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Berlinale-Glamour in Potsdam

Film Berlinale-Glamour in Potsdam

Die Finnen um den Starregisseur Aki Kaurismäki werden von den Kritikern als Anwärter auf den Golden Bären gehandelt. Und Andres Veiel, der deutsche Regisseur, landete den einzigen Dokumentarfilm im Wettbewerb der Berlinale. Am Mittwoch machte das Filmfestival einen Abstecher nach Potsdam.

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Sakari Kuosmanen (l.), einer der Stammschauspieler von Aki Kaurismäki, mit der Crew des Spielfilmes „Die andere Seite der Hoffnung.

Quelle: Saab

Babelsberg. Ein Dokumentarfilm über den Kunstguru Joseph Beuys (1921-1986) ist im Kinoalltag alles andere als ein Kassenknüller. Doch dank des Berlinale-Hypes waren die 349 Karten für den großen Saal im Babelsberger Thalia im Nu ausverkauft. Die Aktion „Berlinale Goes Kiez“ lockt nicht nur mit brandneuen Filmproduktionen, sondern auch damit, dass sich die Leinwand-Helden und ihre Schöpfer höchstpersönlich dem Publikum vorstellen.

Die Spannung am Mittwochabend war groß: Würde auch der Kultregisseur Aki Kaurismäki nach Potsdam kommen? Sein Film „Die andere Seite der Hoffnung“ war gerade in der Berlinale-City am Potsdamer Platz im Wettbewerb gelaufen. Von den Kritikern wird er als ganz heißer Kandidat für den Goldenen Bären gehandelt. So abwegig schien ein Kaurismäki-Abstecher nach Potsdam nicht, hat der Finne doch mit „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ (1990), „Leningrad Cowboys“ (1994) oder „Lichter der Vorstadt“ (2006) seine Vorliebe für die prosaische Welt außerhalb der Metropolen immer wieder unter Beweis gestellt.

Der fast 60-Jährige mit dem verwechselbaren Malocher-Gesicht entstieg aber keiner der beiden Festival-Limousinen, die rückwärts vorfahren mussten, da die Breitscheidstraße an der Kreuzung Benderstraße immer noch gesperrt ist. Dafür kamen sämtliche Hauptdarsteller des Films, der am 30. März in den deutschen Kinos anläuft. Die bunte Truppe formierte sich im Eingangsbereich auf dem eigens verlegten Roten Teppich zu einem Gruppenbild, um wenig später mit dem Schlussapplaus die Bühne im großen Saal zu betreten.

Die Geschichte über einen syrischen Flüchtling und einen einheimischen Restaurantbesitzer in Helsinki versteht sich als Plädoyer für die Menschlichkeit. Sie lebt von Kaurismäki-typischen Figuren, die einsam und kauzig sind, aber das Herz am rechten Fleck haben. Über alt gewordene Rock’n’Roller darf auch liebevoll gelacht werden.

Die sieben Gäste aus Finnland präsentierten sich vor dem schweren roten Kinovorhang mit einem bodenständigen Witz, der Aki Kaurismäki alle Ehre machte. Zunächst ließen sie dem Stammschauspieler Skari Kuosmanen den Vortritt, der später sogar an die Rampe tritt und ein melancholisches finnisches Liebeslied anstimmt. Die drei arabischen Schauspieler, erfuhr das Publikum auf Nachfrage, sind keine aktuellen Flüchtlinge, sondern leben schon seit vielen Jahren in Finnland und verstehen offenbar auch diese schwierige Sprache.

Im Parkett saß auch der Potsdamer Regisseur Andreas Dresen („Halbe Treppe“), dessen neuer Film „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ gerade im Thalia zwei Mal täglich gespielt wird. Dresen blieb, als sich der Kinosaal leerte und wieder bis auf den letzten Platz füllte, um auch die zweite „Berlinale-Goes-Kiez“-Aufführung zu erleben. „Ich freue mich, zwei Kollegen begrüßen zu können, die ich persönlich besonders schätze“, sagte er den Journalisten. Der zweite Kollege, Andres Veiel („Black Box BRD“, „Der Kick“), war tatsächlich anwesend. Mit „Beuys“ landete er den einzigen Dokumentarfilm im Berlinale-Wettbewerb. Noch vor Beginn der Vorstellung sagte der 57-jährige Veiel, dass diese Aufführung die erste und einzige mit einem Publikumsgespräch sei und forderte auf, im Anschluss „gern auch strittig“ zu diskutieren. Am 1. Juni 2017 wird sein „Beuys“ in die Kinos kommen.

Die Archiv-Collage aus unzählbar vielen Fotos, Schmalfilm- und Videoaufnahmen fordert dem Zuschauer viel Konzentration ab. Immer wieder schweift die Kamera über Kontaktabzüge, um sich dann in eine Aufnahme zu vertiefen. Auf eine Erklärstimme aus dem Off wird verzichtet. Auf der Tonspur kommt der Kunstschamane selbst zu Wort oder seine Zeitgenossen, wenn nicht effektvoll komponierte Sounds und Musiken die Fotos interpretieren.

Die politische Botschaft des Kapitalismuskritikers Beuys und auch sein Eintreten für einen „erweiterten Kunstbegriff“ bleibt hülsenhaft. Dafür entschädigt sein immer wieder eingeblendetes offenes Lachen. Veiel nennt es einen „undeutschen Humor“. Der Schwabe sympathisiert ohne Abstriche mit dem Provokateur Beuys, für ihn ist er nie ein Scharlatan. Veiel: „Es ist Zeit für eine Wiedervorlage von Beuys, denn er hat bereits in die poltischen Räume von heute hineingedacht.“

Nach mehreren Interviews mit Zeitzeugen entschied Veiel, allein auf Archivmaterial zu setzen. Sein Team aus Cuttern, Komponisten, einem Editor und dem Produzenten erzählte im Thalia, dass sie sich mehr als 18 Monate durch einen Tunnel wühlen mussten, um eine Form zu entwickeln, die dem Meister der Selbstinszenierungen gerecht wird und auch dessen tiefe Wunden aufzeigt. Inzwischen ist es schon nach Mitternacht.

Von Karim Saab

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