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Kultur „Blaue Nacht“ im Mediastore in Potsdam
Nachrichten Kultur „Blaue Nacht“ im Mediastore in Potsdam
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18:01 14.02.2017
Mitten im Rotlichtbezirk von Hamburg lebt die Autorin Simone Buchholz und auch ihre Erzählfigur, die Staatsanwältin Chastity Riley. Quelle: imago/Manngold
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Potsdam

Der Suhrkamp-Verlag stand lange in dem Ruf, ein Olymp der deutschen Gegenwartsliteratur zu sein. Doch was bedeutet das für einen aktuellen Kriminalroman, der in dem Traditionshaus erscheint? Ist der anspruchsvoller erzählt als die zahlreiche Konkurrenz? Seit wann verstehen sich Elfenbeintürmler auch auf Spannungsliteratur?

Simone Buchholz hat mit ihrem sechsten Krimi einen Karrieresprung hingelegt. Nach fünf Hamburg-Krimis im Droemer-Verlag ist nun ihr sechster als Original-Taschenbuch bei Suhrkamp erschienen. Ihre Leser und auch sie selbst meinen, es sei ihr bestes Buch. Vielleicht, weil die heute 44-Jährige den Wechsel als große Herausforderung begriffen hat, vielleicht auch, weil sie strenger lektoriert worden ist.

„Blaue Nacht“, so der Titel, heißt im Buch eine Szenekneipe in St. Pauli. Hinter der Theke steht Klatsche, der wegen Einbruchs schon mal im Gefängnis saß. Ihn verbindet mit der Erzähler-Figur, der Staatsanwältin Chastity Riley, eine recht undramatische Liebesbeziehung. Die beiden leben allerdings nicht gemeinsam in einer Wohnung, sondern Wand an Wand.

Beruflich ist Chastity gerade kaltgestellt. Da sie bei der vorangegangenen Fahndung einem Verbrecher statt in die Beine in die Eier („in die Kronjuwelen“) geschossen hat, wurde sie für den Opferschutz abgestellt. Eigentlich darf sie gar nicht mehr ermitteln. Da kommt ein brutal zugerichteter Mann, der ins Krankenhaus eingeliefert wird, fast wie gerufen.

In diesem Krimi wird viel getrunken (Bier aus der Flasche), viel geraucht (filterlose Zigaretten) und viel geschwiegen. Den Menschen, den Straßen und Hafenanlagen der Hansestadt haucht Simone Buchholz eine behagliche, aber auch abgründige Portion Leben ein. Einmal heißt es: „Der Wind vor Krankenhausfenstern klingt anders als zum Beispiel eine Böe, die sich am Kino vorbeischwingt. Oder an einem Café.“ Einige Wendungen und Bilder sind riskant formuliert, aber das Bemühen, sprachlich keine Konfektionsware abzuliefern, verdient Respekt. Und weil der Mann im Krankenhaus erst auf Seite 118 erste Andeutungen macht, um was für Delikte es in diesem Krimi überhaupt gehen könnte, hat der Leser auch viel Zeit, tief in die Atmosphäre einzutauchen.

Wenn Fußballfans Krimis schreiben

Die Autorin: Simone Buchholz wurde 1972 in Hanau geboren. Sie brach ein Philosophiestudium ab und ließ sich von der Henri-Nannen-Schule zur Journalistin ausbilden. Sie arbeitete als Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift. 2008 erschien ihr erster Kimi „Revolverherz“. Sie lebt mit Mann und Sohn auf St. Pauli. Die „guten“ Figuren in ihrem Buch tragen Namen von FC St. Pauli-Spielern, die „bösen“ Figuren Namen von HSV-Spielern.

Das Buch: Simone Buchholz. „Blaue Nacht“. Suhrkamp Nova, 240 Seiten, 14,99 Euro.

Die Lesung: Krimi live. 16. Februar, 19 Uhr. MAZ-Media Store. Friedrich-Ebert-Straße 85/86, Potsdam.

Simone Buchholz Quelle: Achim Multhaupt

Eingeschobene Zeitschnitte, die bis 1982 zurückreichen, skizzieren zudem die biografischen Vorgeschichten der Figuren. Da ist zum Beispiel die gebürtige Portugiesin Carla, die in Hamburg heimisch geworden ist, der pensionierte Kommissar Faller, der den Tod einer von ihm geliebten Prostituierten nicht verwunden hat und Gjergj Malaj, der im Westen seinen traditionellen Ehrbegriff vom Balkan als Mafioso eiskalt durchsetzt. Die neuen Banden, die das traditionsreiche Rotlichtviertel kontrollieren, „sprechen Türkisch oder Kurdisch oder Libanesisch“ und „ticken komplett anders als Hein und Klaus und Johnny“.

Nach der Hälfte des Buches schaltet die liebenswerte Staatsanwältin in den Ermittler-Modus um. Sie nimmt Kontakt mit dem Drogendezernat auf, denn es geht um die Verbreitung der Droge Crystal Meth. Und um „Krok“, ein noch entsetzlicheres Teufelszeug. Nun transportieren die Dialoge, an deren launigen Charakter sich der Leser schon gewöhnt hatte, zusehends zielgerichtete Informationen. Aufklärung ist angesagt und der einsetzende Plot samt Verfolgungsjagd macht den Krimi zu einem verwechselbaren Drama.

Eine interessante Frage ist, ob am Ende ein unaufgeklärter Rest bleibt oder ob der Leser den völligen Durchblick erhält. Hier arbeitet Simone Buchholz mit einem spannenden Motiv, denn der dubiose Krankenhaus-Patient hat, wie es heißt, in einem Schweizer Bank-Schließfach die Wahrheit hinterlegt. Wenn ihm etwas zustößt, darf sogar die Polizei alles erfahren ...

Dieser Suhrkamp-Krimi füttert alle an: die literarisch Anspruchsvolleren und die Liebhaber hart gesottener Handlungen. Keine Fraktion kommt ganz auf ihre Kosten.

Von Karim Saab

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