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Kultur Billy Childisch in der Villa Schöningen in Potsdam
Nachrichten Kultur Billy Childisch in der Villa Schöningen in Potsdam
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21:06 13.09.2017
Juju hat Billy Childish diesen Akt von 2015 genannt. Quelle: Rikard Osterlund
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Potsdam

This is not punk – nein Punk ist das wirklich nicht, was seit Mittwoch in der Potsdamer Villa Schöningen an den Wänden hängt. Die Bilder erinnern eher an die klassische Moderne, man spürt geradezu die Vorbilder: die Farbgewalt eines Vincent van Gogh, die strengen Formen Edvard Munchs, die schwüle Erotik Egon Schieles. Und das von einem Punk?

Ein Punk malt im Stil der klassischen Moderne. Rund 30 Bilder des britischen Musikers Billy Childish sind derzeit in Potsdam in der Villa Schöningen zu sehen. Hier eine kleine Auswahl.

Ja, genau. Der Künstler heißt Billy Childish. Hierzulande – wenn auch nur in Insider-Kreisen – eher bekannt als Musiker aus der Independent-Szene. Mit der Punkband The Pop Rivets war er daran beteilligt, Ende der 70er-Jahre den verschnarchten Popmusikmarkt aufzumischen. Während Jonny Rotten von den Sex Pistols die Parole „Anarchy in the U.K.“ ausgab, forderte Childishs Band schlicht „Fun in the U.K.“. Hauptsache Spaß also. Später näherte er sich wieder mehr dem Blues an und produzierte Independant-Bands wie die Goldenen Zitronen. Kommerziell sonderlich erfolgreich war Childish nie. Doch Bands wie die White Stripes oder die Toten Hosen beteuern, sie verdanken ihm viel.

Konsequent jenseits des Mainstream

Gemalt hat der heute 58-Jährige schon immer. Und nicht nur nebenbei. Doch auch hier bewegte er sich immer jenseits des Mainstreams. Von der Kunstschule flog er gleich zweimal. Aber von den individuellen Eskapaden vieler zeitgenössischer Künstler hält er wenig. Der Brite vertraut lieber der Tradition. „Je weiter man auf den Einfluss eines Künstlers zurückgeht, ums so eher stößt man auf das Wesentliche“, sagte er einmal. Zurück zu den Klassikern also, und das ist für Childish die Avantgarde der vorvergangenen Jahrhundertwende.

„So etwa muss man sich erstmal trauen“, sagt Ina Grätz, Kuratorin in der Villa Schöningen: „Immerhin misst er sich mit den ganz Großen.“ Und da macht Childish wirklich keine schlechte Figur. Die rund 30 Arbeiten, die in der Villa bis Januar zu sehen sind, alles Werke, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind, strahlen eine magische Kraft aus. Strenge Kompositionen, abstrakte Formen, flächige Texturen machen die gegenständlich gemalten Bilder aus. Und sie haben eines Gemeinsam: Childish arbeitet fast durchgängig mit warmen, erdigen oft pastellenen Farbtönen. Und das durch alle Genres: Porträts, Stillleben, Landschaftsbilder, Akte.

Durchsichtige Frauenakte

Da gibt es Landschaften, bei denen sich Baumkronen in einen subtilen Farbenrausch auflösen oder verschneite Ebenen zu Kristallen zerbröseln. Childish malt Frauenakte, die wie durchsichtig erscheinen, skizzenhaft dahingeworfen und trotzdem lässt sich jeder Muskel, jede Rundung erahnen. Die Hintergründe sind meist durch Ornamente verziert, wie sie im Jungendstil gerne verwandt wurden. So etwa der Schatten eines dieser Frauenakte, flächig, verspielt, byzantinisch.

Titelgebend für die Ausstellung ist ein Selbstporträt des Künstlers, das mit „Man with jackdaw“ – Man mit Dole überschrieben ist. Es zeigt Childish mit einem großen Vogel auf der Schulter vor einer Baumlandschaft. Die Reverenzen an van Gogh sind trotz der vielen pastellenen Brauntöne nicht zu übersehen. Die holzschnittartigen, scharfen Konturen der Figuren. Die flächige Komposition, selbst die Tätowierungen auf den Armen lassen jede Plastizität vermissen.

Verweigerung durch die Rückkehr zur Tradition

Childish inszeniert sich als ein Künstler der Vergangenheit, mit einer haubenartigen Mütze, wie sie vor hundert Jahren auf dem Land und gerne auch von Malern getragen wurde. Mit verschränkten Armen und forderndem Blick schaut er dem Betrachter in die Augen, als wolle er sagen: „Du hast mir gerade noch gefehlt!“ Wie ein Wächter steht er vor seiner Fantasielandschaft. Childish scheint sich weiterhin dem bürgerlichen Mainstream verweigern zu wollen. Diesmal mit den Mitteln der Tradition. Und da ist er doch wieder – der Punk.

Villa Schöningen, Berliner Straße 86 in Potsdam. Mittwoch bis Sonntag von 12-18 Uhr, Donnerstag von 12-20 Uhr. Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Bis 14. Januar 2018.

Von Mathias Richter

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