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Blauwalherz wird plastiniert

Konservierung dauert mehr als ein Jahr Blauwalherz wird plastiniert

Ein 25 Meter langer Blauwal verendete 2014 an der Küste von Neufundland. Sein 200 Kilogramm schweres Herz wird jetzt im Plastinarium in Guben (Spree-Neiße) konserviert, um später in einem kanadischen Museum ausgestellt zu werden. Etwas Effekthascherei ist bei solchen Schaupräparaten aus Sicht von Wissenschaftlern dabei.

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Ein Blauwal wird bis zu 33 Meter lang und 200 Tonnen schwer.

Potsdam. Das Herz eines Blauwals ist ein Organ der Superlative. Die Aorta, die Hauptschlagader, hat bei ihrem Austritt aus dem Herzen einen Durchmesser von etwa 20 Zentimeter. Bis zu 5000 Liter Blut pro Minute pumpt das Tier durch diesen Engpass, um seinen rund 30 Meter langen Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Im Plastinarium in Guben (Spree-Neiße) wird weltweit zum ersten Mal ein solches Organ mit dem Verfahren der Plastination konserviert. Auftraggeber ist das Royal Ontario Museum im kanadischen Toronto.

200 Kilogramm wiegt das Organ, das derzeit bei einer Temperatur von minus 25 Grad in einem mit Aceton gefüllten Tank schwimmt. Für die durch die Ausstellung Körperwelten bekannte Gubener Plastinate GmbH ist eine Arbeit in dieser Dimension keine Routine, sagt Werkleiterin Gabi Scharkowski. 6000 Liter Fassungsvermögen hat der Tank. Bisher benutzen die Gubener meist Gefäße bis 450 Liter. Durch das gekühlte Aceton wird das Wasser aus dem Gewebe herausgezogen. Der Prozess dauert bis zu 14 Wochen. „Am Schluss muss der Wasseranteil bei unter einem Prozent liegen“, so Scharkowski. Anschließend wird das Organ entfettet, wiederum in einem Aceton-Bad, diesmal aber bei etwas mehr als Zimmertemperatur. Das Gewebe ist dann bis in die feinsten Strukturen mit Aceton gefüllt, das im dritten Schritt nach und nach durch Kunststoff ersetzt wird, wiederum bei minus 25 Grad. Auch diese beiden Schritte dauern jeweils bis zu 14 Wochen.

Zum Schluss wird das Organ aus dem Kunststoffbad genommen und beim Aushärten in die richtige Position gebracht. Im Frühjahr 2017 wird es so weit sein, sagt Scharkowski. Bei diesem abschließenden Teil der Prozedur werden dann auch Wissenschaftler aus Kanada zugegen sein, um die richtige Positionierung für das Blauwalherz zu bestimmen.

Das 25 Meter lange Tier war im April 2014 zusammen mit acht Artgenossen tot an der Küste von Neufundland angespült worden. Im Museum von Ontario sollen neben dem Herz auch das vollständige Skelett des Tieres und weitere Informationen über seinen Fund und seine Lebensweise ausgestellt werden.

Wenn es um das Konservieren des Walherzens geht, gibt es keine Alternativen zum Plastinieren, sagt Scharkowski. Das bestätigt Detlef Knuth, Direktor des Naturkundemuseums Potsdam. „Das ist die einzige praktikable Methode, das Herz auszustellen und zugänglich zu machen“, erklärt er. Ansonsten könnte es höchstens schwimmend in Alkohol präsentiert werden. Der Vorteil beim Plastinieren: Die Farbe bleibt erhalten, es wirkt sehr natürlich und die Besucher kommen nah heran. Deshalb wenden die Potsdamer bei ihren Ausstellungsstücken die in den 1980er-Jahren entwickelte Methode ebenfalls an, neben der sonst üblichen Dermoplastik, bei der die getrocknete Haut über einen nachgebildeten Körper aus Kunststoff gezogen wird. 2012 hat Christian Blumenstein, Präparator des Naturkundemuseums Potsdam, mit einer plastinierten Spitzmausfamilie die Weltmeisterschaft der Tierpräparatoren gewonnen, bereits zum zweiten Mal nach einer ersten Auszeichnung 2008.

„Das ist Schaupräparation“, schränkt Knuth ein. Dabei gehe es zuerst um die Ästhetik und die wissenschaftliche Relevanz sei eher gering. Von den insgesamt 400 000 Objekten, die das Naturkundemuseum Potsdam in der Ausstellung und im Magazin besitzt, sind nur die wenigsten so aufwendig präpariert. Von Vögeln werden beispielsweise die ausgenommenen und getrockneten Körper, sogenannte Bälge, in Schubladen und Regalen aufbewahrt. Die Tiere wurden tot aufgefunden, von Förstern und Spaziergängern oder an Straßen. Das Potsdamer Museum hat, öffentlich nicht zugänglich, eine der größten Sammlungen von Großtrappen- und Seeadler-Bälgen. Solche großen und über Jahrzehnte fortgeführten Sammlungen erlauben es Wissenschaftlern, Veränderungen zu beobachten. Bei Seeadlern beispielsweise kann der Bleigehalt im Körper bestimmt werden, so Knuth. Die Verwendung bleihaltiger Schrotmunition bei der Jagd sei derzeit die größte Gefahr für die Seeadler-Bestände. Ein anderes Beispiel: Durch zunehmende Funde der seltenen Bienenfresser ist dokumentiert, dass sich diese wärmeliebende Vogelart auch in Brandenburg immer weiter ausbreitet, wahrscheinlich aufgrund der Klimaveränderung. Noch mehr Veränderungen sind zu erkennen, wenn über lange Zeiträume hinweg die Entwicklung etwa von Schmetterlings-Populationen beobachtet wird. Dabei können die Wissenschaftler auch auf die Spur von Mutationen kommen, durch die neue Unterarten entstehen.

Bei einem Schaupräparat wie dem Blauwalherz geht es vor allem darum, die Museumsbesucher später in Kanada für den Erhalt der bedrohten Art zu sensibilisieren. Ein berechtigtes Ziel, so Museumsdirektor Knuth.

Das gelte auch für die Tierpräparate des Gubener Plastinariums, auch wenn bei solchen Schaupräparaten immer die Gefahr der Effekthascherei bestehe. Aber natürlich erwarteten die Menschen heute, wenn sie ein Naturkundemuseum betreten, ein natürliches und ästhetisches Aussehen der Präparate, räumt Knuth ein. Und es sei sehr positiv, dass das Interesse der Menschen an der Natur ungebrochen sei, wie die erfreulichen Besucherzahlen der Museen belegten.

Von Ulrich Nettelstroth

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