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Bob Dylan erwischt einen guten Abend

Konzert im Berliner Tempodrom Bob Dylan erwischt einen guten Abend

Bei ihm kann man nie wissen: So sehr Bob Dylan auch für seine Musik vergöttert wird, so berüchtigt sind seine Konzerte. Mal schlecht gelaunt und kurz angebunden, mal spielfreudig und experimentell. Sein erstes von zwei Berlin-Konzerten im Tempodrom war eine angenehme Überraschung - hatte aber auch seinen Preis.

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Bob Dylan ist am Dienstag in Berlin gut in Form.

Quelle: EFE

Berlin. Vorm Berliner Tempodrom ist es so kalt, dass man seinen Atem sieht. Dylan-Fans messen sich darin, wer das Oeuvre des Meisters am besten kennt. Eine Frau entrollt ihre auf Papier geschriebene Lebensgeschichte. Erfahrungen, die sie mit Bob Dylan verbinden und begründen sollen, warum man ihr, nur ihr, unbedingt ein Ticket schenken soll. Ein paar Meter weiter spielt ein tänzelnder Typ mit Hut und Gitarre all die Folk-Songs aus den 60ern, denen sich ihr Erfinder längst verweigert. Nach fast jeder Strophe pustet er in die Mundharmonika. Die Dylan-Gemeinde ist versammelt und ihr geht es richtig gut.

Es wäre typisch Dylan, ihnen allen den Abend zu ruinieren. Eine Handvoll neuer Songs ins Mikro nölen, Abgang, keine Zugabe – wie oft hat er sich das schon erlaubt. Am Dienstagabend, beim ersten von zwei Berlin-Konzerten, ist ihm nicht danach, die Fans zu enttäuschen. Der kauzige Onkel hat Geschenke mitgebracht. Eine fantastische Band, ein paar alte Hits und neu interpretierte Frank-Sinatra-Songs, bei denen sich der sonst so knarzige Dylan als - kein Witz – begnadeter Sänger erweist.

Um 20 Uhr schleicht er, pünktlich wie ein Tagesschau-Sprecher, ins Dämmerlicht, hinter ihm stehen die fünf Musiker. Lagerfeuer-Folk mit Klampfe und Mundharmonika? Das war einmal. Ab und zu setzt sich der Sänger ans Klavier, die Band orientiert sich mit Kontrabass, Banjo, Mandoline und Steel-Guitar eher an Country als an klassischen Rock. Natürlich lässt sich Dylan nicht zu „Like A Rolling Stone“ oder „Mr. Tambourine Man“ erbarmen. Zur Song-Auswahl liefert er mit dem Auftaktstück „Things Have Changed“ das passende Motto. Ja, so ist es, die Dinge haben sich verändert.

Statt sich selbst zu parodieren, knöpft sich der 74-Jährige, der mit enger Anzugjacke und breitkrempigem Hut wie ein alternder Matador aussieht, eine andere Ikone vor: Frank Sinatra. Sein 36. Studioalbum „Shadows in the Night“ hat Dylan ihm gewidmet. Er zieht die Songs aus, wirft ihnen den Glamour vom Leib, streift das Tempo ab, bedeckt sie mit seiner eigenen Melancholie. Oft schon haben Rockstars bei fortschreitender Einfallslosigkeit das Werk anderer imitiert (Patti Smith, Eric Clapton, Rod Stewart). Ein Dylan aber imitiert nicht, er erfindet neu. Das Erstaunlichste daran: Er kann tatsächlich singen. Weil es erst gar nicht zu glauben ist, schließt man die Augen und hört genauer hin. Weich, melancholisch, unangestrengt, völlig entknurrt – so also klingt der Gesang des Mr. Dylan.

Wenn der Meister in Bestdorm ist, fühlt sich ein Dylan-Konzert an, als blicke man nach Jahren des Sprechens und Schreibens erstmals in den Duden. Aha, da kommt das also alles her, der hat es mit erfunden, den Rock, den Pop, den Blues. Wohlwissend, dass er die musikalische Grammatik nicht alleine stemmen konnte, ist er ein Baumeister der Stilformen. Aber wie im Duden gibt es auch in Dylans Lebenswerk noch Neueinträge, es entwickelt sich weiter. Dabei fällt die Show des rastlos herumtapernden Ausnahmekünstlers völlig aus der Zeit - kaum Effekte, handgemachte Musik, dämmerndes Licht, Röhrenmikrofone. Dylans 1988 begonnene „Never Ending Tour“ wirkt wie ein Wanderzirkus in einer Welt aus Multiplex-Kinos und WLAN-Hotspots. Der Sänger gibt den schweigenden Direktor, der einfach seine Arbeit tut. Wenn er knarzige Blues-Songs wie „Beyond Here Lies Nothin“ (2009) spielt, ist er wieder der knurrende Wüterich, der sich das Mikro vornimmt wie ein Löwe die Antilope.

Zwischen den Songs verzieht er keine Miene. Als wäre lauter Applaus ein Lärm, den es still zu ertragen gilt. Er ist halt der Onkel, der selbst dann bockig blickt, wenn alles gut ist. Und dass es gut ist, machen der Sänger und seine Band am Ende nochmal deutlich, sie spendieren dem Publikum den Megahit „Blowin‘ The Wind“. Natürlich gegen den Strich gesungen, voller Varianten, eher Jazz als Folk, nichts mit Lagerfeuer und so. Wer die Hippie-Hymne im Original hören will, kann ja rausgehen – der Mann mit der Gitarre steht auch nach dem Konzert noch vorm Tempodrom und singt.

Von Maurice Wojach

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