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Kultur Potsdamer Kinos trotzen dem Negativ-Trend
Nachrichten Kultur Potsdamer Kinos trotzen dem Negativ-Trend
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00:21 13.01.2019
Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon-Prime oder Sky bieten eine Alternative zum Kinobesuch – sie locken mit der Gemütlichkeit daheim. Quelle: fStockPhotoPro
Potsdam

Wer an einem Freitag gegen 16 Uhr durch die Etagen der Elektromärkte reist, der sieht die Welt als Bienenstock. Die Menschen wollen Beute machen, sie beten einen Kosmos an, der sich an Miniaturen hält. Gestochen scharf, doch eben furchtbar klein. „Downsizing“ heißt das in Büros, wo die Entwickler ihre Fantasien präzisieren, wie man mit Elektronik, Träumen, Unterhaltung maximales Geld verdient: Mach’s klein, verschwende keinen Platz!

In den Läden stehen Handys, die Reduzierung alter, grauer Festnetzapparate. Laptops sind die Verknappung großer Personalcomputer, die unterm Schreibtisch standen – die Flatscreens, flache Fernseher, scheinen mehr und mehr zu wachsen, mit bezahlbaren Diagonalen von fast zwei Metern holen sie uns das Kino ins Wohnzimmer. Doch im Vergleich zur Kinoleinwand sind auch sie eher Fälle für die Westentasche.

Positiver Trend in Potsdam

Das Potsdamer Thalia-Kino trotzte der schlechten Stimmung in der deutschen Kinobranche: Im Jahr 2017 zählte das Filmhaus 150 000 Zuschauer, im vergangenen Jahr wurde die Zahl gesteigert, man kam auf 160 000 Besucher. Am erfolgreichsten lief 2018 der Film „Gundermann“ des Potsdamer Regisseurs Andreas Dresen.

Auch das Potsdamer UCI in den Bahnhofspassagen, das sich seit seinen Umbaumaßnahmen UCI Luxe nennt, ist nach eigenen Angaben „sehr zufrieden“ mit dem Jahr 2018. Zahlen wurden nicht genannt, auch 2017 hielt man sich bedeckt. Die letzten konkreten Angaben stammen aus dem Jahr 2016, als das Haus 404 500 Tickets verkauft hat.

Die neue digitale Welt stößt auf Gefallen, weil sie die Träume runterbricht in das Format der Realisten: Wir wollen den permanenten, handlichen Zugriff. Aufs Telefon, auf den Computer – und auf die Filme in den 65-Zoll-Fernsehern. Früher musste man aus dem Haus, um relevante, aktuelle Filme in guten Bildern zu sehen. Diese Zeiten sind vorbei. Die Ware gibt es mittlerweile auch zu Hause. Das kann ein Segen sein für ältere Menschen oder Leute mit kleinem Kind. Doch für die Kinos ist es eine Tragödie.

Die Kinos merken das. Ihre Daten für 2018 sind noch nicht bestätigt, doch alles weist darauf hin, dass die Besucherzahl bei gerade mal 100 Millionen lag. In den Jahren 2016 und 2017 wurden jeweils mehr als 120 Millionen Tickets verkauft. Liegt das an den Filmen, die im vergangenen Jahr nicht überzeugten? Das erfolgreichste Stück in Deutschland war „Avengers: Infinity War“, das knapp 3,4 Millionen auf der Leinwand sehen wollten. „Fack ju Göhte 3“ hatte als meistbesuchter Film 2017 in Deutschland mehr als sechs Millionen Zuschauer gelockt.

Oder haben sich die deutschen Filmfreunde grundsätzlich umorientiert? Setzen sie sich lieber zu Hause an den 4k-Fernseher mit seinen Bildern in Ultra-HD, die schärfer wirken als im Kino? Drei Monate nach dem Kinostart kann man sich die Stücke ausleihen oder kaufen – und auf dem Sofa bleiben. Der große Streaming-Anbieter „Netflix“, der Menschen daheim mit Serien und Filmen versorgt, hat seinen Umsatz im 3. Quartal 2018 um 34 Prozent gesteigert.

„Das Boot“: Populärer als die meisten Filme

Die gestreamten Serien sind nicht fürs Kino gemacht, sondern für den Fernseher, der heute nicht nur gut aussehen soll, sondern auch exklusive Angebote braucht. In den Jahresbestenlisten werden die TV-Serien ganz selbstverständlich neben den Kinofilmen notiert. Konkurrenz auf Augenhöhe. 2018 wurde eine Fortsetzungsserie des Kinofilms „Das Boot“ bei Sky gezeigt. In den meisten Zeitungen ist das ausgiebiger besprochen worden als die großen Kino-Stücke.

Ja, Filmfeste wie die Berlinale sind ausverkauft und werden geliebt. Sie gelten als Liebhaberei, hier wird dem Kino gehuldigt im unbedingten Willen, die Tiefe, das Exotische und die Behutsamkeit, wahlweise auch das abseitig Drastische zu finden. Doch dort laufen kaum Filme, die kommerziell verwertbar sind. Die Serien wiederum geben dem Affen Zucker, halten sich oft an die Konventionen aus Hollywood, treten aufs Gas, alle zehn Minuten eine Herzattacke, das scheint ein probates Rezept – man schaue auf aktuelle deutsche Produktionen wie „Dogs of Berlin“, „4 Blocks“ oder „Beat“.

Die Absicht, ihre Zuschauer bei der Stange zu halten, kann hysterisch wirken. Obwohl die Serien Zeit haben, weil es oft reichlich Folgen und Staffeln gibt, nehmen sie sich diese Zeit nur selten fürs Erzählen, sondern investieren in Atemlosigkeit. In grobe Reize. Hier sind die Bilder nicht mehr jene Kunst, als die sie im Kino mal galten. Es sind nicht mehr die Stücke, über die man mit erhöhtem Puls die Rezensionen las, weil sie Debatten anschoben.

Bilder werden beliebiger, wie die Musik, die bei Streaming-Diensten wie Spotify umsonst oder billig angeboten wird. Über Musik diskutieren? Ist nicht mehr schick, 2018 sind Musikzeitschriften wie „Spex“, „Groove“ oder „Intro“ pleite gegangen.

Werden wir oberflächlicher, lassen wir uns mit kleinen Formaten abspeisen? Wert scheinen wir auf Größe vor allem bei Autos zu legen. Die SUV, den Geländewagen ähnlich, verkaufen sich weiterhin blendend.

Von Lars Grote

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