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Kultur Brandenburger Theater wagt Eigenproduktion
Nachrichten Kultur Brandenburger Theater wagt Eigenproduktion
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00:27 01.03.2018
Mal Klinikpersonal, mal Patient: Friedericke Drews, Anne Osterloh und Lorenz Pilz deuten ihre Rollen nur an. Quelle: Foto: Nadine Ohl
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Brandenburg/Havel

Die Stadt Brandenburg unterhält einen Theaterneubau mit zwei perfekten Spielstätten. Professionelle Eigenproduktionen stehen aber seit Jahren nicht auf dem Programm. Ein Signal in diese Richtung wollte Katja Lebelt setzen, die als künstlerische Leiterin inzwischen das Handtuch geworfen hat. Von ihr erhielt Gundula Weimann, eine Regisseurin aus der Berliner Off-Szene, noch den Auftrag für eine Stückentwicklung. Am Freitagabend fand die Uraufführung von „Burn or out“ statt.

Der Titel steckt das Thema recht präzise ab. Im Kapitalismus des digitalen Zeitalters verteilen die Unternehmen die anfallende Arbeit auf immer weniger Schultern. Nur wenige Angestellte halten den Druck in der Arbeitswelt bis zum Rentenalter durch. Wer nicht total für seinen Job zu brennen vermag, den setzt das System frei. Es gibt immer mehr Langzeit-Kranke und Vorruheständler, obwohl eine boomende Wellness-, Meditations- und Yoga-Industrie Konzepte entwickelt hat, um der Überbelastung zu widerstehen.

Vor einer Videoleinwand auf der fast leeren Studiobühne agieren drei Schauspieler, die als Klinikpersonal oder Patienten manchmal in angedeutete Rollen schlüpfen, sich als Figuren aber nicht entwickeln. Nina (herausragend gespielt von Anne Osterloh) setzt mehr auf hypnotische Meditation, Lara (mit Vorliebe fürs Dominante: Claudia Schwartz) auf die Vermessung der Psyche und Steffen (am Anfang zu wenig präsent: Lorenz Pilz) auf sportliche Ausarbeitung. Wissenschaftliche Expertisen werden charmant von Friederike Drews als Prof. Dr. Freudenberger in die Kamera gesprochen.

Bevor die Sprechblasen aus der Welt des Fitness- und Selbstoptimierungswahns aufgegriffen und zum Platzen gebracht werden, wird das Publikum einem Burnout-Schnelltest unterworfen. Wie in einem Seminar sollen sechs Fragen mit Punkten auf einer Skala zwischen Null und Zehn beantwortet werden, etwa „Fühlen Sie sich wie abgestorben? Funktionieren Sie nur noch?“ Das Mitmachtheater hat dann aber abrupt ein Ende. Nach einem Hauch von Volkshochschule („Seit 2004 stieg die Zahl der Burnout-Erkrankungen um 120 Prozent“) kommen andere Stilmittel zum Tragen.

Im Laufe des Abends, der viele Wendungen nimmt und auch einige Längen hat, wird deutlich, dass das Stück keine systemkritische Tiefenbohrung anstrebt. Es wird nicht einmal die Frage aufgeworfen, ob sich ein Therapeut oder ein Ausgebrannter nach den Anforderungen der Arbeitswelt ausrichten sollte oder nicht. Stattdessen setzen sich die Akteure ironisch mit den Floskeln und der suggestiven Rhetorik der Gesundheitsapostel auseinander, was durchaus unterhaltsam ist. Es fallen viele einfache Sätze wie „Wenn Du auf der einen Seite der Erde losrennst, kommst Du auf der anderen Seite wieder raus“. Es werden Übungen durchgeführt - „Sag Stopp zu negativen Gedanken!“ Und es werden galgenhumorige Bekenntnisse abgelassen: „Ich habe keine Zeit fürs Burnout. Besser ausbrennen als verblassen.“

Auch der Stress des Gesundwerdens wird wiederholt aufs Korn genommen, etwa wenn die Schauspieler live auf der Bühne eine große Flasche Spreequell um die Wette austrinken und sich in „Mir-geht-es-gut“-Beteuerungen ergehen. Die private Gegenwelt – das Nichtstun oder das Leben im „Land, wo’s Spaß macht“ - wird ebenso karikiert.

Gegen die Flut der Worte setzt die Regie Bilder und Einspielungen recht gängiger Poptitel (von Kalkbrenner und Björk bis James Brown). Vom Schnürboden fallen drei flexibel einsetzbare Hängetücher. Und plötzlich strahlt der ganze Theaterraum in Saunabeleuchtung.

Die überlegte Inszenierung von Gundula Weimann könnte für die Stadt Brandenburg einen Besserungsprozess einläuten. Denn es bleibt ein Skandal, dass ein Haus mit einem Sieben-Millionen-Etat bisher nicht einmal kleinformatige Theateraufführungen aus eigener Kraft stemmt. Ohne Zuschüsse des Brandenburger Sozialministeriums und des Städtischen Klinikums Brandenburg wäre auch dieses Projekt nicht zustande gekommen. Ein Anfang ist gemacht. Die Brandenburger sollten ihn goutieren.

Nächste Aufführungen: 1. und 22. März, 26. und 27. April, jeweils 19:30 Uhr. Studiobühne des Brandenburger Theaters. Grabenstraße 14. Brandenburg. Karten unter 03381/ 511 111.

Von Karim Saab

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