andere. Scarlett Johansson kann nicht, sie dreht gerade.

Was müssen Sie einem verwöhnten Star bieten, damit er aufläuft?

Kosslick: Wir bieten allen das Gleiche: nämlich nix. Das könnten wir nie bezahlen. Sonst würden wir die Berlinale kurz eröffnen, Häppchen servieren und gleich wieder schließen, weil das Budget von 23 Millionen Euro aufgebraucht wäre. Wir bieten etwas anderes: weltweite Aufmerksamkeit, Roter Teppich, ein begeistertes Publikum und fast 4000 Journalisten.

Kommt der Wahl-Russe Gérard Depardieu?

Kosslick: Oh ja! Er ist gleich mit zwei Filmen dabei, einer davon ist die Vater-Sohn-Komödie „Saint Amour“ im Wettbewerb. Depardieu hat mich angerufen und gesagt: Dieter, ich möchte auf Deinen „Tapis Rouge“. Ich habe gesagt: Oui, avec grand plaisir.

Nervt Sie das steigende Bedürfnis nach Glanz und Glamour?

Kosslick: Nein, wir brauchen die Öffentlichkeit, und die kriegen wir über die Stars. Wir müssen die Zuschauer ja locken. Bei uns gibt’s kein Popcorn und keine Cola. Wenn das Festival gut läuft, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Filme. Nur so kann die Berlinale funktionieren, die mit mehr als 500.000 Kinobesuchen in elf Tagen das weltweit größte Publikumsfestival ist.

Ein Film braucht besonders viel Aufmerksamkeit: Der philippinische Wettbewerbsbeitrag ist acht Stunden lang. Haben Sie eine masochistische Ader in sich entdeckt?

Kosslick: Es handelt sich um einen Labortest: Wir wollen sehen, ob die Leute, die sich 24 Stunden lang „Downton Abbey“ auf dem Sofa anschauen, auch so lange im Kino sitzen bleiben. Der Film ist es wert: Es geht um den Unabhängigkeitskampf auf den Philippinen Ende des 19. Jahrhunderts und um eine Rückschau auf die Kolonialzeit. Die Länge des Films hat auch mit der Art der Wahrnehmung zu tun. Der Zuschauer wird dadurch in einen traumähnlichen Zustand versetzt.

Wieso ist es so kompliziert, Oscar-Kandidaten zur Berlinale zu holen?

Kosslick : Manchmal funktioniert es doch, denken Sie an „Grand Budapest Hotel“ oder „Boyhood“. Aber es stimmt: Durch die Vorverlegung des Oscars um einen Monat ist die Zeit zwischen Festival und Oscar zu kurz. Zudem müssen Oscar-Kandidaten wie Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ im US-Kino gelaufen sein, um nominiert werden zu können. Aus Angst vor Internet-Piraterie starten die Studios ihre Filme dann lieber gleich in vielen Ländern und dann sind sie „out“ für die Berlinale.

Wie füllen Sie die Lücken?

Kosslick: Wir haben Filme, über die mindestens ebenso viel gesprochen wird – zum Beispiel Spike Lees Chicago-Musical „Chi-Raq“. Hier wird heftig diskutiert, warum es nicht für den Oscar nominiert ist.

Nimmt die Anziehungskraft eines Festivals in Zeiten von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon ab?

Kosslick: „Chi-Raq“ ist ja schon ein Amazon-Film. Und wir zeigen in einer eigenen Sektion Pilotfolgen von kommenden Serien. Keine Angst, es wird noch sehr lange Kinofestivals geben. Und die Leinwände sind immer noch größer als jeder Fernsehbildschirm.

Neben Spike Lee haben Sie auch den Unruhestifter Michael Moore eingeladen. Wird es politisch auf dem roten Teppich?

Kosslick: Mal sehen, was Spike Lee sagt: Der Ärger in Hollywood ist ja groß, dass keine schwarzen Regisseure und Schauspieler für den Oscar nominiert wurden. Michael Moores „Where to invade next?“ ist eine witzige Komödie, aber natürlich durchaus politisch.

Wieso war es so schwierig, deutsche Filme für den Wettbewerb zu finden?

Kosslick: Wir hatten uns schon früh für das Schwangerschaftsdrama „24 Wochen“ von der Nachwuchsregisseurin Anne Zohra Berrached entschieden.

Wo ist Tom Tykwers „Ein Hologramm für den König“ mit Tom Hanks abgeblieben?

Kosslick : Den hätten wir gerne gezeigt. Auch Tom wollte das. Am Ende hat es nicht geklappt. Und so groß war die Auswahl nicht. Nichtsdestotrotz: Im Gesamtprogramm laufen mehr als 70 deutsche Filme, im Wettbewerb sind noch zwei deutsche Koproduktionen, eine davon die Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“. Interessant ist auch die Weltpremiere des Anne-Frank-Films von Steinbichler im Jugend-Programm Generation: Junge Leute können die Tagebuch-Schreiberin für sich entdecken.

„Make Food not War“ haben Sie die Reihe zum „Kulinarischen Kino“ überschrieben: Trägt ein Filmfestival zum Weltfrieden bei?

Kosslick: Der Anspruch wäre ein bisschen hoch, aber: Regisseure aus nahezu 80 Ländern präsentieren 400 Filme. Wir zeigen uns wechselseitig die Welt, in der wir leben. Wir thematisieren auch die Flüchtlingsfrage, rufen zu Spenden für Folteropfer auf, laden Flüchtlinge ins Kino ein und wer zusammen ist, ist ein friedlicher Mensch. Essen verbindet alle Kulturen. Krieg zerstört sie. So einfach ist das.

Haben Sie Filme zum Thema Flüchtlinge nachgebucht, um aktuellen Ansprüchen zu genügen?

Kosslick: Das mussten wir gar nicht. Die Berlinale stand schon immer auf der Seite der Schwachen und Entrechteten. Nur ein Beispiel: Dieses Jahr läuft der italienische Dokumentarfilm „Fire at Sea“, zwei Jahre lang gedreht auf Lampedusa.

Wird die von Krisen und Kriegen umgebene 66. Berlinale besonders düster?

Kosslick : Auf keinen Fall! Man kann viel lachen, etwa über die französische Vegetarier-Komödie von Dominik Moll oder die verrückte Geschichte mit Depardieu. Die Berlinale wird eher heiter-nachdenklich.

Verschärfen Sie die Sicherheitsvorkehrungen?

Kosslick : Wir stehen in engem Kontakt mit den zuständigen Sicherheitsbehörden und verfolgen die weltpolitischen Ereignisse sehr genau. Unser Sicherheitskonzept wird entsprechend umgesetzt, aber ich hoffe, dass wir nicht wie am Flughafen enden.

Also sind Metalldetektoren vor dem Kino eine Option, so wie bereits üblich in Cannes?

Kosslick : Wir haben Scanner parat. Ich hoffe, wir brauchen die Dinger nicht.

Von Stefan Stosch

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