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Berlinale: Jürgen Böttchers Film „Jahrgang 45“

Im Gespräch Berlinale: Jürgen Böttchers Film „Jahrgang 45“

Das Jahr 1966 war für den deutschen Film ein besonderes. Während in der Bundesrepublik junge Regisseure Erfolge feierten, wurden in der DDR dagegen zwölf Filme verboten. Auch Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ war darunter. Auf der Berlinale ist der Film endlich wieder zu sehen, in digital restaurierter Fassung.

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Herumlungernde junge Leute? Das gab es nicht in der DDR. Szene aus dem Film „Jahrgang 45“

Quelle: FOTO: Defa-Stiftung

Berlin. „Jahrgang 45“ ist ein ganz wunderbarer, leichter Film, der junge Leute im Ost-Berlin der 1960er Jahre beobachtet – und zwar keineswegs im Sinne des sozialistischen Realismus. In der Retrospektive der Berlinale ist dieses Juwel endlich wieder zu entdecken.

Herr Böttcher, was hat die Funktionäre so sehr an dem Film missfallen, dass sie ihn 1966 verboten haben?

Jürgen Böttcher : Ich weiß es nicht. Parteifunktionäre warfen dem Film die „Heroisierung des Abseitigen“ vor. Es hieß, so sind unsere Menschen nicht. Und sie meinten, ich zeige Slums. Dabei habe ich einfach in Berlin- Prenzlauer Berg gedreht.

„Jahrgang 45“ war der erste Defa-Film, der konsequent außerhalb der Studios entstand.

Böttcher : Ja, ich habe mit Laien gedreht, mit Leuten, die wir auf der Straße angesprochen haben. Auch mein damaliger Nachbar war dabei. Das Schlimmste war, dass der Film noch nicht fertig war und dass ich sogar diese Rohschnittfassung niemandem zeigen konnte, nicht mal meinen Schauspielern. Gemein war das und es tat mir sehr weh.

Wie verkraftet man es, wenn man 35 Jahre alt ist und der erste Spielfilm verboten wird?

Böttcher: Es war schwer, aber ich habe es überlebt. Zuvor wurde ich auch schon als Maler verboten und aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Ich galt als Formalist, war schlecht angesehen, war verpönt als „Gangstermaler“. Ich konnte zwar nicht mehr ausstellen, malte aber weiter und das hat mich getröstet und gerettet.

Es fällt auf, dass Ihre Filme – nicht nur „Jahrgang 45“, auch Ihre Dokumentationen über Wäscherinnen und Ofenbauer – etwas Musikalisches haben. In „Rangierer“ etwa wird die Sprache der Schienen zur Musik.

Böttcher: In meinen Filmen spielen die Worte keine so große Rolle, was die Filmfunktionäre auch sehr irritiert hat. Meine gesamte Kunst beruht auf Musikalität. Die habe ich von meiner Mutter geerbt, von ihr habe ich das Talent. Früher habe ich viel gesungen, Brecht-Lieder oder die „Winterreise“. Auch den Jazzern verdanke ich sehr viel, auch für meine Malerei.

Was haben Sie nach dem Verbot des Films gemacht?

Böttcher: Als Maler konnte ich nicht existieren, ich musste zurück ins Defa-Studio für Dokumentarfilme. Da durfte ich weiter arbeiten, musste mich aber zunächst bewähren. Ich musste in die Gruppe für Auslandspropaganda, das hat mir natürlich nicht gefallen. Aber ich musste Kompromisse machen. Das Defa-Spielfilmstudio durfte ich nicht mehr betreten und auch in der Filmhochschule hatte ich Hausverbot. Und die Kollegen im Dokfilmstudio haben mich gehasst.

Das hört sich absurd an.

Böttcher: Ja, es war absurd. Zum Beispiel stand ich bis zu seiner Ausreise an der Seite von Wolf Biermann. Wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Und trotzdem durfte ich gleichzeitig meine Dokfilme drehen. Man versteht das nicht.

Haben Sie niemals daran gedacht, die DDR zu verlassen, wie Ihre Freunde Biermann oder A. R. Penck, der Maler?

Böttcher: Das kam für mich überhaupt nicht in Frage. Der Krieg hat mich geprägt, ich sah die Toten, mein Bruder kehrte im Sarg zurück. Die Bundesrepublik war für mich das Land von Krupp-Stahl und IG Farben, dort wollte ich nicht leben. Viel Freunde, die ausreisten, haben das nicht verstanden.

Von Claudia Palma

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