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Kultur Berliner Tagung fandet nach Quellen der Märchen
Nachrichten Kultur Berliner Tagung fandet nach Quellen der Märchen
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00:03 26.03.2016
In der Defa-Rotkäppchen-Verfilmung von 1962 tritt auch ein Fuchs. Quelle: Defa Stiftung / Karin Blasig
Berlin

Es war einmal... In diesem Fall war es eine DVD mit der „Rotkäppchen“-Fassung der DEFA aus dem Jahre 1962. Der Sohn der Editionswissenschaftlerin Diana Kühndel war trotz großartiger Regieeinfälle von Götz Friedrich alles andere als angetan von dieser Version des bekannten Grimmschen Märchens. Was sollte denn diese seltsame Figur des Fuchses, der intrigiert und den Wolf eigentlich erst zum Mord anstachelt? Und warum taucht nirgendwo ein Erzähler auf, der ein Buch aufklappt und zu erzählen anfängt? „Das stimmt so nicht“, sagte der fünfjährige Sohn von Diana Kühndel schließlich, „das ist nicht Rotkäppchen.“

Auf der Suche nach dem richtigen Märchen

„Das ist nicht das Rotkäppchen.“ Genau diesen Satz hat die jetzt an der Freien Universität (FU) Berlin wissenschaftliches Schreiben lehrende Kühndel in den Titel ihres Vortrages gesetzt und Kinder als kritische Betrachter filmischer Adaptionen von Märchen entdeckt. Denn Kühndel hat das private Erlebnis über viele Umwege zum Ausgangspunkt für eine große wissenschaftliche Tagung an der FU in Berlin gemacht. „Hörendes Lesen und Sehen von Märchen“ hieß die zweitägige Zusammenkunft von Forschern aus ganz Deutschland – inklusive dem deutschen Papst der Märchenforschung, dem Wuppertaler Literaturwissenschaftler Heinz Rölleke. Tragendes Thema der Debatten: Welche Fassung ist eigentlich das „richtige“ Märchen und wie wirken mündliche und schriftliche Tradition bei der Märchenentstehung zusammen?

Die Sache ist komplizierter, als der gemeine „Kinder- und Hausmärchen“-Leser denkt. Ursula Offermann, Lehrbeauftragte an der Ludwigs-Maximilans-Universität (LMU) München, die sich viel mit interkultureller Literaturwissenschaft und Mündlichkeit von Texten befasst, zeigt dies am Beispiel der „Frau Holle“. Es gibt zwei hauptsächliche Fassungen der Brüder Grimm. Eine von 1812, eine von 1819. Überkommen ist uns vor allem die spätere. Einer der vielen markanten Unterschiede beider Texte : Am Ende der zweiten Fassung ruft ein Hahn „Kikeriki unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!“ Offermann sieht den Hahn als einen von den Brüdern nachträglich eingefügten Herold, der eine wichtige moralische Botschaft unterstreiche.

Die Grimms machen aus „Frau Holle“ eine Morallehre

Wurden in der ersten Fassung Goldmarie und Pechmarie nur jeweils für ihre „Leistung“ bei Frau Holle belohnt oder bestraft, wird in der zweiten, komplexeren Fassung das „goldene“ Wesen des einen und der „schmutzige“ Charakter des anderen Mädchens hervorgehoben. Die Brüder machen in ihrer zweiten Fassung das Märchen zur Charakterstudie und zu einem moralischen Appell. Und es gibt einen Kniff: In noch späteren Fassungen erwecken die Grimms durch rhetorisch versierte Tricks immer stärker den Eindruck, es handele sich um eine gerade erzählte Version. Aus dem Satz „und wie das Mädchen gerade unter dem Tor stand“ machen sie zum Beispiel „und wie das Mädchen gerade darunter stand“. Das wirkt wirklich wie so dahergesagt. Paradox: Gerade durch ihre intensive Bearbeitungen, die sie auch ausgiebig mit Schriftstellerkollegen wie Clemens Brentano besprechen, erzeugen die Kasseler Märchensammler immer mehr den Eindruck von Authentizität.

Die angeblichen Volksmärchen

Jacob und Wilhelm Grimm sind als die deutschen Märchensammler im allgemeinen Bewusstsein fest verankert. Dabei waren die studierten Juristen vor allem Sprachwissenschaftler.

Als Begründer der germanischen Altertumswissenschaften, der germanischen Sprachwissenschaft und der deutschen Philologie dürfen der 1785 geborene Jakob und sein 1786 geborener Bruder Wilhelm die gelten. Das von ihnen im Jahre 1838 begonnene Deutsche Wörterbuch (DWB) ist das größte und umfassendste Wörterbuch zur deutschen Sprache seit dem 16. Jahrhundert.

Die Kinder- und Hausmärchen sind nicht zuletzt als der Beitrag der Brüder Grimm zur deutschen Romantik zu verstehen. Ähnlich wie Clemens Brentano und Achim von Arnim mit „Des Knaben Wunderhorn“ wollten die Grimms gegenüber dem Frankreich des napoleonischen Zeitalters das deutsche Nationalgefühl stärken. Paradox: Scheinbare deutsche Volksmärchen wie „Aschenputtel“ gehen auch auf französische Quellen zurück.

Wie konstruiert die Grimmschen Märchen eigentlich sind, zeigte auch Heinz Rölleke selbst später in seinem Abendvortrag über den „Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Eigentlich handelt es sich um zwei verschiedene Märchen, die die Brüder in eine Version zusammenfügen und doch wie einheitlich erzählt erscheinen lassen. Den Kunstgriff scheinbar mündlichen Erzählens hat, wie Magdalena Siebert von der Uni München später in ihrem Vortrag zeigt, Theodor Storm bei seiner „Regentrude“ perfektioniert: Auch er setzt alle schriftstellerische Fähigkeiten ein, um den Eindruck eines mündlichen Vortrags zu vermitteln.

Volksmärchen gibt es wirklich

Wenn aber schon die Grimms so energisch an den angeblichen Volksmärchen herumbastelten, um den besten Eindruck und nicht zuletzt beste Verkaufszahlen zu generieren, trägt dann überhaupt noch die Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen? Ja, findet Kristin Wardetzky, die emeritierte, frühere Professorin für Theaterpädagogik, Märchen- und Erzählforscherin an der Universität der Künste Berlin, die diesmal nur als Gast hier ist. Sie kennt eine grobe Unterscheidung: „Ein Kunstmärchen hat einen Autor, ein Volksmärchen nicht.“ Auch wenn die Brüder Grimm noch so oft an ihren Märchen gedreht und geschraubt hätten, den Plot und die Geschichte hatten sie sich eben doch vom „Volk“ erzählen lassen. Das ist etwa bei Hans Christian Andersen keineswegs der Fall. Trotzdem trägt Wardetzky erneut zu Verwirrung bei, wenn sie zugibt: „Für mündliche Erzähler sind die wichtigste Inspiration letztlich schriftliche Quellen.“ Das geben auch anwesende professionelle Märchenerzählerinnen wie Katharina Ritter zu. Für dieses Phänomen gebe es in der Literaturwissenschaft sogar einen Fachbegriff: Sekundäre Mündlichkeit. Und deren Bedeutung unterstreicht laut Kristin Wardetzky auch die Tagung.

Von der mündlichen Tradition über die Niederschrift zurück zur mündlichen Weitergabe des Aufgeschriebenen: Die Verwirrung darüber, was denn nun „echt“ sei, die mündliche, aber manchmal unattraktive Vorlage oder die überarbeitete und aufgepeppte Schriftversion, gebe es auch in anderen Gattungen, betont Referentin Ursula Offermann gegenüber der MAZ. „Die Frage „Was hat Autorität?“ betrifft alle historischen Texte“, sagt sie. Solle man zum Beispiel dem predigenden Pfarrer glauben – oder den schriftlich niedergelegten Evangelien? Und was ist, wenn ein Sänger eine alte Ballade singt, aber die aufgeschriebene Sage sich ganz anders liest? „Es wird ständig eine Diskussion um Mündlichkeit und Schriftlichkeit geben“, sagt Offermann.

Schneewittchen als Manga-Mädchen

Diese Unsicherheit gibt im Falle der Märchen aber umgekehrt genügend Freiräume für kreative Fortentwicklungen. Die Münchner Germanistikstudentin Luisa Wilde-Hecher findet demnach auch ein als Manga-Mädchen auftretendes japanisches Schneewittchen, das sie in ihrem Vortrag „Die Lippen rot wie Blut“ vorstellt, noch echt. „Die entscheidenden Motive sind übernommen worden“, sagt Wilde-Hecher der MAZ. Auch wenn Schneewittchen „Lolita“-hafter und der Prinz wilder ausfällt als in der deutschen Version.

„Was ich erstaunlich fand ist, dass das im Grunde sogar zurück zur ersten Fassung der Grimms geht“, so Wilde-Hecher. Denn in dieser ist die böse Hexe noch die richtige Mutter des Mädchens und nicht bloß eine Stiefmutter. Hier würden sich ursprüngliche Grimmsche Vorstellungen und japanische Kultur eben treffen: „In Japan kann die Mutter auch manchmal ganz schön gemein und aggressiv sein.“

Und das „unechte“ Rotkäppchen aus dem Defa-Film? Das muss noch aus seiner filmischen Verwandlung befreit werden, findet Diana Kühndel. Sie spürt gerade in der Potsdamer Pappelallee die Defa-Sammlungen der Rotkäppchenfilme und ihre Vorläufer sowie das Quellenmaterial auf. Ihr Traum: Hintergrundmaterial zu erstellen, das auf welchem Wege auch immer Kinder und Eltern beim Sehen alter Märchenfilme begleiten würde. Dann könnte ihr Sohn künftig zum Beispiel nicht nur den russischen Schriftstellers Jewgeni Lwowitsch Schwarz als Quelle einiger Nebenfiguren des Defa-Filmes, sondern auch Prokofjews „Peter und der Wolf“ oder Leo Janaceks Oper „Das schlaue Füchslein“ als Ideengeber für diese besondere Version entdecken. Und ein dergestalt entzaubertes Film-Rotkäppchen ist zumindest ein Ansatz auch für andere Forscher, gewinnbringend weiter nach der „wahren“ Märchenversion zu suchen. Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie noch heute.

Von Rüdiger Braun

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