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Berrached: Abtreibungsfilm "24 Wochen" soll polarisieren

Film Berrached: Abtreibungsfilm "24 Wochen" soll polarisieren

Anne Zohra Berrached, einzige deutsche Regisseurin im Berlinale-Wettbewerb, rührt mit ihrem Film an einem Tabu. In "24 Wochen" mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel geht es um das Thema Spätabtreibung.

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Rechnet nicht nur mit Zustimmung: Anne Zohra Berrached.

Quelle: Gregor Fischer

Berlin. Anne Zohra Berrached (33) will mit ihrem Film "24 Wochen" das Publikum aufrütteln. Auf ihr im offiziellen Berlinale-Wettbewerb laufendes Abtreibungsdrama erwarte sie "heftige und vielfältige Reaktionen", sagte die Erfurter Filmemacherin im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

"Deutschland hat im europäischen Vergleich eine eher liberale Regelung des Schwangerschaftsabbruchs, darüber kann und muss man reden", so Berrached. Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen in "24 Wochen" ein Paar, dessen ungeborenes Kind das Down-Syndrom und einen Herzfehler hat. Nach dieser Diagnose denkt die werdende Mutter über eine Abtreibung nach.

Frage: Wo waren Sie, als der Anruf von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick kam?

Antwort: Ich war gerade in der Yoga-Stunde und lag im Pflug auf dem Boden - also mit den Beinen hinter dem Kopf. Ich hatte, was ich sonst eigentlich nicht tue, mein Handy dabei, und dieses Handy klingelte plötzlich. Kosslick hat gefragt: Wissen Sie, warum ich anrufe? Und ich: Wissen Sie, dass "24 Wochen" mein Abschlussfilm an der Filmhochschule ist?

Frage: Warum wollten Sie das Thema Spätabtreibung auf die Kinoleinwand bringen?

Antwort: Ich habe selbst schon einmal ein Kind abgetrieben - vor dem dritten Monat. Und das beschäftigt mich immer noch. Ich weiß, wie alt es jetzt wäre, wann es Geburtstag hätte. Ein Freund schickte mir dann vor einiger Zeit einen Artikel. Ich wusste nicht, dass mehr als 90 Prozent der Frauen, bei deren Ungeborenem das Down-Syndrom festgestellt wird, das Kind nach dem dritten Monat abtreiben. Wenn sich die Frau physisch oder psychisch nicht in der Lage sieht, das behinderte Kind zu bekommen, darf man es bis zum Einsetzen der Wehen abtreiben. Der technische Fortschritt und die immer bessere Diagnostik hat zur Folge, dass wir dann manchmal vor Entscheidungen stehen, für die es keine moralischen Richtlinien gibt.

Frage: Begehen Sie mit Ihrem Film einen Tabubruch?

Antwort: Wer spricht schon gerne darüber, dass er sein schwer krankes Kind abgetrieben hat und das auch noch nach dem dritten Monat. Das ist ein Tabu. Wir gucken da an eine Stelle in der Gesellschaft, an die viele Leute nicht schauen wollen. Und auch filmisch ist das Thema förmlich nicht behandelt. Dabei ist es so tragisch - egal ob sie sich schließlich für oder gegen das Kind entscheiden - wenn Frauen und ganze Familien vor einer Entscheidung stehen, die ihr ganzes Leben verändern wird.

Frage: Sie bezeichnen den Film als Collage? Wie haben Sie gearbeitet?

Antwort: Mein Konzept war es, Realität und Fiktion miteinander verschmelzen zu lassen. Das gesamte Fachpersonal - Ärzte, Pränataldiagnostiker, Hebammen, Berater - besteht aus realen Menschen. Sie tun im wirklichen Leben das, was sie auch vor der Kamera im Zusammenspiel der Schauspieler, dem Film-Paar Julia Jentsch und Bjarne Mädel, machen. Wir haben, und das war schwer, auch einen Arzt gefunden, der Spätabbrüche durchführt. Er wollte aber nicht, dass man sein Gesicht im Film zeigt. Um die intensive Bindung zwischen Mutter und Kind zu zeigen, haben wir HD-Bildmaterial, das bei der Operation eines ungeborenen Kindes im Mutterleib entstanden ist. Und die Aufnahmen von Julia Jentsch als Kabarettistin entstanden bei echten Comedyshows.

Frage: Hat sich Ihre Haltung zum Thema Abtreibung im Laufe der Recherchen und Dreharbeiten verändert?

Antwort: Ich habe immer gesagt, ein Down-Syndrom-Kind bringe ich zur Welt. Aber in den drei Jahren, die ich an dem Film gearbeitet habe, habe ich gelernt: Manche Dinge kann man nicht aus der Theorie heraus entscheiden. Wenn man in der Situation ist, dann überlegt man, was so eine Diagnose für das Kind bedeutet. Und natürlich überlegt man auch, was das für einen selbst bedeutet. Das ist immer auch eine egoistische Entscheidung. In "24 Wochen" geht es um genau diesen Entscheidungsprozess.

Frage: Sie haben zwar ein Drehbuch für Ihren Film geschrieben, aber es wurde viel improvisiert ...

Antwort: Ich habe meinen Schauspielern immer gesagt, ihr dürft alles machen - nur nicht das, was im Drehbuch steht. Sie sollten die Dialoge nicht so sprechen, wie sie auf dem Papier stehen, sondern wie sie aus ihrem Inneren herauskommen. Und ich bringe die Darsteller gerne in unvorhergesehene Situationen - umso natürlicher ist ihr Spiel.

Frage: Gibt der Film eine Antwort auf die Frage, ob eine Spätabtreibung moralisch vertretbar ist?

Antwort: Die Antwort muss man sich selbst suchen. "24 Wochen" spricht weder für noch gegen Spätabtreibung.

ZUR PERSON: Anne Zohra Berrached (33) wurde in Erfurt als Tochter einer Zahntechnikerin und eines aus Algerien stammenden Restaurantbesitzers geboren. Sie machte in Frankfurt/Main ihren Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin, arbeitete als Theaterpädagogin in London und als Regieassistentin in Berlin. Ab 2009 studierte Berrached Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr im dritten Studienjahr entstandener Spielfilm "Zwei Mütter" über ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch wurde in der Berlinale-Reihe Perspektive Deutsches Kino gezeigt. "24 Wochen" ist Berracheds Abschlussfilm an der Ludwigsburger Filmakademie.

dpa

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