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Berlinale: Flucht in die Utopie

67. Internationale Filmfestspiele Berlinale: Flucht in die Utopie

Vor der Preisvergabe: Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki gilt als Bären-Kandidat bei einer mäßigen Berlinale.

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67. Internationale Filmfestspiele in Berlin: Regisseur Aki Kaurismäki aus Finnland.

Quelle: dpa

Berlin. Ein hagerer Typ mit wuselig-weißem Haar steht ungeduldig auf der Bühne. Er trägt eine Safarijacke, so als schaue er mal eben kurz von einer Expedition herein. Zeit ist knapp, wenn man 81 Jahre alt ist und Projekte verfolgt, deren Verwirklichung kleine Ewigkeiten dauern.

23 Jahre und vier Bundespräsidenten brauchte es, bis Christo 1995 den Berliner Reichstag verhüllen durfte. Nun will er eine Skulptur aus 400.000 Ölfässern in die Wüste setzen. Erst einmal aber macht der New Yorker Verpackungskünstler jungen Berlinale-Regisseuren Mut – gegen alle Widerstände. „Courage: Against all Odds“, lautet der Titel seiner Ein-Mann-Show. Die Berlinale, dieses Festival mit mehr als einer halbe Million Besucher, lässt sich auch gern von Fachfremden inspirieren.

Und was empfiehlt Christo nun dem Nachwuchs? „Leg einfach los, wenn du glaubst, du kannst es schaffen.“ Scheitern ist aber auch okay, bei 37 Projekten bekam Christo nie eine Genehmigung (bei 23 schon). Sein US-Projekt „Over The River“ hat er in Trump-Zeiten lieber abgeblasen. Denn gleich noch einen Rat hat er parat: Kunst solle keinesfalls die Politik illustrieren.

Kaurismäki mit Siegeschancen

Die Wettbewerbsteilnehmer der 67. Berlinale scheinen da auf gutem Wege zu sein, selbst dann, wenn sie sich brisanten Themen widmen: Der Finne Aki Kaurismäki überführte die Geschichte eines syrischen Flüchtlings ins Poetisch-Utopische. Hinter seinem lakonischen Märchen „Die andere Seite der Hoffnung“ steckt die unstillbare Sehnsucht, dass die Menschen vielleicht doch zu Solidarität fähig sind. Trotz aller gegenteiligen Erfahrungen.

Kaurismäki werden echte Siegeschancen eingeräumt. Bereits neun Filme liefen von ihm bei der Berlinale, aber dies ist der erste im Wettbewerb. Im Vorjahr traf die Lampedusa-Doku „Seefeuer“ direkt ins Herz des Festivals. Und was sagt der brummbärige Finne, während er an seiner Elektrozigarette zieht? „Wenn wir Menschen uns nicht menschlich verhalten, wozu sind wir dann überhaupt da?“

Insgesamt aber hatte die 67. Berlinale nach einem ordentlichen Start wenig Zwingendes im Wettbewerb zu bieten. Das Zeitfenster für die Filmakquise ist schmal für Festivalchef Dieter Kosslick: Die heißen Oscar-Kandidaten aus den USA laufen schon vorher in Venedig (“La La Land“), Toronto (“Moonlight“) oder Sundance (“Manchester by the Sea“), die namhaften Autorenfilmer aus aller Welt setzen auf Cannes im Mai.

Jackmans Auftritt war teuer erkauft

Und dann sagten in diesem Jahr auch noch Stars wie Penélope Cruz oder Ethan Hawke ab. Der Spaziergang von Hollywoodstar Hugh Jackman für seinen Superhelden-Film „Logan“ gestern über den roten Teppich war teuer erkauft: Der Abschluss der Mutanten-Saga um Wolverine ist so brutal, dass die 2005 geborene Kinderdarstellerin Dafne Keen an Jackmans Seite womöglich ihren eigenen Film in deutschen Kino gar nicht schauen darf (noch steht die FSK-Altersfreigabe aus). Viele Köpfe schlitzt das Killerkind mit den Scherenhänden auf.

So galt es in den vergangenen eineinhalb Berlinale-Wochen, cineastische Blumen am Wegesrand zu pflücken. Die wundersame Schlachthof-Liebesgeschichte „On Body and Soul“ aus Ungarn entzückte. Die toughe Transgender-Frau aus Chile in „A fantastic Woman“ beeindruckte. In „The Dinner“ zerlegten sich Vertreter der sogenannten US-Elite beim Abendessen selbst.

Wer sonst noch vor den Augen der Jury um ihren Präsidenten Paul Verhoeven bestehen könnte? Vielleicht wird der dem Deftigen zugeneigte Regisseur (“Basic Instinct“) schwach bei dem Berufskiller „Mr. Long“ aus Taiwan, der erst choreografisch einwandfrei mit dem Messer seinem Job nachgeht, aber dann dank seiner Kochkünste zum Ersatzvater wird. Gestern positionierte sich noch der Rumäne Călin Peter Netzer, Bären-Sieger von 2013 (“Mutter und Sohn“), mit „Ana, mon Amour“, der Geschichte eines ungleichen Liebespaares. Und der Chinese Liu Jian lieferte mit „Einen schönen Tag noch“ eine biestige Abrechnung mit sein sich im rasanten Umbruch befindliches Heimatland, in dem die Gier regiert - das Ganze in Comicform und in beinahe erstarrten Bildern.

Tut man der 67. Berlinale womöglich Unrecht mit einem zu harschen Urteil? Vielleicht sollte man einen Schritt zurücktreten, wie es Frankreichs Kinodiva Catherine Deneuve getan hat. Auf heftige Kritik an ihrer Tragikomödie „Ein Kuss von Béatrice“ reagierte sie mit historischer Kulanz: Kaum jemand habe 1969 ihrem Truffaut-Film „Das Geheimnis der falschen Braut“ Aufmerksamkeit geschenkt. Ein halbes Jahrhundert später gelte er als Meisterwerk. Warten wir gespannt, welche Überraschungen die Preisverleihung am Sonnabend bringt.

Von RND/Stefan Stosch

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