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Bernhard Heisig im Dieselkraftwerk Cottbus

Kunstausstellung Bernhard Heisig im Dieselkraftwerk Cottbus

Kein Krieg – fast nirgends. Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zeigt 13 Bilder des Mitbegründers der Leipziger Schule, Bernhard Heisig. Schwerpunkt der kleinen aber gelungenen Schau sind Gemälde, die sich mit dem Zusammenbruch der DDR und der Wendezeit beschäftigen. Ein ganz anderer Heisig.

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Heisigs Sicht auf das Ende der DDR. Blick aus dem Fenster: 1989 euphorisch und wenige Jahre später in den Hinterhof der Geschichte, die DDR.

Cottbus. Der Krieg ist fast abwesend. Das Schlüsselthema des großen ostdeutschen Malers Bernhard Heisig kommt nur am Rande vor. „Wir zeigen einen anderen Heisig“, sagt Ulrike Kremeier, die Direktorin des Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk. Einen Heisig jenseits der Schlachtengemälde und der unmittelbaren Verarbeitung seiner Kriegstraumata: Porträts, Stillleben und vor allem Bilder der Wendezeit.

13 Heisigs, die man selten gesehen hat

Es sind aufregende Gemälde, die in den kommenden Monaten im Dieselkraftwerk in einer recht kleinen Ausstellung zu sehen sein werden. Nur 13 Heisigs hängen an den Wänden im Obergeschoss und im Eingangsbereich – sechs davon stammen aus dem Nachlass der verstorbenen Kunstsammlerin Vera Schreck, der im vergangenen Sommer nach Brandenburg kam. Elf Bilder gingen damals ans Potsdam-Museum, 13 nach Cottbus. Es handelte sich dabei um Arbeiten aus fast allen Schaffensperioden des Mitbegründers der sogenannten Leipziger Schule, der DDR-Malerschmiede, die mit der Deutschen Einheit auf den internationalen Kunstmärkten zu einem Höhenflug ansetzte.

Ein Vorgeschmack auf 2019

Bernhard Heisig (1925-2011) gehört zusammen mit Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer zu den Begründern der Leipziger Schule. Von 1992 bis zu seinem Tod lebte er in dem kleinen Dorf Strodehne im Havelland.

Die Erben der Kölner Industriellen-Gattin Vera Schreck, die Heisigs Bilder seit den 60er-Jahren sammelte, vermachten im vergangenen Sommer 24 Bilder als Dauerleihgabe an das Potsdam-Museum und das Dieselkraftwerk Cottbus. Aus dieser Leihgabe stammt ein Teil der ausgestellten Gemälde.

Im Jahr 2019 wird es in Cottbus und Potsdam eine große Doppelausstellung mit Werken von Bernhard Heisig geben.

Heisig war in der DDR vor allem für seine groß angelegten Historiengemälde berühmt – etwa über die Pariser Kommune –, in denen er jedoch häufig über die stilistischen Vorgaben des sozialistischen Realismus hinausging. Als 16-Jähriger gehörte er zu Hitlers letztem Aufgebot an der Front, wo er mehrfach verwundet wurde. Von daher das Thema Krieg und Gewalt, das in vielen seiner Bilder präsent ist.

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So hat der Mitbegründer der Leipziger Schule, Bernhard Heisig, die Wende gesehen. Im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus sind derzeit 13 selten gezeigte Bilder von ihm ausgestellt. Hier eine kleine Auswahl.

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Anders in Cottbus: Im Mittelpunkt der kleinen Schau steht der Zusammenbruch der DDR. Vermutlich von der Rede des Schriftstellers Stefan Heym auf der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 inspiriert, malte Heisig im selben Jahr den „Fensteröffner“. Das Bild atmet die ganze Euphorie der Revolution von 1989. „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all den Jahren der Stagnation...!“ hatte Heym den Demonstranten damals zugerufen. Heisigs Gemälde zeigt das strahlend-fröhliche Gesicht eines Mannes, der beim öffnen der beiden Fensterflügel fast aus dem Bilderrahmen purzelt- dem Betrachter direkt vor die Füße. „Man spürt richtig, wie sich das Bild dem Betrachter öffnet“, sagt Ulrike Kremeier.

Der Fensteröffner in fünffacher Ausfertigung

Das Ölgemälde, das derzeit zum Bestand des Potsdam-Museums gehört, ist nicht das einzige, das Heisig zum Thema geschaffen hat. In Cottbus sind noch fünf weitere aus Privatbesitz zu sehen. Drei sind mit „Mann am Fenster“ betitelt und zeigen dieselbe Szene – allerdings in gänzlich veränderter Stimmung. Ein Spiegel der Seelenlage des Künstlers, möglicherweise bilden die Bilder aber auch den Prozess der Desillusionierung in Ostdeutschland in den Jahren nach der Deutschen Einheit ab.

Schon drei Jahre nach dem Fall der Mauer malte Heisig den Blick aus dem Fenster eher abwartend bis skeptisch. 2003 ist nicht mehr klar, ob der Mann eher verzweifelt schaut, weil er irgendwie noch immer eingesperrt ist und 2008 schließlich blickt er ziemlich panisch aus der Fensterlucke, weil er wohl meint, genau erkennen zu können, was da alles auf ihn zukommt. Die beiden übrigen Fenster-Bilder hingegen schaffen eine veränderte Perspektive. Einmal ist ein Mann von hinten zu sehen, der auf einen Hinterhof blickt – den Hinterhof der Geschichte, die DDR, wie Museums-Kustos Jörg Sperling meint – , das andere präsentiert eine ganze Fensterfront mit Menschen, die ins Freie schauen. Beide Werke stammen aus den 90er-Jahren.

Der Zeitungsleser, das Cottbuser Schmuckstück

„Es sind sehr politische Bilder, in denen Heisig die gesellschaftliche Realität verdaut“, sagt Kremeier. Dass die Politik immer anwesend ist, demonstriert auch das Schmuckstück aus dem Cottbuser Bestand: „Der Zeitungsleser“ von 1995. Er hängt konsequent gegenüber des Potsdamer Fensteröffners. Denn hier springt die Realität nicht aus dem Bild, sondern wird in es eingesogen. Der Mann im Sessel umklammert die Zeitungsseiten als wolle er das Geschehen der Welt in sich hineinfressen. „Irak“ ist rechts unten auf der Titelseite. Es war das Jahr des ersten Irakkrieges, als Heisig das Bild malte.

Und da ist er doch wieder der Krieg, der sonst nur auf einem Bild der Cottbuser Ausstellung stattfindet. „Jesus soll schweigen“ aus dem Jahr 1991 zeigt Gottes Sohn auf einen Panzer gefesselt, aus dem ein phallusartiges Kanonenrohr hervorragt. Die Grausamkeit des Realen findet in Heisigs Kunst ihre Entsprechung.

Bernhard Heisig: Gegenüber. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, Uferstr. Geöffnet Di-So, 10-18 Uhr. Eintritt: 4 Euro. Bis 3. 4.

Von Mathias Richter

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