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Nachrichten Kultur Wie verreiße ich einen Kinderfilm?
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09:19 24.02.2018
Maurice Wojach guckt Filme – bis die Augen eckig sind. Quelle: Maurice Wojach
Berlin

Neben dem Hinweis auf zu viele deutsche Filme, zu wenige deutsche Filme, zu schlechte deutsche Filme, den schwachen Wettbewerb, die Konkurrenz aus Cannes und die Farbe des Schals von Dieter Kosslick gibt es auf der Berlinale einen Satz, der seit Jahren zu hören ist: „Ich habe noch nie einen schlechten Kinderfilm gesehen.“ Ich schon. Aber wie schreibe ich das, so dass es keinem der beteiligten Knirpse wehtut?

Alle bisher erschienenen Kolumnen

– Teil 9: Das Glamour-Gejammer

– Teil 8: Warum ich gerne harte Kost kaue

– Teil 7: Schwule Filme, was soll das sein?

– Teil 6: Der ärgerlichste Film der Berlinale

– Teil 5: Eine Ode an das Eiskonfekt

– Teil 4: Porno oder Popcorn: Diese Filme passen zu Ihnen

– Teil 3: Auch Idioten dürfen inspirierend sein

– Teil 2: Pattinson, der ewige Posterboy?

– Teil 1: Hundefilme? Ich muss draußen bleiben

Also zuallererst: Dem Hauptdarsteller ist nichts vorzuwerfen, rein gar nichts. Es geht um einen tibetischen Jungen namens Wangdrak. Druklha Dorje spielt ihn und seine ohnehin scheue Art, mit der er nach dem Film den Fragen aus dem Publikum ausweicht, passt zur Figur. Die Landschaft in Wangdraks Gummistiefel“ ist natürlich auch toll, ist ja schließlich Tibet. Berge, Tempel, Himmelsspiele. Der Rest ist Gähnen. Die Story passt in einen Satz: Wangdrak hat keine Gummistiefel, obwohl es ständig regnet, dann kriegt er sie aber doch. Hmmm, wirklich? Ja, das war’s.

Muss man jetzt pädagogisch korrekt noch so einen Satz in Richtung Lehrauftrag hinzufügen? Zum Beispiel den hier: Der Film entführt uns in eine von Kargheit geprägte Lebenswelt. Oder den hier: Der Film zeigt eine innige Mutter-Kind-Beziehung. Schon beim Tippen solcher Standard-Sätze verkrampfen mir die Finger. Nein, liebe Kinder, Ihr sollt ruhig mal kennenlernen, was ein Verriss ist. Mir wurde in Eurem Alter mal gesagt, ich wisse nicht, was Liebe ist, deshalb könne ich nicht verstehen, dass der Liebesfilm mit Richard Gere, den ich damals öde fand, eigentlich gut sei. Von wegen. Jeder hat das Recht, einen Film doof zu finden, und das laut zu sagen – egal, an wen sich der Film richte und vom wem er ist.

Die einzige Kargheit, die „Wangdraks Gummistiefel“ offenbart, ist die der Handlung. Ein Junge wartet auf Stiefel, dann kriegt er sie, der Junge wartet auf Regen, dann ist Schluss. Offenes Ende, na toll, auch das noch. Wangdrak kuschelt auch mal kurz mit der Mama, der Papa ist knauserig und kuschelt nicht so gern. Die wahre Innenwelt des Jungen bleibt außen vor, die Beziehungen zwischen den Kindern reduzieren sich auf ein paar Tauschgeschäfte und Gelächter, ohne aber lustig zu sein.

Es passiert rein gar nichts, im Kino sorgt das allerdings für Zusammenhalt: Jung und Alt kämpfen gemeinsam gegen das imaginäre Sandmännchen. Zu hören sind lauter Gähner, zu sehen ein paar eingenickte Kinogänger. Der 4-Stunden-Schwarz-Weiss-Film aus dem Wettbewerb ist verglichen mit dem Gummistiefel-Epos hochspannend. Da wird wenigstens gesungen. Oder kann „Wangdraks Gummistiefel“ wohlmöglich – wie fast alles – mit pädagogischen Argumenten verteidigt werden? Er verfolgt und erreicht ein höheres Ziel: Nach so viel Langeweile gehen die jungen Besucher wieder gerne in die Schule.

Von Maurice Wojach

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