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Kultur Kein neuer Blick auf Bertolt Brecht
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14:34 04.10.2015
Michael Schrodt und Franziska Melzer präsentieren Songs von Bertolt Brecht.   Quelle: HL BÖHME
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Potsdam

 Rutschen drei Schauspieler auf ihren Knien über die Bühne, sprechen quäkend wie Kinder, finden Kondome auf dem Boden und – hihi, hoho – blasen sie auf, um sich damit anzustupsen. Klingt wie der Anfang von einem versauten Witz, ist aber Teil des von Niklas Ritter inszenierten Liederabends über Bertolt Brecht am Potsdamer Hans-Otto-Theater.

Am Freitag hat „Von Kindheit an sann ich auf Böses“ Premiere gefeiert. Neben dem albernen Präservativ-Gefummel und ein paar gelungeneren szenischen Ideen bietet die Aufführung bewährte Kost für Brecht-Verehrer: die übliche Überbetonung, so dass auch jedes Wort seinen Weg ins Gehör findet, Kostümwechsel auf der Bühne und Hits, etwa aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ und der „Dreigroschenoper“.

Schöner mehrstimmiger Gesang im schummrigen Licht

 Die Umsetzung gerät mal jazzig, mal poppig, in melancholischen Momenten als schöner, mehrstimmiger Gesang im schummerigen Licht. Anleihen von Klezmer und Bossa Nova kommen vor, aus dem erwartbaren Rahmen fällt das musikalische Bild aber nicht. Brecht als Rockshow oder Punk-Performance? So etwas gab es schon, nachzuhören auf einem Album der Band Slut, die die Songs der Dreigroschenoper klingen lassen wie tanzbare Hits aus der Indierock-Disko. Im Hans Otto Theater mäandert die musikalische Begleitung vor sich hin, alleine Florian Schmidtke, sowohl Band- als auch Ensemblemitglied, versucht mit seiner dem Hip Hop entlehnten Attitüde ein ganz anderes Genre zu bedienen. Das Problem: Er kann nicht rappen.

Die Auswahl der Songs ist interessant, bietet sie zwar auch, aber eben nicht nur die gewohnten Gassenhauer. Einige Stücke entstammen Brechts „Hauspostille“, der zwischen 1916 und 1925 entstandenen Sammlung von Gedichten. Die Lieder sind frivol, lakonisch, düster – passend zum Motto des Abends „Von Kindheit an sann ich auf Böses“. Tatsächlich war Brecht ein Jahrhundert-Schriftsteller, der sich nicht nur an den üblen Schweinereien der Menschheit abarbeitete – Gier, Krieg, Kapitalismus – sondern sich auch den vergnüglicheren widmete: Liebe, Lust, Sex. Ist das neu, sieht wirklich jemand Brecht noch als Arbeiter- und Bauerndichter, der Theater als politische Standpauke verstand, ohne Sinnlichkeit?

Der Liederabend will alles zeigen, was in Brecht steckt

Hunderte Neuinszenierungen sind über die Bühnen gegangen, seit der Dramatiker 1956 verstarb. Der Potsdamer Liederabend versucht in knapp eineinhalb Stunden von allem, was in Brecht steckt, ein bisschen vorkommen zu lassen. Damit überfordert er auch die sich mühevoll durchs Repertoire singenden Schauspieler. Von ihnen bleiben nur die vor Coolness strotzende Rita Feldmeier und der traurige Gesang von Michael Schrodt in Erinnerung, der in Strapsen und High Heels verloren durch die Kulisse stöckelt.

Ein roter Faden, der die Songs zu verweben vermag, fehlt gänzlich. Interessant wäre es auch gewesen, die Gassenhauer auf die Gegenwart zu beziehen oder sich ganz auf die infantile Lustsuche des Herrn Brecht und auf seine frühen Gedichte zu konzentrieren. Stattdessen servieren Niklas und Tilman Ritter einen Kessel Halbgares. Viele Kostüme – Lack, Leder, Prostituiertenperücke, Marlene-Dietrich-Frack, Engelsflügel – aber wenig Aussage darüber, was wir heute mit diesem Brecht eigentlich anfangen können. Sehr bemüht wirkt es, im Schlussteil der Vorführung plötzlich mit einem kurzen Videoclip den Bezug zum Syrien-Krieg und der Flüchtlingskrise herstellen zu wollen. Auf der Leinwand sind Begriffe beim Brettspiel zu sehen, etwa „Syrien“, „Banken“ und „Krieg“. Das war’s, fertig, nächster Song.

Am Ende fühlt man sich, als habe man Brechts Werk wie einen Gemischtwarenladen durchforstet. Doch der Einkaufskorb bleibt leer.

Weitere Aufführungen: 10. Oktober um 19.30 Uhr, 25. Oktober um 15 Uhr und 28. Oktober um 19.30 Uhr. Infos zum Vorverkauf unter 0331/ 98118

Von Maurice Wojach

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