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Brandenburg ist nicht „Dunkeldeutschland“

Kammeroper Schloss Rheinsberg Brandenburg ist nicht „Dunkeldeutschland“

Frank Matthus ist künstlerischer Leiter der Kammeroper Rheinsberg. Noch, denn sein Vertrag gilt nur bis 2018. Am liebsten würde er sein eigener Nachfolger sein. Er erwägt, sich noch einmal zu bewerben. Für ihn setzen sich Persönlichkeiten wie Christian Thielemann und Harry Kupfer ein. Wir haben mit ihm über das Festival, die Provinz und über Brandenburg gesprochen.

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Frank Matthus ist künstlerischer Leiter der Kammeroper Rheinsberg.

Quelle: dpa-Zentralbild

Rheinsberg. Frank Matthus (53) trat 2015 die Nachfolge seines Vaters, des Komponisten Siegfried Matthus, an. Der hatte 1990 das Opernfestival Kammeroper Schloss Rheinsberg gegründet. Im Juli wurde bekannt, dass sein Vertrag nicht verlängert wird und im September 2018 ausläuft.

Herr Matthus, für Ihre zeitgenössische Produktion „Tucholsky“ haben Sie sehr gute Kritiken bekommen. Können Sie auch mit den Besucherzahlen, Einnahmen und der Auslastung 2017 zufrieden sein?

Frank Matthus: Ja, unbedingt. Mit 13 000 Besuchern hatten wir nochmals eine Steigerung. Seitens der Einnahmen hatten wir 2015 ein Rekordergebnis, das wir in diesem Jahr noch einmal leicht steigern konnten. Die prognostizierten Einnahmen von 400 000 Euro haben wir erreicht.

Ihr Vertrag als Künstlerischer Leiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg läuft im Sommer 2019 aus. Haben Sie eine Ahnung, wie es danach weitergehen soll?

Mein Vertrag endet zum September 2018 – also nach der nächsten Saison. Was für die Kammeroper ab 2019 geplant ist, weiß ich nicht. Schon im März 2016 teilte mir der damalige Staatssekretär Martin Gorholt mit, dass es für die Kammeroper eine Neuausrichtung geben soll. Ob das noch aktuell ist, kann ich nicht sagen. Thomas Falk, der Geschäftsführer der Musikkultur gGmbH, ist vom Aufsichtsrat beauftragt im Oktober ein neues künstlerisches Konzept vorzulegen. Wenn es hier Anknüpfungspunkte für mich gibt und das gewollt ist, dann bin ich gerne bereit, weiter für die Kammeroper Verantwortung zu übernehmen. Natürlich habe ich selbst Ideen. Es haben zahlreiche Leute Briefe an die Ministerin geschrieben, unter ihnen Christian Thielemann, Harry Kupfer, der Freundeskreis der Kammeroper und Privatpersonen, in denen sie sich für meine Person einsetzen. Das hat mich sehr gefreut.

Noten und Instrumente stehen für die Operngala in Rheinsberg bereit

Noten und Instrumente stehen für die Operngala in Rheinsberg bereit.

Quelle: Peter Geisler

Die Kammeroper Schloss Rheinsberg wurde 1990 von Ihrem Vater gegründet und ist somit aufs Engste mit dem Namen Matthus verknüpft. Trotzdem ist es ungewöhnlich, dass die Leitung des staatlich subventionierten Festivals vor drei Jahren ohne Ausschreibung an den Sohn weitergereicht wurde. Wie haben Sie diesen Vorgang persönlich verkraftet?

Das ist eine lustige Formulierung: verkraftet! Ich habe mein gesamtes bisheriges Berufsleben nahezu komplett unabhängig von meinem Vater gelebt und bin immer davon ausgegangen, dass man mit mir den Regisseur und Autor nach Rheinsberg holt, der ich war und bin. Ich habe 80 Inszenierungen im In- und Ausland in Schauspiel, Oper und Musical gemacht - teilweise preisgekrönt. Ich habe Texte für Theater und Oper geschrieben, ich habe selbst auf der Bühne und im Film gespielt. Letztlich kennt man meine Arbeit in Brandenburg vom Theatersommer Netzeband und den Fontanefestspielen Neuruppin. Ich lebe aus Überzeugung in der Region. Ich war davon ausgegangen, dass meine Nominierung bei der Kammeroper ein gewollter und überlegter Vorgang ist.

Etwas ungewöhnlich war das schon!

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass man die Vater-Sohn-Nachfolge von zwei Seiten sehen kann. Die einen sagen: was für eine glückliche Fügung, dass mit dem Matthus-Sohn der Name als Identität für das Festival erhalten bleibt. Die anderen sagen: was für eine unlautere Familienseilschaft. Zu entscheiden, was nun für die Kammeroper die richtige Variante ist, liegt nicht bei mir. Wenn ich mich in Rheinsberg nicht selbstständig und selbstbewusst sehen würde, hätte ich die Leitung der Kammeroper nie übernommen.

Die Operngala der Kammeroper Rheinsberg auf Schloss Rheinsberg

Die Operngala der Kammeroper Rheinsberg auf Schloss Rheinsberg.

Quelle: Peter Geisler

Was sagt Ihr Vater dazu, dass das Land eine Neuausrichtung der Kammeroper anstrebt?

Dazu sollte er sich selbst äußern. Prinzipiell ist gegen neue Ideen überhaupt nichts zu sagen. Wichtig ist, dass sie nicht in Dunst und Nebel bleiben, meint: allgemeine Marketing-Phrasen. Ein neuer Internet-Auftritt und der rote Teppich für die VIP ist hübsch, aber bei „Neuausrichtung“ muss es um Inhalte gehen. Sonst könnte ich ja auch bleiben.

Rheinsberg war ein Musenhof in der Zeit der Aufklärung. Warum haben Sie statt auf diese Tradition auf die großen romantischen Opern gesetzt?

Hier ausschließlich auf Schloss- und Barockambiente zu setzen, halte ich für zu kurz gegriffen. Das gibt es mittlerweile allerorts und ich halte es für ungenügend profiliert. Natürlich darf man den zeitgeschichtlichen Aspekt nicht vergessen, etwa mit unserer Idee, die Feste des Prinzen Heinrich historisch und inszenatorisch zu rekonstruieren – das Festival sehe ich aber als lebendiges Musiktheater und man muss austesten, was in Räumen wie dem Heckentheater oder dem Schlosshof an theatraler Flexibilität möglich ist. Eine Überlegung für meine Trilogie der romantischen Opern war auch, dass es dies in der Historie der Kammeroper bisher noch nicht gab.

Warum haben Sie als künstlerischer Leiter die Formate übernommen, die auf Ihren Vater zurückgehen – und keine neue Geschaffen?

Das stimmt so nicht ganz: ich habe mit der Ausrichtung auf die Uraufführungen einen vollkommen neuen Punkt gesetzt. Verbunden mit einer Reflexion auf den gesamten Musiktheaterbetrieb im Lande. Das hat aber, das ist vollkommen richtig, die Struktur der Kammeroper nicht infrage gestellt. Ich halte das Format des Festivals für überzeugend und sowohl künstlerisch als auch kommerziell absolut ausgereizt. Die beiden großen Produktionen, Gala, Matineen, Spiegelsaalkonzert, der „Singende See“ – das ist alles dispositorisch hochgradig intensiv und künstlerisch profiliert. Meine Prämisse ist nicht: Hauptsache anders, sondern das Bestmögliche im Interesse der Sache.

Könnte es sein, dass das Konzept, jungen Sängern in Rheinsberg ein Sprungbrett zu bieten, immer weniger aufgeht? Wie prestigeträchtig ist für die Sänger ein Engagement in Rheinsberg wirklich?

Die Idee der „Förderung junger Sänger“ ist die Seele des Festivals. Die Flut der Bewerbungen aus dem Inland, Europa, aber auch Amerika genau wie Russland, China oder Südkorea ist ungebrochen, nimmt eher zu. Den Sängern geht es hier nicht anders als Schauspielern oder Musikern: immer mehr wollen es machen und immer weniger wollen es hören. Also die Qualität wächst ständig und die Arbeitsmöglichkeiten reduzieren sich. Aber soll man es deswegen lassen? Die Zeit in Rheinsberg ist so eine glückliche, inspirierende Zeit für die Sänger. Sie nehmen Selbstbestätigung und Erfolg mit. Die wenigsten Karrieren laufen geradlinig im Sinne von: Studium-Rheinsberg-Gelsenkirchen-Staatsoper-Scala. Das Leben lässt sich nicht in Statistiken abbilden, man muss es immer wieder neu versuchen.

Frank Matthus hat einige Ideen bezüglich der kreativen Ausrichtung der Kammeroper – wenn man ihn lässt

Frank Matthus hat einige Ideen bezüglich der kreativen Ausrichtung der Kammeroper – wenn man ihn lässt.

Quelle: Peter Geisler

Rheinsberg ist verkehrstechnisch schlecht an Berlin angebunden. Die Autobahn Berlin-Hamburg ist nicht einfach und mit dem Zug kommt man abends nicht mehr zurück. Was müsste geschehen, um das Festival besser zu stellen?

Folgender Vorschlag: Wenn es extra für die Kammeroper Sonderzüge gäbe, entwickeln wir ein neues Format: „Konzert im Abteil – die Violine auf der Schiene“. Wenn für die Kammeroper ein Saison-Hotel gebaut wird, dann machen wir dort das „Late Night Singing“ mit dem beliebten „Mozart Karaoke“. Da wir nicht überall Autobahn-Anschlüsse wollen, schlage ich eine Postkutschenlinie Berlin-Rheinsberg-Hamburg vor, mit Abstecher durch die „Freie Heide“. Prinz Heinrichs „Flix-Kutsche“ nach dem Motto: „Schnell kann jeder“. Mit An- und Abreise – eine Woche. Nein, Sie haben natürlich recht, je schneller unsere Verkehrswege insgesamt werden, desto ferner und abgehängter empfinden wir Rheinsberg. Appelle an die Bahn oder Politik werden angesichts wirtschaftlicher Zwänge scheitern. Vielleicht sollten wir entgegengesetzt denken. Nicht: wir tun alles, damit Sie schnell wieder nach Hause kommen. Sondern: was bieten wir, dass es die Mühe Wert ist, zu bleiben? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, Woodstock war damals auch nicht eben einfach zu erreichen.

Was müsste kulturpolitisch passieren, um der Kammeroper eine gute Zukunft zu ermöglichen?

Ha! Frau Dr. Münch, unsere Kulturministerin und Herr Prof. Dorgerloh von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten treffen sich. Und Frau Münch sagt: „Die Kammeroper will umfassend den Park bis zum Obelisken bespielen – wir haften für alle Folgeschäden.“ Darauf sagt Dorgerloh: „Nein, die Idee ist so toll, für sämtliche Schäden übernehmen wir die Verantwortung.“ Im Ernst: Sie glauben nicht, wie kompliziert es ist, die Spielorte über Schlosshof und Heckentheater hinaus zu erweitern. Was toll wäre, denn es gibt so viele Ideen. Das war zu den Hoch-Zeiten der Kammeroper Ende der 90iger und Anfang der 2000er Jahre anders: da wurde die Schlossinsel bespielt, da gab es Aufführungen im gesamten Garten! Das ist jetzt aus – nachvollziehbaren – Denkmalschutzauflagen nicht mehr möglich. Es ist trotzdem schade!

Wie sähe Ihre Empfehlung für eine „Neuausrichtung“ aus?

Man sollte nicht ausschließlich touristisch denken. Nicht das fertige Hochglanz-Produkt macht den Reiz aus, der Reiz ist die Lebendigkeit – in unserem Falle die künstlerische Lebendigkeit. Nehmen Sie Bezirke wie den Prenzlauer Berg: in den 80iger und 90iger Jahren hat hier niemand an hohe Mieten gedacht. Es war ein Areal der Lebendigkeit, des Alles-ist-erlaubt, der politischen Empörung, ein Chaos-Humus, der junge Menschen anzog und sich über das Hipp-Image erst zu den hohen Immobilienpreisen – ja, sagen wir jetzt hinauf- oder hinab - gearbeitet hat. Desgleichen in Kreuzberg oder Schwabing. Es gibt keine große Stadt ohne ihre historische „Szene“. Oder nehmen wir ein Beispiel aus der Ökologie: Wir wollen jetzt zurück zum Urwald. Es gab Jahrzehnte, da meinte man, die Wälder „sauber“ halten zu müssen bis man erkannt hat, dass da nichts mehr wächst. So ist es auch mit unseren Kunstinstitutionen. Natürlich ist es für die Verwaltung bequemer, wenn es sich hierbei um „Künstlerfreie Zonen“ handelt. Aber wenn wir uns weiter in die Sterilität regulieren, dann brauchen wir am Ende nur noch einen, der das Licht ausmacht.

Dann wird es ganz dunkel in der Provinz?

Das kann nicht der Weg sein. Rheinsberg, Neuruppin, Netzeband – es sind tolle Orte, es ist eine großartige Region. Ich lebe aus Überzeugung hier. Provinz ist kein Ort, sondern findet im Kopf statt. Es gibt hier eine Lebendigkeit und eine Anziehungskraft, die in den Statistiken der Touristiker keine Position findet. Es ziehen zunehmend Menschen hierher als Alternative zu urbaner Enge. Wir sind hier nicht „Dunkeldeutschland“, es gibt hier großartige Menschen, großartige Schulen und wir sind ein echter Gegenentwurf zur „Sexyness der Großstädte“. Ist es nicht genau das, was die brandenburgische Politik contra Abwanderung befördern möchte? Dann bitte ich um mehr Aufmerksamkeit seitens der Landeshauptstadt. Die Frage des Stigmas der Provinzialität in Rheinsberg, Neuruppin, Netzeband oder Potsdam, entscheidet sich nicht an der Einwohnerzahl.

Von Karim Saab

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