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„Unsane“: Wenn ein Film mit dem Handy gedreht wird

Smartphones und die Berlinale „Unsane“: Wenn ein Film mit dem Handy gedreht wird

Wanderer zwischen Medienwelten: Steven Soderbergh zeigt bei der Berlinale Kino vom Smartphone – und Philip Gröning philosophiert über die Zeit. Dabei geht`s mörderisch zu.

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Claire Foy in einer Szene des Films "Unsane" ("Unsane - Ausgeliefert").

Quelle: dpa

Berlin. Für Steven Soderbergh ist die Berlinale ein Festival ganz nach seinem Geschmack: Sie ist offen für Bilder jedweder Art. Gewürdigt werden auch kommende TV-Serien wie „The Looming Tower“ über die Entstehung des Terrornetzwerks al-Qaida, „The Terror“ über Sir John Franklins Suche nach der Nordwestpassage oder „Bad Banks“ über Machenschaften von Investmentbankern. US-Regisseur Soderbergh hat schon aufs Fernsehen gesetzt, als das für seine Kollegen noch ein, tja, Abfallprodukt war. Er inszenierte „Liberace“ mit Michael Douglas als schwulem Entertainer, drehte die Krankenhausserie „The Knick“ und lieferte mit „Mosaik“ einen interaktiven Krimi, der sich auch als App herunterladen lässt.

Für die Berlinale hat sich der bekennende Wanderer zwischen Medienwelten nun einen besonderen Streich erlaubt. Nur merkt man das nicht unbedingt, wenn Sawyer (Claire Foy, Elisabeth II. in der Serie „The Crown“) auf der Flucht vor einem Stalker in der Psychiatrie landet. Schlimmer noch: Sie glaubt, in einem Pfleger ihren Verfolger David (Joshua Leonard) zu erkennen.

Ein kleiner, dreckiger Film ist „Unsane“

Mit delikaten Psychospielchen hält sich Soderbergh in „Unsane“ nicht lange auf. Wenig subtil appelliert er an unsere Ängste, in einem Zwangssystem zu verschwinden. Routiniert spult er den handfesten Überlebenskampf einer jungen Frau ab, die jede MeToo-Beauftragte als wehrhaftes Musterbeispiel loben würde. Ein kleiner, dreckiger Film ist „Unsane“. Aber jetzt kommt`s: Soderbergh hat ihn auf seinem iPhone gedreht.

Die hoch auflösende 4K-Technik macht eine Unterscheidung zu professionellen Digitalkameras geradezu unmöglich. Manche Weitwinkelaufnahme aus der Gummizelle wirkt vielleicht ein wenig verzerrt. Hier und da scheinen die Kontraste verwischt - aber das kann Soderbergh ja so gewollt haben. Einmal bekommt das Stalkingopfer einen guten Tipp: „Ihr Handy ist Ihr schlimmster Feind.“ Da dürfte Soderbergh geschmunzelt haben. Sein Handy ist sein bester Freund.

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“

Ist das nun die Zukunft des Kinos? Werden Filme künftig nicht mehr nur auf dem Handy konsumiert, sondern auch inszeniert? Soderbergh pfeift auf solche Unterscheidungen: In jedem Medium sei es entscheidend, die erzählerischen Mittel zu beherrschen. Aber er sagt auch: Überwältigen lassen könne man sich von einer Geschichte nur im Kino, nicht auf dem Sofa.

Ob Soderbergh sich auch von einer dreistündigen Exzess wie „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ vom deutschen Regisseur Philip Gröning hinreißen lassen würde?

Alles fängt sinnlich-sanft an: Sonnenwärme macht träge, Grillen zirpen, Getreide wiegt sich im Wind. So könnte ein perfektes Sommerwochenende aussehen, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Unterbrochen wird das Nichtstun der jugendlichen Zwillinge nur vom gelegentlichen Besuch Elenas bei der Tankstelle mitten im ländlichen Nirgendwo, um Roberts Bierpegel auf einem gewissen Niveau zu halten.

Komisch nur, welche Sätze die beiden von sich geben. Zum Beispiel: „Wie kann etwas vergehen, was ein Recht hat zu sein?“ Oder: „Im Grund der Zeit liegt Hoffnung.“ Nun gut, Elena (Julia Zange) bereitet sich auf ihre Abiprüfung in Philosophie vor. Robert (Josef Mattes) ist sitzen geblieben, versteht sich aber offenbar auf Martin Heidegger und auch auf den Kirchenlehrer Augustinus. Und mit dem Inszenieren von Zeit kennt sich wiederum Gröning aus, siehe seine Doku „Die große Stille“ über den Alltag in einem Kartäuser-Kloster.

So weit mag man Regisseur, Autor, Produzent und Kameramann Gröning also noch folgen. Er inszeniert einen harten Moment des Übergangs: Elenas und Roberts Kindheitsrituale, all die Kabbeleien und das bedingungslose Einstehen füreinander werden nach dem Abi der Vergangenheit angehören.

Aber dann schickt der Filmemacher den Zuschauer auf einen gewalttätigen Trip, der einem den Atem verschlägt. Vielleicht hätte man es ahnen können, als Elena mit Robert wettet: Noch vor dem Abi werde sie mit einem Mann schlafen - mit irgendeinem, der an der Tankstelle stoppt. In der dritten Kinostunde schlittert das Geschwisterpaar in eine mörderische Gewaltorgie, die an Michael Haneke erinnert, hier aber gänzlich unmotiviert daherkommt. Vor diesem verkopften Werk werden auch hartgesottene Zuschauer kapitulieren.

Von Stefan Stosch/RND

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