Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Bob Dylan, der Anti-Trump

Literaturnobelpreis Bob Dylan, der Anti-Trump

Man hat nicht mehr damit gerechnet, dass der Sänger Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhält. Seit Jahren heiß gehandelt, ist er an diesem Donnerstag von der schwedischen Jury endlich geehrt worden. Ist die Wahl noch zeitgemäß? Vor 30 Jahren wäre sie relevant gewesen. Nunmehr zeugt sie von der Ratlosigkeit der Jury in Stockholm.

Voriger Artikel
Literaturnobelpreis 2016 für Bob Dylan
Nächster Artikel
Vergessene Fluchtgeschichten von Deserteuren der sowjetischen Armee

Bob Dylan ist ein Barde, der seine Lieder mittlerweile nicht mehr singt, sondern zerkaut – man versteht sie kaum noch, und doch sind diese Texte Allgemeingut.

Quelle: imago stock&people

Potsdam. Was ist passiert, dass diese Preisrichter in Schweden endlich merken, wie viel an Dynamit in Dylans Liedern steckt? Jede Zeile wie ein Wort zum Sonntag, jeder Refrain ein Horoskop für diesen Horror, den wir Alltag nennen.

Bob Dylan, 75 Jahre alt, kriegt den Literaturnobelpreis. Bekommt er ihn nur deshalb, um den USA ein paar Tage vor ihrer Wahl ins Poesiealbum zu schreiben: Löst euch nicht von euren Wurzeln, ihr habt nicht allein Trump, sondern auch Bob Dylan, den Wahrsager, in euren Reihen, der das Land zur Freiheit führt und der mit Frauen umzugehen weiß?

Bob Dylan heute

Bob Dylan heute.

Quelle: EPA

Die Frauen also. „Visions Of Johanna“, „Just Like A Woman“, „Lay Lady Lay“. Jeder Mensch mit Herz und Seele hat die erste Zigarette zu Dylans Songs geraucht. Die erste Freundin in den Arm genommen. Sich zum ersten Mal die Haare rot/grün/blau gefärbt. Vielleicht waren die Juroren, also die alten Schweden, die damals junge Schweden waren, zu versessen auf das Mädchen, zu benebelt von der Zigarette, um auf die Texte zu achten, die zugegeben arg verschliffen aus dem Mund des Barden kamen – als sei er, während er die Lieder sang, selbst gerade mit der Zigarette oder einer Frau beschäftigt. Was gäbe es auch sonst für Gründe, Dylan erst in diesem Jahr zu ehren, da er keine eigenen Songs mehr schreibt, sondern nur noch Lieder aus der Kindheit covert, von Sinatra zum Beispiel?

In Schwedens Nobelpreisjury, Abteilung Literatur, neigen sie dazu, den Nachruhm auszuzeichnen. Wenn das Schiff im Hafen liegt, hängt man ihm einen Orden um. Nicht, wenn es auf der Höhe der Robustheit durch die Wellen zieht.

Nobelpreis: Eine Aktie, auf die man besser nicht setzt

Kratzt es Bob Dylan, dass er nun den Preis erhält? Finanziell vermutlich nicht. Stockholms Ehrerbietung ist seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotiert. Nach dem damaligen Wechselkurs waren das etwa 928 000 Euro, derzeit nur 822 000 Euro. Der Preis weicht auf, rein monetär betrachtet. Dylan aber hatte eine andere Wertanlage im Schrank: Sein handgetipptes Manuskript des Liedes „Like A Rolling Stone“ ließ er vor zwei Jahren in London für 1,2 Millionen Pfund versteigern (klug, dass er es vorm Brexit tat, das Pfund gibt dieser Tage nach). 36 Zeilen für „Like A Rolling Stone“ genügten, wenn man den Refrain abzieht, um sich von derart aussichtslosen Geldanlagen wie der Riester-Rente freizuschwimmen.

Nicht nur das Preisgeld, auch die Qualitätskriterien rücken die Auszeichnung längst in die Nähe einer Aktie, auf die man besser nicht mehr setzt. Zu willkürlich, zu sehr an Quoten orientiert und fast erratisch wirkt die Wahl dieser Jury in den vergangenen Jahren. Wer hat den Preis im letzten Jahr bekommen? Swetlana Alexijewitsch. Diese Antwort muss man googlen. Was nicht gegen die Weißrussin spricht. Die Jury aber scheint nicht fähig, einen Nadelstich zu setzen, einen Impuls oder ein kleines Beben auszulösen, das die Bücherwelt elektrisiert, sie aufwühlt und ihr neue Freunde in die Arme treibt.

Wahl Dylan kommt 30 Jahre zu spät

Dylan ist eine gute Wahl, doch sie kommt 30 Jahre zu spät. Auch der letzte Feuilletonist hat die Pointe zwei, drei Mal platziert, wie preisverdächtig dieser Bob mit seinen unbotmäßigen, tanzbaren, weinbaren (man müsste dieses Wort für ihn erfinden) Liedern wirkt, die Pop und Politik zwischen zwei ausgespuckten Wörtern wie durch einen Kuss vereinen. Der Kuss indes war immer flüchtig, denn Dylan ist gewiss kein Mann der Treue.

Im Mai, es scheint erst ein paar Wochen her, hat jede Zeitung, jeder Sender, jeder Zwischenruf auf Twitter den 75. Geburtstag von Dylan gefeiert. Das muss den Schweden aufgefallen sein. Nun gibt es eine zweite Welle von Elogen, wieder deklinieren sie sein Leben durch. Ermüdend. Was wir nie für möglich hielten: Dylan tut uns leid. Auch Denis Scheck, der meistgehörte deutsche Kritiker, beklagt die Wahl: „Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genau so ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“

Wenn man die Dankesrede untertiteln muss

Dylans große Liebe aus den frühen 60ern, Suze Rotolo, sagte über ihn: „Der Erfolg verwandelte meinen Freund mehr und mehr in einen Egozentriker. Es macht Klick und plötzlich kann diese Person nichts mehr wahrnehmen außer sich selbst. Jeden Tag wird es schlimmer.“ Das klingt nach Donald Trump, und dennoch muss Dylan heute als der Anti-Trump herhalten.

Das einzig Spannende an dieser Wahl: Wie fällt die Dankesrede aus? Man wird sie untertiteln müssen. Er wird die Rede kauen, wie er auch seine Lieder kaut und sie nicht mehr artikuliert.

Zitieren wir „Like A Rolling Stone“, geschrieben 1965: „How does it feel / To be without a home / Like a complete unknown / Like a rolling stone?“ Wie fühlt es sich an, heimatlos zu sein, wie ein komplett Vergessener, wie ein haltloses Blatt im Wind? Das eben ist die Frage für Amerika vor seiner Wahl am 8. November.

Von Lars Grote

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?